Kasachstandeutsche werden oft als Brücke zwischen Deutschland und Kasachstan bezeichnet. Das gilt insbesondere in der Wirtschaft. Zahlreiche Kasachstandeutsche haben ihr eigenes Unternehmen. Sie werben mit deutscher Qualität und deutscher Gründlichkeit.

Im Norden Astanas begrüßt Egor Herlein seine Gäste mit einem Lächeln, führt sie durch große Produktionshallen und in das Herzstück der Fabrik: das firmeneigene Testlabor. Weiße Kunststoffteile warten darauf auf Herz und Nieren geprüft zu werden, schließlich sollen sie deutschen Qualitätsvorgaben entsprechen.

Herlein leitet ein Werk der Firma „F.K. Kunststoffe“, das Fensterprofile herstellt. Fensterprofile werden im Fensterbau die Elemente genannt, aus denen Fensterrahmen und Flügel zusammengesetzt sind. Der deutsche Name des Unternehmens kommt nicht von ungefähr: 2012 wurde das Profilwerk der Funke Gruppe in Deutschland abgebaut und in Kasachstan komplett wiederaufgebaut. Von den Maschinen bis hin zu den Bürostühlen stammt alles aus Deutschland. 68 LKW waren für den Transport notwendig.

Von Deutschland nach Kasachstan

Die Entscheidung die Produktion der Fensterprofile von Deutschland nach Kasachstan zu verlegen, hatte wirtschaftliche Gründe. „Der deutsche Markt ist übersättigt. Die Firma sah ihre Zukunft im Osten“, erklärt er. Zur Auswahl standen Russland und Kasachstan. Nach einer Abwägung aller Vor- und Nachteile sei Kasachstan attraktiver gewesen. „In der neuen Hauptstadt wird viel investiert, viel gebaut“, so Herlein. Außerdem förderte der kasachische Staat die deutsche Investition im Rahmen der Business Road Map 2020 und beteiligte sich zu 30 Prozent an den Kosten.

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Auch Akschols Bruder arbeitet in dem Werk. | Foto: Autorin

Der Umzug hat sich gelohnt: Zurzeit beträgt die Produktionsmenge 5.000 Tonnen im Jahr. 2017 lag der Jahresumsatz bei 2,8 Milliarden Tenge (ca. 7 Millionen Euro). 60 Prozent der Produktion werden für den kasachischen Markt hergestellt, 40 Prozent für den Export nach Russland, Kirgisistan und Usbekistan. In Kasachstan hat „F.K. Kunststoffe“ einen Marktanteil von 25 Prozent. „Wir arbeiten rund um die Uhr, in vier Schichten, das ganze Jahr über. Nur zu Weihnachten machen wir eine kurze Pause.“ Und die Firma will noch aufstocken, denn die Werkskapazität liege eigentlich bei 7.000 Tonnen, so Herlein.

Deutsche Denke lernen

Doch nicht nur die Technik stamme aus Deutschland, wie der Werksleiter betont. Wichtig sei vor allem, dass die 70 Mitarbeiter des Unternehmens eine deutsche Mentalität an den Tag legen. „Wir verkaufen unsere Profile als deutsche Produkte, da muss auch etwas dahinterstehen.“ Man müsse Strukturen schaffen und ein Verständnis für technologische Abläufe erzeugen. „In Kasachstan ist vieles chaotisch, aber uns ist es gelungen, Ordnung reinzubringen“, sagt Herlein stolz.

Das Werk hat sein eigenes Ausbildungsprogramm, das sich am deutschen dualen System aus Theorie und Praxis orientiert. „Der theoretische Teil wird meist von mir übernommen, den Praxisteil unterrichten Einheimische, die in Deutschland studiert haben und sehr gut Deutsch sprechen“, so der Werksleiter. Er legt Wert darauf, dass die Auszubildenden Deutsch lernen. „Sämtliche Maschinen, Programme und Computer sind auf Deutsch. Deshalb ist die deutsche Sprache hier besonders wichtig“, hebt er hervor.

Nach anderthalb Jahren legen die ausgebildeten Elektroingenieure und Verfahrenstechniker eine interne Prüfung ab. Die Leistungen in der Ausbildung sind direkt an das spätere Gehalt in der Firma gekoppelt. „Je besser sie diese Prüfung abschließen, desto mehr Geld verdienen sie später“, erklärt er. Einer der das Ausbildungsprogramm durchlaufen hat, ist Akschol Schumagalijewitsch. Eigentlich ist er Flugzeugmechaniker, fand in seiner Branche jedoch keinen Job. Die „F.K. Kunststoffe“ bildete ihn zum Maschinenführer aus. Seit vier Jahren ist der 27-Jährige nun schon in der Firma, hat sich bis zum Schichtführer hochgearbeitet.  „Mir gefällt es hier. Die Ausbildung mit den deutschen Kollegen war anspruchsvoll, aber gut“, sagt er.

Wurzeln in Zentralasien

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Werksleiter Herlein vor der firmeneigenen Prüfanlage. | Foto: Autorin

Werksleiter Herlein selbst stammt aus Kirgisistan, hat in Moskau Maschinenbau studiert und siedelte Anfang der 1990er nach Deutschland über. Er spricht fließend Deutsch und Russisch, hat bereits zwei Firmenwerke in Russland aufgebaut. Während seine Familie in Berlin lebt, arbeitet er in Zentralasien. „Ich bin in Kasachstan, um Geld zu verdienen.“

Qualität schreibt Herlein groß. Daher ist die firmeneigene Prüfanlage besonders wichtig. „Wir können deutsche Qualität liefern, allerdings sind die Bedingungen in Kasachstan schwieriger.“ Lange Winter, eine kürzere Bauzeit und Temperaturunterschiede von mehr als 80 Grad Celsius machen den Materialien zu schaffen. Häufig fehle es an einem allgemeinen Verständnis für Qualität, meint er. Hinzu komme, dass es an qualitativ gut ausgebildeten Fachkräften mangelt. „Deshalb zeigen wir unseren Kunden auch, wie man Fenster baut, bilden sie aus und bieten einen technischen Service an.“

Bis 2017 war das Werk in deutscher Hand. Im April vergangenen Jahres übernahm dann eine kasachstandeutsche Unternehmerfamilie die Fabrik. Für die Mitarbeiter und an der Qualität der Arbeit habe sich dadurch nichts geändert, sagt Herlein. Sämtliche Rohstoffe, die das Werk zur Herstellung der Profile benutzt, stammen weiterhin aus Europa. 80 Prozent der Materialien kommen aus Deutschland. PVC, Gummis, Schutzfolien – all das gebe es in Kasachstan nicht.

Insgesamt zieht er ein positives Fazit der vergangenen fünf Jahre: „Man braucht in Kasachstan mehr Energie, um etwas in Gang zu bringen. Der Staat ist jung, aber diejenigen, die etwas zu entscheiden haben, stammen noch aus der Sowjetunion und haben das entsprechende Denken. Doch wenn erst einmal etwas in Gang gebracht ist, gibt es viel schneller Ergebnisse als in Deutschland.“

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