Der gebürtige Kasache Dionis Wodnew hat einen großen Traum: Er will den kasachischen Skispringern die Möglichkeit geben, ihr vorhandenes Talent zu entfalten und es im Skisprung-Weltcup zu präsentieren. Der 31-Jährige sprang früher selbst aktiv Ski, zuerst für sein Heimatland und später für Deutschland. Heute ist er nicht nur Vizepräsident des Kasachischen Skiverbands, sondern seit Frühjahr 2008 auch neuer Cheftrainer des Skisprungteams Kasachstans.

/Bild: Ulrich Wagner. ‚Es soll aufwärtsgehen mit dem Skisprung-Team Kasachstans – auch nach Meinung von Radik Schaparow.’/

Gemeinsam mit seinen Athleten reist Dionis Wodnew von Ende November bis Ende März in der Welt umher, um an Wettkämpfen teilzunehmen und möglichst viele Weltcup-Punkte zu sammeln. Bestplatzierter kasachischer Skispringer ist momentan Nikolai Karpenko, der zuletzt Rang 29 in Sapporo (Japan) und 27 im deutschen Klingenthal belegen konnte.
Wie mühsam der Weg für einen kasachischen Skispringer ist, weiß der Cheftrainer Wodnew aus eigener Erfahrung: Nach beachtlichen Erfolgen im Weltcup, wie einem fünften Rang 1992 in Örnsköldsvik (Schweden), erkannte er irgendwann, dass die Voraussetzungen, um Skispringen in Kasachstan professionell zu betreiben, nicht ausreichten und wanderte nach Deutschland aus. Aber auch in Deutschland lief es für Wodnew nicht so wie geplant, da sich seine Einbürgerung verzögerte. Deshalb beendete er 1997 nach nur zwei Starts bei Weltcups auf deutschem Boden seine Karriere.

Sponsoren – verzweifelt gesucht

Dem Skispringen ist Wodnew jedoch immer treu geblieben und unterstützt seit vielen Jahren seine Heimat Kasachstan. „Die Springer haben es verdient, vorn dabei zu sein. Wir haben Potenzial, aber eben vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen, wenn man es beispielsweise mit Russland vergleicht“, erklärt Wodnew. „Früher, als Kasachstan und Russland noch zur Sowjetunion gehörten, kamen von den besten zehn Springern immer mindestens sechs aus Kasachstan. Heute fehlen uns die Sponsoren und somit das Geld fürs Nötigste. So fallen besonders die Sprung-Trainingseinheiten in den Saisonpausen für die seit zwei Jahren in ähnlicher Zusammensetzung bestehende Mannschaft mager aus. „Nikolai Karpenko, Radik Schaparow, Iwan Karaulow, Alex Korolew und Assan Tachtachunow sind schon seit langer Zeit mit dabei. Für diese Saison haben wir auch im Nachwuchsbereich etwas getan und Jewgeni Lewkin sowie Anatoli Karpenko, den Bruder von Nikolai, zu Lehrgängen mitgenommen. Besonders Lewkin ist wirklich gut und erst 16 Jahre alt. Insgesamt habe ich momentan sieben Athleten zur Verfügung.“

Erste Sprünge der Saison nicht vor dem Weltcup

Finanziert wird die gesamte kasachische Nationalmannschaft nicht vom Skiverband des Landes, sondern direkt vom Staat. „Der hat aber so viele Sportarten, dass ihm überall das Geld fehlt“, erklärt Dionis Wodnew. „Außerdem denken die Ämter, dass Skispringen im Winter stattfindet und man erst dann das Geld benötigt. Aber wir müssen unsere Vorbereitung ja auch im Sommer machen.“ Durch diese Misere ist es nicht verwunderlich, dass die kasachischen Springer häufig einen etwas holprigen Start in die Saison haben. „Wir haben oft unsere ersten Sprünge auf Schnee, wenn der Weltcup Ende November anfängt!

Daneben befinden sich die kasachischen Skispringer genau im selben Teufelskreis wie viele andere „Underdog“-Skisprung-Nationen: Ohne Geld ist kein Training möglich, durch das Spitzenleistungen erst entstehen können – ohne Spitzenleistungen entstehen keine Topresultate, und ohne die gibt es keine oder nur wenig finanzielle Unterstützung. „Für alle Sportarten gilt in Kasachstan das gleiche Prinzip: Wer die Medaille holt, ist der König. In der letzten Saison waren die kasachischen Langläufer irgendwo dritte oder vierte, und nun haben sie Priorität.“

