Von London nach Peking: Drei Kuratoren reisen mit einem Mini-Modell einer Skulptur des bekannten deutschen Künstlers Tobias Rehberger im Gepäck die Seidenstraße entlang. In jedem Ort wird die Skulptur mit lokalen Materialien nachgebaut. In Almaty kostete das Modell „Grüner Basar“ 120 Euro und war Ende September drei Tage in der Galerie Tengri-Umai zu sehen.

/Bild: Christine Karmann. ‚Die in Almaty aufgebaute Tochter-Skulptur des Originals vom Tobias Rehberger.’/

In Almaty wollen alle von Hans Askheim, selbst Künstler und Kurator der Ausstellung „Overland: London to Beijing“ wissen, was die Skulptur in der Tengri-Umai Galerie darstellen soll. Wenn Hans Askheim das erzählt, leuchten seine Augen hinter der stylischen Szene-Brille, und man hat nicht den Eindruck, dass ihn diese Frage stört. Im Gegenteil, es scheint als habe er nur auf diese Frage gewartet. „In Istanbul, wo die Ausstellung im Rahmen des Parallelprogramms der Biennale gezeigt wurde, hat mich keiner nach der Bedeutung der Skulptur gefragt“, sagt Hans Askheim.

Zusammenhang zwischen Kunst und Markt

Vielleicht reagiert ein Biennale-Publikum anders auf moderne Kunst, vielleicht hat Hans Askheim auch schon zu viel verraten, wenn er die Skulptur immer Zelt nennt und damit schon die Hauptrichtung der Interpretation vorgibt. „Overland: London to Beijing“ ist ein internationales Kunstprojekt, das nach dem Zusammenhang zwischen Kunst und Markt in einer globalisierten Welt fragt. Drei Kuratoren Hans Askheim, Tom Keogh und Miranda Pope reisen mit einem Skulptur-Modell im Koffer die historische Route der Seidenstraße entlang und bauen in Istanbul, Almaty, Xian und Peking mit lokalen Künstlern die Skulptur nach.

Die Mutter-Skulptur stammt von dem deutschen Künstler Tobias Rehberger, dessen Werke sich frei zwischen Malerei, Bildhauerei, Design, Aktionskunst und Architektur bewegen. Zu Rehbergers bekanntesten Werken zählt sein im Jahre 1999 begonnenes Auto-Projekt. Der Künstler gab thailändischen Handwerkern den Nachbau von bekannten Luxusautos in Auftrag, die Rehberger vorher aus dem Gedächtnis gezeichnet hatte. Indem Rehberger die Produkte der Weltwirtschaft neu gestaltet, untersucht er die Beziehung zwischen dem Objekt und seiner Bedeutung als ein Produkt und als Kunstwerk.

Auch das Overland-Projekt will zum kritischen Diskurs rund um die Aspekte Kunst, Urheberschaft, soziale Werte und Warenströme aufrufen. Die Kuratoren reisen mit Rehbergers Mutter-Skulptur in die aufstrebenden Schwellenländer des Ostens. Der Transport soll die Bewegung des Kunstwerks unterstützen und die Grenzen, welches es überquert, sichtbar machen. Dies geschieht im Gegensatz zu dem üblichen Weg, wie Kunst die Welt bereist, von Biennale zu Biennale, Kunstaustellung zu Kunstaustellung und Institution zu Institution, wenn die Grenzen durchlässig aussehen und die Bewegung des Kunstwerks unsichtbar bleibt.

