Da es mir bekanntlich nicht gelingt, im Garten unterm Apfelbaum Weltthemen aufzuspüren, versuche ich es mal mit einem Blick in die Tageszeitung. Darin soll es angeblich vor Weltthemen nur so wimmeln.

Ja, tatsächlich, in der Welt ist nach wie vor eine Menge los. Lauter schlimme Sachen, die uns dem Weltuntergang immer näher rücken. Das ist betrüblich aber nicht überraschend. Vieles, was mich empört, aber nichts, was mich erregt. Doch da, eine Überschrift, die mir zu denken gibt: „Sophia Loren ist betrübt.“ Und ich bin gespannt zu erfahren, wie sie es in die Zeitung geschafft hat. Die Sophia. Oder vielmehr ihre Betrübnis. Denn dafür muss man schon einiges anstellen, Betrübtsein reicht heutzutage nicht aus, unter großer Veruntreuung im großen Stil und sexuellen Skandalgeschichten geht da nichts.

Oder es muss einem übel mitgespielt worden sein. Oder man hat etwas ganz Außergewöhnliches vollbracht, eine Heldentat in einem Katastrophengebiet. Oder man heiratet sich in den Adel ein oder … Aber nein! Sophia Loren ist betrübt, weil der Müll in ihrer Heimatstadt nicht abtransportiert wird und nun schon ihr Haus umzingelt. Ich verstehe, dass sie betrübt ist, wer wäre das nicht? Aber warum wir das alle wissen sollen … Ich kann das Blatt wenden, wie ich will und zwischen den Zeilen suchen, aber das war sie schon, die Story.
Also von vorn: Wie kommen Nachrichten in die Zeitung? Eifrige Journalisten suchen in der Welt nach Ereignissen, die wichtig oder aufsehenerregend sind. In ernsthaften Zeitungen landen ernsthafte Themen, gerne auch mit einer Prise Ironie versehen, aber dem Sachverhalt nach kein Klatsch oder Klamauk. Der findige Journalist muss recherchieren, formulieren und seinen Artikel durch die kritische Redaktion schicken.

Wir haben es mit mindestens zwei kritischen Passierstationen zu tun, wahrscheinlich sind es aber mehr. Wie konnte das also passieren? Entweder a) es liegt an mir, und ich erkenne den Wert der Nachricht nicht. Oder b) die sonst kritischen Personen hatten besonders gute oder besonders schlechte Laune oder ganz wichtige Dinge wie z.B. die Hochzeit der Tochter im Kopp und haben großzügig ihr kritisches Auge zugedrückt. Oder c) sie haben sich ganz bewusst diesen kleinen Streich erlaubt, nach dem Motto: „Hihi, mal gucken, ob es einer merkt!“.

Oder d) der Redakteur ist ein Verwandter oder großer Fan von Sophia Loren und findet alles erwähnenswert, was ihr widerfährt. Oder e) der nichtsnutzige Neffe des Redakteurs muss seine Sozialstunden als Praktikant ableisten und hat diesen kleinen Artikel verfasst. Was immerhin besser ist als Kaffeekochen oder Stubekehren. Oder f) es ist ein psychologischer Werbetrick, um das Interesse von Kunden zu gewinnen: Man fische sich wahllos ein wenig aufsehenerregendes Ereignis aus der Nachrichtenflut, peppe dieses mit einer bekannten Person auf – es ist ja bekannt, dass die Betroffenheit durch das Betroffensein persönlicher Schicksale überproportional wächst – und schon stolpert der eine oder andere darüber: „Nanu, was ist denn da mit der Sophia Loren los?!“

Wenn f) zutrifft, hat‘s geklappt. Bei mir zumindest. Zwar nehme ich jetzt meine Lieblingszeitung weniger ernst, dafür aber das Müllproblem in Neapel umso ernster und leiste mit diesem Beitrag meinen Beitrag, um die internationale Aufmerksamkeit weiter zu erhöhen. Beileidsbekundungen bitte direkt an Sophia Loren.

Julia Siebert

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