Neben Wodka gilt der alkoholarme Erfrischungstrunk Kwas als russisches Nationalgetränk. In der Sowjetzeit gehörten Kwas-Wagen zum Stadtbild. Heute muss man sie fast schon suchen und in die russischen Vorstädte hinausfahren. Doch ein amerikanischer Getränkekonzern entdeckt jetzt, dass man mit Kwas gute Geschäfte machen kann und will den Kwas-Markt neu beleben.

/Bild: Jan Balster/

Jaroslawl, am oberen Flusslauf der Wolga gelegen, ist mit knapp einer Million Einwohnern nicht nur eine Hafenstadt mit einem Eisenbahnknotenpunkt an der Transsibirischen Eisenbahn sondern auch Gebietshauptstadt. Außerdem blickt die über tausendjährige Stadt auf eine reiche Geschichte zurück und bildet mit seiner breitgefächerten Industrie, der Gummiproduktion, Chemie und dem Maschinenbau den wirtschaftlichen Motor der Region.
Hier habe ich mich mit Kolja um 10 Uhr morgens am Wlassi-Torturm verabredet. Von weitem winkt er mir zu, überquert sicheren Schrittes die zweispurige Hauptstraße, und schon schütteln wir uns die Hände. „Da ist ein Kwas-Wagen“, sage ich: „wollen wir etwas trinken?“ „Ein Kwas-Wagen?“ wiederholt Kolja. „Ich denke, du interessierst dich für Kultur, Ikonen und das Igorlied?“ „Lass uns zuvor etwas trinken“. „Du hörst dich beinah an wie ein Russe. Wird es heute nicht, wird es morgen.“ „Möchtest du einen Becher?“, lasse ich nicht locker; „da können wir uns hinsetzten und über Ikonen sprechen.“ Kolja lacht: „Ich habe es mir abgewöhnt.“ Und er nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Colaflasche. „Gut, wenn du magst“, fährt er fort: „Dann erledige ich noch einige Besorgungen für meine Frau.“

Nationalgetränk der Russen

Unsere erneute Verabredung vernehme ich schon nicht mehr. Meine Gedanken kreisen jetzt um dieses alte russische Gebräu, welches neben Wodka als Nationalgetränk der Russen gilt. Kwas, das beliebte alkoholarme Erfrischungsgetränk, welches durch Vergären von Brot und Getreide gewonnen wird. Je nach Jahreszeit, dem Klima, Geschmack und den Gewohnheiten der Russen gibt es zeitweilig mehr als fünfzig Kwassorten. Dem „sauren Getränk“ (russischen Bedeutung für Kwas), spricht man sogar heilende Wirkung zu.

Der nussig-malzige Geruch steigt mir in die Nase als Tatjana, die Verkäuferin am Kesselwagen den ersten 0,5-Liter-Plastebecher füllt. Alles ist vergessen. Eine Abhängigkeit setzt ein wie sie bei anderen Zigaretten hervorrufen. Automatisiert führe ich den ersten Becher zum Mund. Süffig gurgelt das kühle Nass durch meine Kehle. Ich merke es kaum, als mir Tatjana den zweiten Becher reicht. Ich genieße den säuerlichen Geschmack, den ich beinahe vergessen hatte. Ein Glücksgefühl breitet sich in mir aus. „Noch einen Becher?“ fragt die 26-Jährige nachdem sie mir bereits einen Dritten abgefüllt hat. „Einen Moment bitte“, antworte ich: „Ich schmecke noch ein wenig nach. Vielleicht können Sie derweilen meine beiden Literflaschen füllen.“ Jetzt stutzt sie noch mehr als zuvor. Ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass sie mich nicht ernst nimmt. „Soviel nimmt kaum jemand“, versucht sie zu überspielen. „Vor 15 Jahren konnte man diese gelben Kesselwagen an jeder Ecke und sogar in Moskau antreffen“, rechtfertige ich mich ein wenig. „Der Wagen gehörte zum Straßenbild dazu, wie die berühmte Puppe in der Puppe in die Souvenirläden. Heute muss ich schon danach suchen und weit ins Umland hinausfahren.“

