Mehr Sprachen – mehr Leben! So lautete das Motto des diesjährigen 13. Deutschlehrertags, der am 8. und 9. November im Linguistischen Gymnasium Nr. 18 in Almaty stattgefunden hat. Über 200 Deutschlehrer aus ganz Kasachstan tauschten sich in verschiedenen Seminaren über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus. Themen wie Sprachfrüherziehung, Zwei- und Mehrsprachigkeit sowie neue didaktische Ansätze für den Deutschunterricht standen dabei im Mittelpunkt.

/Die Expertin für Sprachtraining Anne Sass stellt auf dem 13. Deutschlehrertag Modelle der Motivationsforschung vor. /

Mehrsprachigkeit und Motivation war auch das Thema des Plenarvortrags von Anne Sass, Expertin für Sprachtraining, Coaching und Supervision aus Köln.

Mehrsprachigkeit ist heutzutage Normalität, sagt Anne Sass. Selbst im weitgehend einsprachig geprägten Deutschland haben mittlerweile ca. 30 % aller Kinder einen Migrationshintergrund und sind damit zwei- oder mehrsprachig aufgewachsen. Durch die globale Vernetzung werden wir in Schule, Beruf und Privatleben herausgefordert, mehr als nur eine (Fremd-)sprache zu erlernen. In der Forschung wird das Phänomen Mehrsprachigkeit schon länger diskutiert. Heute gilt als wissenschaftlich bewiesen, dass mehrsprachige Menschen im Vergleich zu ihren einsprachigen Mitmenschen viel flexibler und toleranter seien, so Anne Sass. Außerdem könnten sie sich schneller auf neue Situationen und Informationen einstellen. Die Frage ist nur: was bringt Menschen dazu, mehr als eine Sprache neben ihrer Muttersprache zu lernen? Was motiviert Menschen zum Fremdsprachenlernen?

Menschen sind verschieden – so existieren auch unterschiedliche Lern- und Motivationstypen. Sass stellte in ihren Ausführungen mehrere Modelle aus der Motivationsforschung vor, die in Expertenkreisen kontrovers diskutiert werden. Neben der klassischen Maslow’schen Bedürfnispyramide gibt es das Modell der „16 Lebensmotive“ von Stephen Reiss aus dem Jahre 2000: Dieses Konzept unterscheidet z. B. zwischen Lernanreizen zum Sprachlernen, die für Schüler wichtig sind: Neugier, Anerkennung, Lob, Beziehungen, Gruppengefühl. Motive wie Idealismus und Status sind dagegen für Deutschlehrer wichtig.

Motivation entsteht aber auch durch den besonderen Bewusstseinszustand des „Flow“, der 1975 durch den Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi erforscht wurde. „Flow“ bedeutet soviel wie „Fließen“ oder „Strömen“ und beschreibt in diesem Kontext einen Schaffens- oder Tätigkeitsrausch. Sprachlernen und Sprachunterricht kann einen Menschen in so einen vertieften Lernzustand bringen, in dem sogar Zeit und Raum nicht mehr wichtig sind. In diesem „Flow“-Zustand, der für Csikszentmihalyi auch eine wichtige Quelle für Glücksgefühle darstellt, gelangt der Lerner in eine länger andauernde Euphorie, vergleichbar mit eben diesem Glückszustand. Im Flow stimmt die Lernanforderung mit den Fähigkeiten des Sprachlernenden völlig überein. Ein zu schwieriger Text im Unterricht stellt bei schwach ausgeprägten Fähigkeiten eine zu hohe Anforderung und damit eine Überforderung des Lerners dar. In den Zustand des „Flow“ kommen die Sprachlerner dann allerdings nicht, eher in einen Stresszustand.

Die Empfänglichkeit für einen Flow-Zustand sei jedoch bei Jungen und Mädchen unterschiedlich ausgeprägt, beschreibt Anne Sass mit der Studie der „Streßkurve“ (Helgesen und Johnson, „The female vision“). So fühlten sich Mädchen beim Sprachlernen viel schneller überfordert und Jungen bräuchten eher mehr Antrieb und Anreize, eine Sprache zu lernen.
Menschen, die eine Sprache lernen, könnten sich aber auch intrinsisch und von selbst motivieren, führt Anne Sass aus. Hieß es früher oft, man müsse automatisch von innen heraus motiviert sein, wurde inzwischen das Gegenteil bewiesen: Menschen brauchen im Lernprozess öfter einen Anstoß von außen, um weiterzumachen. Wichtig sei auch, wozu werden die Schüler im Unterricht motiviert? Großen Einfluss auf die Lernmotivation haben extrinsische Motive, wie soziale Motivation (Wettbewerb), Noten, Lob oder materielle Anreize. Diese Motive stehen den intrinsischen gegenüber: Hier verspürt der Schüler Neugierde, Interesse und Wissensdrang, neben einer noch eine zweite Fremdsprache zu lernen.

