Sie galt als eine der größten Errungenschaften der UdSSR – die prächtige U-Bahn von St. Petersburg. Bis heute ist sie eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt an der Newa, und viele Almatyer wünschen sich ein unterirdisches Bahnnetz. In diesen Tagen wird die Petersburger Metro 50 Jahre alt. Anna Litwinenko ist in der Führerkabine durch dunkle Tunnels und prächtige Stationen gefahren, beschreibt den Geist der Metro und holt einige ihrer unscheinbaren Helfer ans Licht.

Zur Eröffnung Ende 1955 wurden Einladungskarten gedruckt, so groß war der Andrang auf die prächtigen Stationen der Leningrader Metro. Es galt, eine der größten Errungenschaften der Sowjetunion zu würdigen. Inzwischen ist der Kommunismus Geschichte, Leningrad heißt St. Petersburg, aber die Metro ist immer noch eine der Hauptattraktionen der Stadt. 50 Jahre wird sie in diesen Tagen alt.

Pawel hat schon immer als Lokführer in der U-Bahn gearbeitet. „Unsere Sonne ist eine Lampe”, sagt er philosophisch. „Ein anderes Licht kenne ich ja fast nicht.” Pawel hat genau acht Minuten Verschnaufpause in einem kleinen Zimmer in der Station „Awtowo”, und dann muss er wieder los – so steht es auf seiner Fahrplan-Tafel. Dem Fahrplan muss er minutengenau folgen – nicht wie etwa die Busfahrer da oben in der Stadt. Sonst würde das unterirdische Leben nicht fehlerfrei funktionieren.

Der Zug fährt von der tempelähnlichen „Awtowo”-Station los, taucht ein in einen engen, grauen Tunnel. Die Scheinwerfer durchschneiden die Nacht.

Unterirdische Politik, unterirdische Dekorationen

Der Tunnel zwischen der Station „Kirowski Sawod” bis zur „Narwskaja” ist der längste auf Pawels Linie. Auf dieser Strecke fühle man sich besonders einsam in der kleinen dunklen Lokführerkabine, erzählt der Russe. Nur die unendlichen Versorgungskabel und die Gleise begleiten Pawels Zug auf der Reise durch den lehmigen, 600 Millionen Jahre alten Petersburger Untergrund. „Man wird mit der Zeit dusselig von dieser Arbeit”, sagt Pawel. Nach vier Minuten erreicht der Zug endlich das gedämpfte Licht der Station „Narwskaja”. „Man sagt, dass die Linie 1 die schönste in unserer U-Bahn ist. Sogar die Ausländer machen Führungen durch die Hallen hier,“ sagt Pawel nicht ohne Stolz.

Tatsächlich wurden die ersten acht Stationen der Linie vom „Ploschtschadj Wosstanija” bis zur „Awtowo” zur Stalin-Zeit als Vorzeigeobjekte des sozialistischen Staates gebaut. 22.000 Tonnen Marmor und 10.000 Tonnen Granit verkleiden die Bahnsteige und die unzähligen Säulen der Stationen, die mit 700 Kronleuchtern illuminiert werden. Die Mosaiken und Skulpturen künden von der ruhmreichen Geschichte und den Erfolgen der Sowjetunion. Die Station „Ploschdschadj Wosstanija“ ist zum Beispiel der Oktoberrevolution gewidmet. Lenin ist mehrfach zu sehen. Ein aufmerksamer Passagier kann aber mit etwas Geduld auch ein Stalin-Profil noch entdecken, obwohl zur Chruschtschow-Zeit alle Spuren des Stalin-Kults beseitigt werden sollten.