Kwas aus eigner Herstellung

„Kwasherstellung ist schwer“, meint Tatjana. „Das Brot ist heute nicht mehr so geeignet, vollgestopft mit Chemie. Es wird eher schimmelig, als es hart wird.“ Täglich steht sie hier und verkauft ihren kühlen Trunk, der im Sommer wesentlich leichter unter die Leute zu bringen ist als im Winter. Was soll sie anderes tun, ohne Ausbildung, ohne Chance auf einen Broterwerb, eine anständig bezahlte Arbeit? Sie lebe nur einmal, erklärt Tatjana. So arbeitet sie mit ihrer Mutter im Verkauf. Nicht nur dies, beide sind gleichzeitig Hersteller. Nach zwölf Stunden am Wagen ist ihr Arbeitstag noch nicht beendet. Auf ihrem Hof außerhalb der Trabantensiedlungen, die sich weit ins Umland schieben, setzten sie die neuen Fässer für die kommenden Wochen an. Im Winter haben sie zwar mehr Freizeit, „aber im Sommer müssen wir das Geld für diese Zeit verdienen“, berichtet Tatjana. „Und die Winter sind lang in Russland.“ Ihre Mutter arbeitet am Kwaswagen auf dem Krasnaja Ploschad. Jeden Mittag kommt sie an den Wlassi-Torturm und bringt der Tochter etwas zu essen vorbei.

„In der Jugend waren die Zucker süßer und die Mädchen schöner.“

„Ach, da bist du schon“, begrüßt sie ihre Mutter. „Du flirtest schon wieder“, gibt sie zurück. Tatjana stammelt ein paar Worte der Entschuldigung. „Na, lass mal”, bremst ihre Mutter und wendet sich mir mit einem alten russischen Sprichwort zu: „In der Jugend waren die Zucker süßer und die Mädchen schöner.“

„Möchten Sie etwas mitessen“, fragt mich Tatjana. Dankbar lehne ich ab. Wenig haben diese Menschen, denke ich, und trotzdem teilen sie. Ihnen ist es sogar unangenehm, vor mir zu essen. „Ich nehme gern noch einen Becher Kwas“, sage ich. Vielen Menschen bereitet die Marktwirtschaft  Probleme. Und tatsächlich geht es vielen Russen heute schlechter als zu Sowjetzeiten. Man kannte keine Arbeitslosigkeit. Der Lohn wurde pünktlich gezahlt. Und das Urlaubsgeld reichte für eine dreiwöchige Reise ans Schwarze Meer. Kurzum, das Geld genügte für das tägliche Leben. Dabei kommt Tatjanas Mutter ins Schwärmen. „Du immer mit deiner Sowjetunion“, unterbricht sie die Tochter. „Da war eben vieles besser.“ „Wir leben heute. Mit deiner Sowjetunion kann ich wenig anfangen.“

„Ja, heute frisst die Miete zwei Drittel der Monatseinnahmen.“ Tatjanas Mutter ging die Entwicklung in Russland zu rasant. Der sich ausbreitende Kapitalismus verderbe die Jugend und lasse die Ansprüche vieler Menschen hochschnellen. Allmählich sieht sie die russische Seele dahinschwinden. Ganz unrecht hat sie damit nicht. „Die Jugend denkt nur noch an Konsum“, bestimmt sie. „Mutter, du hast wohl die Inflation von 1998 vergessen?“, fällt ihr Tatjana ins Wort: „Gespart hast du. Und was hattest du davon? Nichts.“

Coca-Cola will den Kwas-Markt erobern

Seit geraumer Zeit legte sich ein neuer Schatten über ihr Leben. Die russische Presse bestätigte Gerüchte, der amerikanische Konzern Coca Cola wolle den russischen Markt mit einem neuen Kwasprodukt beglücken. Hierzu will der Konzern in zwei russischen Fabriken, in Twer und Pensa, den beliebten Trunk brauen lassen. Schließlich war Kwas in den vergangenen zwei Jahren das Erfrischungsgetränk mit der steilsten Wachstumskurve. „Mit großen Werbekampagnen wird Coca Cola den Markt neu beleben“, bekräftigt Tatjana. „Dies wird sicher auch unserem Geschäft gut tun.“ Die Mutter lächelt wissend und fragt den Herrn, dem sie gerade einen Becher Kwas abfüllt: „Was meinen Sie dazu?“ „Ich brauche keinen amerikanischen Kwas.“ „Die Leute werden sich daran gewöhnen“, wirft Tatjana ein. „Ja, eher an den Schluck aus den Flaschen im Supermarkt“, sagt der Herr. „Und irgendwann werden wir Russen nicht mehr wissen, wie richtiger Kwas schmeckt“, fügt die Mutter hinzu. Da kommt Kolja von seinem Besorgungsgang zurück und meint zu mir: „Was ist jetzt mit dem Igorlied und den Ikonen?“ „Hast du alles bekommen?“, frage ich zurück. Er lacht: „Und du?“ „Ja, 50 Rubel in Kwas angelegt.“

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Von Jan Balster

22/08/08

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