Hoffnung: Asienspiele 2011

Eine Besserung der Situation erhofft sich Dionis Wodnew von den bevorstehenden Asienspielen 2011 in Almaty. „Dort wurde eigens dafür mit dem Bau von Schanzen begonnen. Das geht von einer kleinen Übungsschanze bis hin zur Großschanze“, erzählt Wodnew begeistert. „Daneben wird auch das Sport-Internat ausgebaut, und man errichtet neue Hotels – das wird eine riesige Anlage.“ Als Gegenleistung erwartet das kasachische Sportministerium natürlich auch etwas. „Uns wurden hohe Ziele gesetzt: Wir brauchen eine Medaille bei den Asienspielen! Die Weltmeisterschaft 2009 im tschechischen Liberec ist nicht so wichtig. Unser Hauptziel ist, dass wir die Japaner bei den Asienspielen schlagen. Das sind dort unsere stärksten Konkurrenten!“

Der große Test für die Asienspiele 2011 werden die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver, Kanada, sein. „Dort sind keine Medaillen gefordert, aber vielleicht ein Springer unter den besten Zehn. Das Potenzial hierfür ist da. So führte Schaparow zum Beispiel bei der Olympiade 2006 in Pragelato (Italien) nach dem ersten Durchgang. Und ein Jahr zuvor hatten wir bei der Weltmeisterschaft im deutschen Oberstdorf auch zwei Athleten in den Top 30.“

Die kasachische Öffentlichkeit nimmt laut Wodnew bisher kaum Notiz von den Skispringern, da nur wenige Veranstaltungen übertragen werden. „Selbst die Vierschanzentournee wird nur ganz klein in den Medien präsentiert. In einigen Regionen ist es ein wenig besser, weil wir jetzt einen speziellen Sportsender haben, aber den empfängt auch nicht jeder.“

Schwierige Nachwuchsförderung

Nicht ganz einfach ist für Wodnew auch die Rekrutierung von Nachwuchs. Denn selbst wenn ein Kind den kasachischen Weltcupspringern im Fernsehen begeistert bei ihren Flügen zusieht, kann es häufig nicht selbst zu den Sprunglatten greifen – schließlich gibt es in dem Land, das sieben Mal so groß wie Deutschland ist, nur in Almaty ein Skisprungzentrum. „Wir haben dort drei große Internate, die für verschiedene Sportarten unterteilt sind. Außerdem sind viele Trainer da, es gibt eine Jugendschule und auch die Grundschulkinder können sich dort im Springen erproben.“ Wer nicht nach Almaty kommt, hat keine Chance, sein Talent auszubauen. Und da sich die Schanzen hier gerade erst im Neubau befinden, kann selbst das Weltcupteam nur im Ausland trainieren – vorausgesetzt, die Finanzlage lässt dies zu. „Ich muss mich immer um die Aufenthaltsgenehmigungen für die Springer kümmern, was nicht gerade einfach ist. Daneben ist auch die Versicherung der Springer immer sehr problematisch, und bei der Kommunikation zwischen den einzelnen Stellen läuft auch meistens irgendetwas schief.“ Der Cheftrainer Wodnew kümmert sich um all diese Dinge. „Daneben habe ich auch noch einen ganz normalen Job, der nichts mit dem Springen zu tun hat, um Geld zu verdienen!“

Wunsch nach Unterstützung

Dionis Wodnew ist davon überzeugt, dass sich die ganze Plackerei lohnt, weil er das Potenzial der kasachischen Skispringer sieht. Von ihrem Talent war auch der deutsche Trainer Joachim Winterlich, der früher unter anderem den deutschen Erfolgsspringer Jens Weißflog trainierte, überzeugt. Er war für einige Zeit Coach der kasachischen Nationalmannschaft, bevor sein Vertrag 2007 vorzeitig gekündigt wurde, angeblich aus finanziellen Gründen. „Ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Dort fallen Entscheidungen so schnell, dass ich vielleicht in einem halben Jahr auch nicht mehr der Trainer bin“, meint Wodnew niedergeschlagen.

Und trotzdem gibt der Cheftrainer seine Hoffnung nicht auf. „Es war ja schon noch schlimmer. Teilweise mussten die Athleten auf eigene Kosten anreisen und den Trainer selbst bezahlen.“ Mit diesen Erfahrungen fallen Dionis Wodnews Wünsche für die Zukunft des kasachischen Skisprungsports relativ bescheiden aus. „Ich wünsche mir, dass die Entscheider beim kasachischen Ministerium zur Vernunft kommen und wir alles nach europäischer Art abwickeln können. Wir haben eine Mannschaft und müssten nur in Ruhe richtig arbeiten können. Jetzt kommt langsam der Nachwuchs, aber dem müssen die älteren Springer zeigen, dass man etwas erreichen kann. Um all das zu schaffen, brauchen wir wohl unbedingt Sponsoren. Denn uns reichen beide Hände nicht, um die Löcher zu stopfen.“

Von Anne Kirchberg

06/03/09

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