Im Jahr 2003 nahmen zwei junge Frauen ein ehrgeiziges Projekt in Angriff. Die Studentin Birgit Staack und ihre Freundin Katharina Mildner gestalteten eine Austellung zum Thema osteuropäische Migration und befragten Russlanddeutsche aus Kasachstan nach ihren Erfahrungen in Deutschland.

Große Plakate zeigen Fotos von Russlanddeutschen. Neben den Bildern erzählen die Emigranten über ihre Eindrücke in der neuen Heimat, in Deutschland. Die Ausstellung „Perspektivenwechsel“, die sich mit den Erfahrungen von nach Deutschland eingewanderten Osteuropäern beschäftigt, wurde von Birgit Staack und Katharina Mildner im Jahr 2003 konzipiert. Sie beinhaltet 13 Schwarz-Weiß-Fotos im Format DIN A1. Begleitet werden die Bilder von Auszügen aus Interviews, die mit Migranten aus osteuropäischen Staaten geführt wurden, um ihre persönlichen Erfahrungen in Deutschland zu dokumentieren. Den vollständigen Text der Befragungen gibt es in einem Begleitband. Beleuchtet wurden die Hintergründe der Entscheidung genauso wie die Erwartungen, die an das neue Leben in Deutschland gestellt wurden  und ob sie sich erfüllt haben. Abgerundet wird das Ganze durch Fotos der Interviewten. Zu sehen war die Ausstellung bisher in Hamburg, Frankfurt am Main sowie in Ungarn und Belarus, zurzeit gibt es Gespräche, die Wanderausstellung auch in Kasachstan zu zeigen.

Die Idee für diese Austellung kam Birgit Staack 2001 während ihres einjährigen Aufenthaltes an einer Sprachschule in Tallinn. Ihre Erfahrungen dort waren geprägt durch kulturelle Missverständnisse und Differenzen. Zurück in Deutschland beschäftigte sie sich weiter mit diesem Thema. Sie sieht ihre Arbeit nicht nur als Kunstprojekt, sondern auch als Hilfestellung: „Da ich in Estland immer wieder Menschen traf, die mit sehr hohen Erwartungen erwogen, längerfristig nach Deutschland zu migrieren, wollte ich andere, die mit einem ähnlichen Gedanken spielen, auf diesen Schritt vorbereiten.“ Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen wolle sie den Deutschen Osteuropa näherbringen sowie ihnen eine „osteuropäische“ Perspektive auf ihr Land zeigen, sagt Staack. Sie sei rückblickend jedoch etwas naiv an die Sache herangegangen und habe sich die Konzeption einer Austellung doch ein wenig einfacher vorgestellt.

Wenig Hilfe von offizieller Seite

Das Know-How, eine Ausstellung zu gestalten und vor allem zu organisieren, bekam Birgit Staack dann während ihres Studiums der Volkskunde und Europäischen Ethnologie an der Universität Hamburg, das sie nach ihrer Rückkehr aus Estland begann. Nun vertraut mit den Grundkenntnissen der Interviewführung, begann sie nach Geldgebern für ihr Projekt zu suchen. Fündig wurde sie bei der Theodor-Heuss-Stiftung, die sich bereit erklärte, die Ausstellung zu finanzieren,  übrigens eine der wenigen Organisationen, die Hilfestellung boten. Abgesehen von der Aussiedlerberatung des Diakonischen Werks Hamburg und der Volkshochschule Fulda zeigte keine Institution Bereitschaft, Staack und Mildner bei ihrem Projekt zu unterstützen. Die Durchführung ihres Vorhabens beinhaltete jedoch noch weitere Schwierigkeiten. Die beiden Frauen waren der Doppelbelastung durch Studium bzw. Schule ausgesetzt, außerdem waren die Mittel nur sehr begrenzt. Auf die Frage nach der Bereitschaft der Interviewpartner, ihr Rede und Antwort zu stehen, berichtet Frau Staack: „Diejenigen, die mit uns sprachen, antworteten uns auf fast alle Fragen, allerdings gab es kaum eine Person, bei der wir das Gefühl hatten, dass sie eine besondere Begeisterung für das Projekt hegte. Ansonsten gab es natürlich solche Interviewpartner, die wenig erzählten und andere, die einem gleich mehrere Stunden lang berichteten. Besonders eindrucksvoll war der Bericht einer älteren Russlanddeutschen, die viel von ihrem Leben in einem Arbeitslager berichtete.“

Erfahrungen und Erlebnisse

Gefragt wurde vor allem nach den Eindrücken der Migranten, ihren Erwartungen sowie nach besonders positiven oder negativen Erfahrungen in ihrer neuen Heimat. Die 81jährige Ida, 1992 aus Russland nach Deutschland emmigriert, erzählt: „Einen ganzen Monat lang hatten wir morgens früh um acht Uhr in verschiedene Ämter zu kommen. Auch nicht alle Sachbearbeiter in den Ämtern sind uns gegenüber wohlwollend gesinnt, glatte Absagen, wo man einen gutgemeinten Rat hören wollte.“ Die Durchführung der Interviews nahm mehrere Monate in Anspruch, danach folgte die Transskription und die Auswahl der Passagen. Ein knappes Jahr nach Beginn der Arbeit fand dann die Ausstellungseröffnung in Hamburg statt. Ein Kommentarkasten gibt den Besuchern die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen oder auch ihre Kritik mitzuteilen. Eine Grundlage für den Dialog zu schaffen, ist auch die Hauptintention des Projekts: „Ich denke auch, dass die Ausstellung am besten geeignet ist, im Unterricht als anschauliche Diskussionsgrundlage zu dienen. Wir haben die Interviewaussagen auch extra provokant ausgewählt, damit sie zum Nachdenken anregen“, sagt Staack. Ein Beispiel ist der 18jährige Andreas, der vor zwölf Jahren nach Deutschland kam. Er wisse nicht, wo seine Heimat sei. In Russland hatte man ihm gesagt, er sei Deutscher, in Deutschland ist er Russe. „Was bin ich? Keine Ahnung.“ Vielleicht noch in diesem Jahr soll die Ausstellung in Almaty gezeigt werden.

07/10/05

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