Anel Nurkisheva

Als ich in diesem Sommer in Berlin gewesen bin, konnte ich an einer Stadtführung mit einem Obdachlosen teilnehmen. Das war spannend und hat Spaß gemacht. Obdachlose kennen und sehen eine Stadt oft auf eine ganz andere Weise als die Menschen, die jeden Abend in ein warmes Zuhause kommen können.

Wie viele Obdachlose es in Berlin gibt, ist unklar. Schätzungen gehen von 4.000 bis 10.000 Menschen aus. Auch in der kasachischen Hauptstadt leben Menschen auf der Straße. Sie gerieten im Sommer 2017 in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass Obdachlose während der Weltausstellung EXPO in andere Städte gebracht worden waren.

Aleksandr Iwanowitsch kennt Astana wie kein zweiter. In der wirtschaftlichen Krisenzeit der 90er Jahre hat er seine Wohnung an Betrüger verloren. Seit 1998 lebt der Mann mit dem schwarzen Bart und der schwarzen Mütze auf der Straße. Nach 20 Jahren hat er sich daran gewöhnt und spricht fast liebevoll von seiner Stadt: „Im Hinblick auf die Bequemlichkeit für die Obdachlosen übertrifft Astana andere Städte. Vor einiger Zeit sind hier sogar beheizbare Bushaltestellen gebaut worden. Dort schlafe ich immer, wenn es draußen schon zu kalt ist”, berichtet er.

Das Akimat Astana hatte im Jahr 2015 55 dieser beheizbaren Bushaltestellen in der Stadt errichten lassen. Kostenpunkt: 10 Millionen Tenge. In einer Stadt, die als die zweitkälteste Hauptstadt der Welt gilt und in der die Temperatur im Winter locker auf -40 Grad Celsius fallen kann, eine sinnvolle Investition.

Ab und zu nutzt Aleksandr die Angebote des 2001 eröffneten Obdachlosenzentrums. Nach eigenen Angaben bietet das Zentrum soziale und medizinische Hilfe, Übernachtungsmöglichkeiten ebenso wie eine Waschmöglichkeiten an. 180 Betten stehen zur Verfügung. Außerdem gibt es eine „soziale Patrouille“, die durch die Stadt fährt und nach Obdachlosen Ausschau hält.

Doch trotz dieser Angebote erhält Aleksandr die größte Unterstützung von den Einwohnern der Stadt. „Zum Glück gibt es bestimmte Cafés und Restaurants, die kostenlos Tee und Suppe anbieten.“ Am beeindruckendsten findet er jedoch, dass die Hilfe der Menschen unabhängig von Nationalität oder Religion erfolgt: „Niemand achtet darauf, welche Religion du ausübst. Ich kriege ein bisschen Essen sowohl von der orthodoxen Kirche, als auch von der Moschee“, so der Mann mittleren Alters.

Aleksandrs liebste Zeit ist der Frühling, wenn es wieder wärmer wird. Jedes Jahr fiebere er dem traditionellem kasachischen Frühlingsfest Nauryz entgegen, erzählt er. Während der Feiertage bringen ihm Freiwillige eine große Tüte Baursaki – frittierte kasachische Teigtaschen – vorbei, damit er etwas Leckeres zu essen hat.

Würde man mich fragen, was eine Stadt modern macht, würde ich nicht – wie wahrscheinlich die meisten – antworten: die Architektur oder das Verkehrssystem. Ich wage zu behaupten, dass es die sozialen Angebote für gefährdete Bevölkerungsgruppen sind. Astana hat schon einiges getan, um deren Lebensbedingungen zu verbessern. Dennoch muss die Regierung in Zukunft noch viel mehr Maßnahmen ergreifen, um das Problem der Obdachlosigkeit zu lösen.

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