Dass sich Kulturen nicht zuletzt in ihren Essgewohnheiten unterscheiden, gehört zu den ersten Erfahrungen von Reisenden. Für Kasachstan und Deutschland fangen die Unterschiede schon beim Kaffee an

Lilija, Studentin aus Pawlodar, ist das erste Mal in Deutschland. Sie besucht Hamburg. Gleich am ersten Tag möchte sie um die Mittagszeit ein Café besuchen. Doch schon beim Betreten denkt sich Lilija, dass sie hier wohl kaum ein Mittagessen serviert bekommt. Sie sucht sich einen netten Platz und wirft einen Blick in die Karte. Sie findet aber nur Torten, Kuchen, Eis sowie heiße und kalte Getränke in allen Variationen. Auf die Frage, ob es denn auch warme Speisen gebe, antwortet die Bedienung verwirrt: „Wir sind hier ein Café. Wenn Sie etwas Warmes essen möchten, müssen Sie schon in ein Restaurant gehen!“ Lilija verlässt ein wenig konfus das Café und macht sich auf die Suche nach einem Restaurant. In Kasachstan hätte sie in einem „êàôå“ auf jeden Fall etwas Warmes bekommen, wieso muss sie in ein Restaurant gehen, denkt sich die Studentin. Nach wenigen Schritten entdeckt sie das Schild Restaurant. Sie ist erstaunt, denn die Speisekarte ist draußen neben der Tür angebracht. So kann Lilija ganz in Ruhe sehen, ob ihr die Gerichte zusagen. In Kasachstan hätte sie erst das Restaurant betreten und die Speisekarte an der Theke ansehen müssen. Prompt entdeckt sie etwas Heimisches: Schaschlik! Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen, und sie beschließt, sich einen Platz zu suchen. Als die Bedienung jedoch nach fast dreißig Minuten mit dem Schaschlik ankommt, traut Lilija ihren Augen nicht. Ihr werden ein paar Stücke Schweinefleisch zusammen mit Speck und Paprika auf einem circa 20 Zentimeter langen Holzspieß kredenzt. Zudem ist das Fleisch trocken und fade. Enttäuscht denkt Lilija nur: „Deutsche können gar kein Schaschlik machen“.

Oliver, DaF-Student aus Frankfurt am Main, macht ein Praktikum in Ust-Kamenogorsk. Am Abend gehen er und sein WG-Mitbewohner in eine Pizzeria. Sie wundern sich allerdings, warum die Größen der Pizzen nicht in den Speisekarten angegeben sind und rufen deshalb die Bedienung. Die kann die Frage nach der Größe gar nicht verstehen und antwortet nur: „Normale Größe halt!“ Sie versucht, den deutschen Gästen gegenüber ein wenig zuvorkommend zu sein und zeigt mit ihren Händen die ungefähre Größe der Pizza. „Sieht aus wie 28 Zentimeter“, sagt Oliver und bestellt zwei. Die Pizzen kommen erstaunlich schnell auf den Tisch, sehen auch relativ gut aus. Doch beim ersten Biss merkt Oliver, dass hier irgendetwas anders schmeckt. Nach einer Weile merkt er, dass die Pizza nicht nur eine dicke Käseschicht hat, sondern auch mit Mayonnaise beschmiert ist. „Wieso macht man Mayonnaise auf Pizza? Das ist nicht nur eine Kalorienbombe, sondern passt noch nicht mal zusammen“, denkt sich Oliver und lässt die Hälfte stehen.

Kulturen unterscheiden sich unter anderem in ihren Essgewohnheiten. Das gilt auch für die Kulturkreise, die eng verwandt sind. Ein Vergleich zwischen deutscher und kasachischer Esskultur zeigt nur wenige Gemeinsamkeiten.

Genauer gesagt fangen die Unterschiede schon beim Kaffee an – oder vielmehr beim Latte Macchiato. In Deutschland serviert der Kellner den Latte Macchiato ästhetisch in einem langen Glas. In Kasachstan kommt das Getränk dagegen in einer Espressotasse mit mehr Schaum als Getränk. In Deutschland würde niemand auf die Idee kommen, Bier durch einen Strohhalm zu nuckeln, als sei es eine Eisschokolade. In Kasachstan allerdings schon.

Kein Wunder, dass Kasachstaner, wie Lilija, in Deutschland manches erst einmal befremdlich finden: Gibt es denn für Deutsche nur trockenen Wein? Warum sind in Restaurants die Gerichte mit Beilagen angegeben und bei Änderungen müssen diese eventuell bezahlt werden? Warum wird in deutschen Restaurants nicht getanzt?

Aber auch für Deutsche, erschließen sich die Feinheiten der kasachstanischen Esskultur nicht immer: Wieso sind immer mehrere Gänge zu bestellen? Warum ist jeder Salat mit Mayonnaise angemacht? Weshalb steht Fleisch an oberster Stelle und Obst- und Gemüsevariationen werden vollkommen vernachlässigt? Dabei könnten kasachstanische Köche so tolle vegetarische Gerichte zubereiten.

„Typisch deutsch“, mag so mancher Bewohner Zentralasiens dabei denken. Aber auch kulturelle Tabus, Essver- und gebote sind eben Teil einer Esskultur. Und gerade die deutsche Küche hat in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren einen echten Wandel vollzogen. Waren nach dem Krieg Eisbein, Rinderbraten und Gulasch der Renner, so sind es heute Gemüsepfannen, Gemüseaufläufe, vegetarische Lasagne oder Gemüsebratlinge. Die vegetarische Küche ist gesellschaftsfähig – und das nicht nur aus ethischen Gründen. Lean cuisine, die schlanke Küche, hat die deutschen Esszimmer erobert. Fleisch steht zwar immer noch auf dem Speiseplan, aber deutlich seltener und meist in Form von magerem Hähnchen oder Pute. Bewusste Ernährung nennt sich dieser Trend zu einer fettarmen, vitaminreichen und ausgewogenen Küche – verbunden mit viel Fitness und exzessiver Körperpflege.

Essen ist immer in einen bestimmten kulturellen Kontext eingebettet. So hat Essen in Kasachstan einen hohen Status. Kommt Besuch, zeigt der Gastgeber, was Küche und Keller zu bieten haben. In Deutschland ist essen eher mit Genuss und einem gemütlichen Beisammensein verbunden. Wer sich mit anderen Kulturen beschäftigt, muss lernen, mit solchen Unterschieden umzugehen – auch wenn dies Mayonnaise auf der Pizza und Bier ohne Strohhalm bedeutet.

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