„Nachhaltige Entwicklung“ – dieser Begriff ist vor etwa 30 Jahren im Sprachgebrauch der Menschheit zwar nicht als neues Wort, wohl aber als sehr häufig gebrauchtes Wort aufgetaucht. Mittlerweile wird der Begriff ziemlich inflationär gebraucht, sehr oft auch dann, wenn er gar nicht angebracht ist. Dabei ist die Idee gut, und es hat doch ein ganzes Weilchen gedauert, bis dieser Begriff dem ihm zustehenden Platz erwerben konnte.

Man versteht unter nachhaltiger Entwicklung den nicht geringen Anspruch an die heutige Generation, ihr Verbrauchsverhalten so zu gestalten, dass auch künftige Generationen ihre Lebensbedürfnisse stabil auf einem angemessenen Niveau realisieren können. Nachhaltigkeit wird dabei als Kombination von langfristig vorausschauenden wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Prozessen begriffen, in deren Mittelpunkt die Wirtschaft steht, da von dieser die vielfältigsten Wirkungen positiver wie auch negativer Art ausgehen.

Mittlerweile gibt es eine nicht mehr überschaubare Zahl nationaler und internationaler, privater und staatlicher, kleiner und großer Organisationen, die sich auf die Fahne geschrieben haben, ihren Beitrag zum Übergang ihres Landes, der Menschheit oder auch „nur“ ihres Unternehmens oder der Familie zur nachhaltigen Entwicklung zu befördern. Vielfältige Aktivitäten sind auch notwendig, denn bisher entwickelt sich die Menschheit insgesamt eindeutig auf dem Weg der nicht-nachhaltigen Entwicklung. Es klafft also ein enormer Widerspruch zwischen dem als richtig und notwendig erkannten Ziel – dem Übergang zur nachhaltigen Entwicklung – und seiner praktischen Umsetzung.

Obwohl Nachhaltigkeit nur schwer exakt zu messen ist, besagen alle seriösen Schätzungen, dass die Menschheit heute mindestens ein Drittel an Ressourcen mehr verbraucht, als es ein nachhaltiges Verhalten erlauben würde. Dieser als Überkonsum charakterisierbare Mehrverbrauch ist gegenwärtig weltweit nicht nur sehr ungleich verteilt, er wächst auf absehbare Zeit eher auch noch an, statt sich zu verringern. Dafür gibt es zuerst einmal einen ganz einfachen objektiven Grund: die Anzahl der Bewohner unseres Planeten wächst weiter unvermindert an. Wenn 1970 noch etwas mehr als drei Milliarden Menschen die Erde bevölkerten, sind es heute etwa sieben Milliarden, und in nur 40 Jahren werden es fast zehn Milliarden sein.

Bevölkerungswachstum kann natürlich auch beeinflusst werden, das ist aber ein komplizierter und langfristiger Prozess, der stark in das persönliche Leben von Menschen eingreifen müsste. Der Bevölkerungszuwachs bewirkt nun unweigerlich einen entsprechenden Ressourcenmehrverbrauch, der im Moment noch nicht durch Maßnahmen der rationellen Ressourcennutzung ausgeglichen werden kann. Allein der Energieverbrauch – als zentrale Komponente nachhaltiger ökologischer Entwicklung – hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verdreifacht und wird in den nächsten 40 Jahren noch einmal etwa um die Hälfte zunehmen. Energieverbrauch nach heutigen Technologien – das ist neben Landschaftzerstörung und Einschränkung der biologischen Vielfalt – vor allem Luft- und Wasserverschmutzung, also eine Beeinträchtigung der elementaren Lebenskomponenten von uns Menschen.

Da wir allesamt nun immer noch sehr zögerlich auf konsequente rationale Nutzung von Ressourcen und neue Energiequellen umschwenken, steigen nach wie vor die Gesamtemissionen von Treibhausgasen, die den Klimawandel ausgelöst haben und ihn weiter befördern, an. Klimawandel – das ist nichtnachhaltige Entwicklung in Reinform. Nun ist das alles nicht neu, und die Gefahren für das Leben jedes Einzelnen von uns sind bekannt. Und trotzdem fällt es uns schwer, etwas Konkretes zu tun. Dabei gibt es durchaus eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die man unabhängig von den notwendigen großen technischen und anderen Lösungen schon heute ohne Verzicht auf Lebenskomfort leisten kann.

Einfaches Licht- und Geräteausschalten gehört ebenso dazu wie der Verzicht auf die großen Fortbewegungsmittel, die man in Almaty Autos nennt und die in Wahrheit als Umweltvernichter erster Güte wirken. Die tägliche „frische“ Luft Almatys könnte eigentlich jeder als Hinweis auf Nicht-Nachhaltigkeit verstehen. Man muss das allerdings auch wollen und muss über Zusammenhänge aufgeklärt werden. An letzterem mangelt es hierzulande grundlegend. Die staatlichen Stellen scheinen zu meinen, dass allein das Aufschreiben einer „Konzeption zum Übergang Kasachstans zur Nachhaltigkeit bis 2024“ schon das angepeilte Ergebnis ist. Das aber ist Wunschdenken. Ohne breite gesellschaftliche Aktivitäten von unten wird das Papier in weiten Teilen nur Papier bleiben.

Bodo Lochmann

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