Auf die Lerneinstellung kommt es an

Doch selbst wenn die Motivation uns zum Lernen antreibt, beeinflusst doch auch die Lerneinstellung den Erfolg: Haben Sprachlerner von Grund auf eine negative Lerneinstellung zu Fremdsprachen, werden sie keinen Erfolg haben und nur widerwillig lernen, so Anne Sass. Weit verbreitete schädliche Einstellungen seien beispielsweise: „Ich habe sowieso keine Sprachbegabung“ oder „Deutsch ist viel zu schwer“. Diese Einstellungen können schwerlich eine Entwicklung im Sprachlernen hervorbringen.

Positive Lernerfolge dagegen erzielt man eher mit Freude, Begeisterung und vor allem Geduld am Sprachlernen. Die ersten Erfolge werden sich dann unweigerlich einstellen und optimistisch machen. Egal ob jung oder alt: positive Lernerfolge steigern das Selbstbewusstsein und regen zum Weitermachen an.

Wie können diese Modelle Deutschlehrern im Deutschunterricht helfen? Zum einen erfahren Lehrer, wie sie sich selbst und ihre Schüler besser zum Sprachlernen motivieren und auch kritische Phasen meistern können. Viele Lehrer schöpfen ihre Motivation aus ihrer sozialen Verantwortung den Schülern gegenüber und dem Spaß an der Arbeit, führt Anne Sass aus. Um Fremdsprachenunterricht wirklich gut zu gestalten, sollte man laut Sass einige Motivationsfaktoren beachten. In der Forschung sind diese Faktoren 1998 von Dörnyei und Csizer untersucht worden.

Zum einen sei es wichtig, dass der Lehrer für seinen Unterricht selbst motiviert ist.
Eine positive Lernatmosphäre muss geschaffen werden, in der die Lerninhalte angemessen vermittelt werden. Wenn es dem Lehrer gelingt, in seinen Schülern ein linguistisches Selbstbewusstsein zu entwickeln und dieses zu stärken, ist schon einiges gewonnen. Gerade Mehrsprachigkeit kann dieses sprachliche Selbstbewusstsein fördern, wenn Schüler Sprachen vergleichen lernen und mit Sprachen „spielen“. Außerdem sollten Schüler im Fremdsprachenunterricht wissen, wozu sie diese Sprache erlernen. Sie sollten erkennen, dass sie für sich selbst und ihr weiteres Leben lernen. Damit verbunden ist auch der Anreiz, einmal die Zielkultur – also in unserem Falle die deutsche Kultur – kennenzulernen.

Wer die Hürden des Sprachlernens überwunden hat und bereits eine Fremdsprache spricht, ist das aber noch nicht alles gewesen! Die Neugier am ständigen Sprachenlernen und die Bereitschaft weiterzulernen, müssen erhalten bleiben, so Sass. Schließlich können Menschen durch Mehrsprachigkeit nur profitieren: Ergebnisse der Fremdsprachenforschung bescheinigen Polyglotten nicht nur Flexibilität und Toleranz, sondern auch eine stärkere soziale Einbindung, Selbstbestimmung und eine stärkere Bereitschaft zur Kooperation!

Weitere Informationen: www.anne-sass.de, www.reissprofile.eu, http://clear.msu.edu/clear/newsletter/files/fall2005.pdf, www.wikipedia.org, www.unboundideas.com/webinars/sally-helgesen-and-julie-johnson

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Anne Sass ist Supervisorin, Coach und Trainerin für internationale Fach- und Führungskräfte sowie für Lehrende im Bereich Kommunikation, Deutsch als Fremdsprache, interkulturelle Kompetenz, kollegiale Beratung und Teambuilding. Die studierte Germanistin begann 1990 als Sprachtrainerin an Privatschulen zu unterrichten und war als DAAD-Lektorin in China tätig. Seit Ende der 90er Jahre ist Anne Sass selbständige Trainerin und u.a. in Lehrerfortbildungen weltweit für das Goethe-Institut unterwegs. Sie spezialisierte sich auf den Bereich „Deutsch für den Beruf“. Seit 1997 arbeitet Anne Sass als selbständige Trainerin in Köln.

Von Malina Weindl

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