Die Reliefs der Station „Narwskaja” zeigen das heroische Leben der sowjetischen Schlosser, Bauern, Lehrer und Soldaten. Die Station sollte eigentlich den Namen Stalins tragen und von dem riesigen Mosaik „Stalin auf der Tribüne” gekrönt werden. Nach 1953 wurden die früheren Planungen überarbeitet, das Mosaik durch Marmor ersetzt und die Station umbenannt. Die U-Bahn war zur Sowjetzeit „ein Palast für das Volk” und nimmt immer noch eine Sonderstellung ein. Sie ist der sauberste öffentliche Ort, weil viel geputzt wird und weil die Petersburger eine eingefleischte Ehrfurcht vor den unterirdischen Hallen zu haben scheinen.
Es gibt sogar Metro-Freunde, die Internet-Seiten der Petersburger U-Bahn widmen. „Ich kann gar nicht unberührt die Rolltreppe runterfahren”, schreibt da ein poetischer Metro-Fan. „Das Geheimnis dieser unterirdischen Welt steckt ganz tief in meiner Seele drin, sie hat den Zauber einer alten Burg.” Auch viele Ausländer sind beeindruckt. „Es ist bewundernswert, dass so prachtvoll für das Volk gebaut wurde; die Parteibonzen haben ja keine U-Bahn benutzt”, sagt Ilka Schulze, die als Touristin nach Petersburg gekommen ist. Zu schaffen macht der Münchnerin allerdings, dass in der Metro Aufschriften ausschließlich auf Kyrillisch sind.
Bei den Lokführern wird die Begeisterung über die Metro durch den Alltag gedämpft: „Unsere Löhne finde ich miserabel”, sagt Pawel. Der 36-Jährige muss für etwa 15.000 Rubel (450 Euro) im teuren Petersburg seine Frau und ein Kind ernähren.

Schutz vor der Natur und Kriegen

Die Metro in St. Petersburg war auch ein strategisches Objekt. Sie wurde so angelegt, dass sie bei Naturkatastrophen oder Krieg der Bevölkerung Schutz bietet. Auch deshalb verläuft die Petersburger U-Bahn in einem der am tiefsten gelegenen Tunnelsysteme der Welt: Die längste Rolltreppe führt 101 Meter in die Tiefe. In den Vestibülen gibt es metallene Trennwände, die im Notfall die Rolltreppe von den Hallen abschneiden können. Aus Sicherheitsgründen besteht in der Petersburger U-Bahn auch ein strenges Fotografierverbot. Wenn man beim Aufnehmen ohne Genehmigung erwischt wird, drohen Strafen bis zu 14.400 Rubel (427 Euro). Ein Polizist am Ploschtschadj Wosstanija erklärt diese Regel kurz und knapp: „Die unterirdischen Anlagen sind Eigentum des Staates.“

Im diffusen Lampenlicht unter Tage ist die geforderte „eiserne Disziplin” ein echter Kraftakt. Pawel und die anderen Lokführer werden durch ein automatisches Fahrsystem unterstützt. Schwer haben es dagegen die Frauen in den gläsernen Kästen am Fuß der Rolltreppen. Die Aufsicht darf für keine Sekunde die Rolltreppe aus den Augen verlieren. Sie selber wird den ganzen Tag gefilmt. Nina Nowikowa schaut schon seit zwölf Jahren den Menschen beim Rolltreppefahren zu. Zwar habe man jede halbe Stunde eine Pause, aber manchmal werde es einem schon schwindelig von dem Anblick vorbeigeschobener Menschenmassen. 2,3 Millionen Passagiere werden Tag für Tag von der Metro transportiert. Mit dieser Zahl sind die heute vier Linien im Grunde längst überfordert. Riesige Investitionen wären nötig.

Unterirdische Pläne zur Erweiterung

Pläne gibt es seit Jahren. Wären sie je verwirklicht worden, hätte die Metro heute sieben Linien und wäre insgesamt doppelt so lang. Heute geht es nicht mehr um die Schönheit der Stationen, wie vor 50 Jahren, Effizienz steht im Vordergrund. Im nächsten Jahr ist die Eröffnung der Station „Parnasskaja” im Norden der Stadt geplant. Bis 2008 soll dann der erste Teil einer Ringbahn in Betrieb gehen. Es gibt auch schon fertige Stationen, die als unterirdische Gespenster im Tunnelsystem der Metro verborgen sind. Eines dieser Bauphantome ist die Station „Admiraltejskaja“ nicht weit von der Eremitage.

Pawel träumt derweil von einem Job über der Erde. Eine Zeit lang habe er in seiner Kabine sogar heimlich Bücher gelesen, um ein Studium anzufangen, verrät er. Doch irgendwann gab er auf. „Man muss doch realistisch sein. Metrozüge zu führen ist das Einzige, was ich kann”. Jeden Tag macht er viereinhalb Runden durch die schönste Strecke der Petersburger U-Bahn und lässt dann seinen Zug in einer der unterirdischen Sackgassen stehen – bis zum nächsten Morgen in der Dunkelheit. (n-ost)

16/12/05

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