Die zweite Lesung der Reihe „Lebendige Erinnerung“ fand unter dem Titel „Die Große Umsiedlung der Völker“ im SIGS Space statt. Sie beschäftigte sie sich mit den Deportationen verschiedener Bevölkerungsgruppen aus zahlreichen Teilen der Sowjetunion nach Kasachstan in den 30er und 40er Jahren.

OpenMind, ein kulturwissenschaftliches Vortragszentrum, das einzelne Vorlesungen zu Kunst, Philosophie, Psychologie, Geschichte und anderen Themen veranstaltet, organisiert eine Vorlesungsreihe zum Thema Deportation. Das Ziel von OpenMind sei es, so die Gründerin Alexandra Zai, mit den Vorlesungen nicht nur Studierende, sondern ein breites Publikum zu erreichen. „Unsere Lesungen sollen akademisch sein, aber auch sehr interaktiv. Das Format ist so angelegt, dass das Material qualitativ ist, zugleich aber auch zugänglich für möglichst viele Menschen.“
 
Ereignisse, die Kasachstan bis heute beeinflussen
 
Die Reihe „Lebendige Erinnerung“ umfasst unter anderem Lesungen zu den Themen politische Repressionen in der Literatur, dem „Karlag“ im Bezirk Karaganda und Erinnern in der Kunst. Zur Themenwahl sagt Alexandra Zai: „Es ist der Versuch, Ereignisse zu wählen, die besonders schmerzhaft und wichtig für Kasachstan waren, und sie nicht nur historisch zu behandeln, sondern auch zu betrachten, wie sie unser Leben bis heute beeinflussen.“
Am vergangenen Donnerstag wurden interessierten Zuhörern nicht nur eine, sondern gleich drei Lesungen geboten. Geladen waren Zhulduzbek Abylchozhin, Professor für Geschichte an der Kasachisch-Britischen Universität, Sarina Achmatowa, Chefredakteurin des Internetjournals Vlast.kz sowie Juri Serebrjanski, Schriftsteller und Redakteur des Polnischen Kuriers Almaty.
Nach der Begrüßung durch Alexandra Zai begann Zhulduzbek Abylchozhin seine Lesung. Das Mikrofon aufs Knie gestützt, in der Hand einige dicht bedruckte Blätter, klärte er das Publikum über die genauen Zahlen und Umstände der Deportationen auf. Von der Krim bis in den Fernen Osten waren Menschen von den stalinistischen Deportationen betroffen, insgesamt ca. 1 Mio. Tschetschenen, Polen, Koreaner, Deutsche, Finnen, Türken, Tataren, Griechen, Kurden und viele andere ethnische Gruppen wurden Opfer der Deportationen.
 
„Es gab keine Gründe“
 
„Es war alles geplant, aber es gab keine Gründe“, wiederholte Abylchoschin mehrmals in seinem Vortrag. Grund für die Deportationen war der Verdacht Stalins, die ethnischen Minderheiten würden mit den militärischen Gegnern der Sowjetunion kollaborieren, wobei er im Fall der Deutschen eine besondere Gefahr sah. Zhulduzbek Abylchozhin stellte weiterhin fest, dass es sich bei den Deportationen um eine „Kriegshandlung“ handelt, die nur im Kontext des Zweiten Weltkriegs verstanden werden kann.
Sarina Achmatowa, deren Großeltern aus Tschetschenien deportiert wurden, hielt ihre Lesung über die Deportation der Tschetschenen und Inguschen im Rahmen der Operation „Linsen“. Insgesamt wurden knapp 500.000 Menschen der beiden Gruppen aus dem Nordkaukasus nach Zentralasien gebracht. Viele, vor allem Alte und Kinder, starben auf dem Weg. Das Datum der Operation ist bekannt, es war der 23. Februar 1944, doch offizielles Erinnern ist auch heute in Tschetschenien nicht möglich.
Achmatowa nennt es deshalb das „unerinnerte Datum“ in der Geschichte der Tschetschenen.
Neben den Zahlen stellte Achmatowa Einzelschicksale von Betroffenen dar. So zum Beispiel das Chaschbek Alujews, der mit seiner Familie von Tschetschenien nach Kasachstan deportiert wurde und heute im Gebiet Almaty lebt. Sein Vater und einer seiner Brüder starben kurz nach der Deportation. (Das Interview mit ihm und anderen Zeitzeugen wurden von Vlast.kz geführt und online unter dem Titel „Tagebuch der Erinnerungen“ zusammengetragen.)
 
Die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen
 
Alexandra Zai – Gründerin von OpenMind. | Foto: omind.kz
Frau Achmatowa berichtete während ihres Vortrags auch von ihrem Besuch in Deutschland. Dort hat sie Stolpersteine gesehen; kleine, in den Boden eingelassene Gedenktafeln, auf denen die Namen der Opfer des Nationalsozialismus stehen –
oft deutscher Juden. Sie befinden sich in den Gehwegen und den Straßen vor den Häusern, in denen die Menschen lebten, bevor sie von den Nazis deportiert wurden. „Jemand aus der Gruppe fragte, reicht es nicht, sollte man nicht einmal Schluss machen mit all dem? Und unsere deutsche Begleitung erwiderte, nein, denn wenn wir eine Demokratie sein wollen, müssen wir uns daran erinnern, um diese Fehler nicht zu wiederholen.“
 
Interviews mit polnischen Zeitzeugen
 
Jurij Serebranskij schließlich verlas im Rahmen seiner Lesung die Lebensgeschichte einer 80-jährigen Kasachstanerin polnischer Herkunft, die die Deportationen ebenfalls selbst miterlebte. Die Erzählung ist bewegend und gibt einen Eindruck davon, wie die Zeitzeugin die Deportation als kleines Kind erlebte. Auch der Polnische Kurier Almaty führte und sammelte Interviews mit polnischen Deportierten. „Die Geschichten sind sich alle ähnlich“, stellte Serebranskij fest. „Dabei stellt jede ein menschliches Schicksal dar.“
Nach den drei Lesungen war Zeit für Fragen aus dem Publikum. Eine Zuhörerin fragte, wem aus historischer Sicht die Verantwortung für diese Ereignisse gegeben werden kann und ob jemand diese Verantwortung anerkannt hat. Doch da Russland nicht Rechtsnachfolger der Sowjetunion ist, ist nicht klar, wer heute für die Taten des Sowjet-Regimes verantwortlich gemacht werden kann. Jurij Serebranskij stellte fest, dass für die polnische Gemeinde das Vergangene aufgearbeitet wurde, aber auch Vergangenheit ist. Zarina Achmatowa verwies auf den Widerspruch, den die Rehabilitierung der Deportierten nach dem Zerfall der Sowjetunion in sich trug: sie wurden rehabilitiert, ohne dass jemals anerkannt wurde, dass ihnen Unrecht getan worden war.
Die Veranstaltung endete mit der Frage, wie der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema der Lesung und der Vorlesungsreihe aussehen sollte. Zhulduzbek Abylchozhin bewertet die Rolle der Medien als zentral für das Erinnern an die Vergangenheit.
„Es ist schon lange alles aufgeschrieben über die Deportationen, das Thema ist geschlossen. Jetzt sind tatsächlich die Medien dafür verantwortlich, dies der Öffentlichkeit zu vermitteln.“

Luisa Podsadny

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here