Von Istanbul sind die Kuratoren nicht einfach nach Almaty geflogen, sondern haben Teile der Strecke auch mit dem Bus und dem Zug zurückgelegt. „Wir wollen uns auf die einzelnen Länder in Ruhe einlassen und einen Gegenpol zum hektischen Biennaletreiben setzen“, sagt Hans Askheim. Welche ersten Eindrücke haben sie in Kasachstan gemacht, und was ist das Besondere am modernen Kunstmarkt? „Kasachstan ist auf der Suche nach seiner eigenen Identität zwischem dem russischen Bär aus dem Norden und dem chinesischer Tiger im Osten“, sagt Hans Askheim. „Es gibt vielleicht 50 moderne Künstler. Vielen ist es in Almaty zu teuer, eigene Galerien zu eröffen, sie weichen aufgrund der günstigeren Mietpreise in die kirgisische Hauptstadt Bischkek aus.“

Nun mag es in Kasachstan große leere Steppen und Wüsten geben, in den Hochgebirgen verstecken sich jedoch einige seltene Schneeleoparden. Kostja Smirnow, 21, ist selbst Künstler („Kunst bedeutet innere Freiheit“) und hat eine Meinung zu der Skultur, die er nicht nur mitteilen, sondern lieber gleich selbst auf den Notizblock schreibt. Es soll kein Wort verloren gehen. In großer Bleistiftschrift steht zu lesen: „Der Künstler selbst ist nicht konzeptuell. In ihm fühlt man nur Vergangenes. Modernes gibt es gar nicht.“

Plattform der Diskussion

Von dem in drei Tagen aus synthetischen Stoffen und Baumwolle zusammengenähten Zelt fühlt sich Kostja beleidigt. „So was gibt es in Europa seit den 60-70er Jahren“, sagt der junge Künstler aus Almaty. Die Idee, dass die Skulptur frei zum Assoziieren einlädt, findet Kostja dagegen gut. Das Zelt soll zu einer Plattform der Diskussion werden, wo kultureller Austausch stattfindet und neue Interpretationen von Handelsartikeln gesucht werden, erklärt Hans Askheim die ursprüngliche Idee. Bei der Aktion geht es auch um das Partizipieren und das Nicht- Partizipieren. An der Endausstellung in London können sicher nicht alle Besucher der Ausstellug in der Tengri-Umai Galerie teilnehmen, aber es wird ein Dokumentarfilm über das Projekt gedreht.

Ende der Reise in London

Andre Augustin,Volontär beim Goethe-Institut in Almaty, kritisiert an der Aktion, dass es auch aufgrund der Sprachbarriere schwierig war, die Idee den Künstlern in Almaty zu verdeutlichen. „Ich hätte gerne noch mehr über die Reise entlang der Seidenstraße und den Entwicklungsprozess der Skulptur erfahren“, sagt Augustin. Er ist gespannt auf die abschließende Ausstellung in London, in der alle vier in Istanbul, Almaty, Xian und Peking gefertigten Zelte gezeigt werden.

Sicher ist auch der Künstler Tobias Rehberger, der seine Skulptur zum Nachbauen frei geben hat, auf die vier Endresultate gespannt. Er bereits Erfahrung gesammelt, wie seine Ideen von professionellen Handwerkern oder dem Publikum interpretiert werden. Dieses Mal hat er die gesamte Verantwortung den drei Kuratoren übergeben. Hans Askheim erklärt, dass es auch ein Experiment des Künstlers mit der Freiheit ohne Kontrolle ist. Soviel darf schon verraten werden, die Skulptur in Almaty sieht dem Original recht ähnlich, statt dem Muschelanhänger haben die lokalen Künstler einen Fisch genommen, soviel Freiheit ist erlaubt, wenn es das Budget hergibt, wie Askheim direkt die Grenzen der künstlerischen Freiheit verdeutlicht.

Der Kurator hat mittlerweile seinen Koffer, in dem ein Modell der Skulptur steckt, im Hotel ausgepackt. In Kasachstan wollten ihn alle einheimischen Journalisten vor dem roten Rauchabzug des Zeltes, den Hans Askheim Finger nennt, filmen und fotografieren, und das scheint ihm am Ende dann doch ein bisschen zu viel geworden zu sein. Die Almatyer wissen eben auch, wie man mit europäischer Konzeptkunst umgehen kann.

Von Christine Karmann

09/10/09

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