Mit Zentralasien assoziieren viele Wüste und Steppe. Dass im trockenen Inneren Asiens auch eine Meeresbrise weht und gar Strandgefühl aufkommen kann, dafür sorgt der Issykkul in Kirgisistan. Der zweitgrößte Gebirgssee der Erde, umgeben von schneebedeckten Gipfeln, ist nicht nur Schauplatz von Tschingis Aitmatows Roman „Der weiße Dampfer“, sondern auch das Lieblingsziel urlaubsreifer Städter. 20 Grad warmes, leicht salziges und glasklares Wasser und die Früchte des Herbstes locken bis in den Oktober hinein Touristen an die kirgisische Riviera.

Nikolai Ljubimzew wirkt wie die kirgisische Version von Asterix, dem Gallier. Der rührige Mann mit dem blonden Schnauzbart eilt durch seinen üppigen Obst- und Gemüsegarten. Nachdenklich prüft er dort und kostet da. Anlass gibt es genug. Die Apfelbäume hängen voll duftender Früchte enormer Größe. Goldgelbe Aprikosen leuchten in der Sonne. Darunter Dahlienstauden, Margeriten und Rosen. In der Luft das Summen Tausender Bienen aus Nikolais Imkerwagen.

„Heißer See“

„Noch in sowjetischen Zeiten, in den 1970er Jahren bin ich zum ersten Mal für Bodenuntersuchungen hergekommen und später für immer geblieben“, lächelt der ehemalige Geologe zufrieden. „Das Klima hier am Issykkul ist einzigartig, die Luftfeuchtigkeit immer niedrig. Schnee fällt im Winter so gut wie nie.“ Dazu käme das saubere Quellwasser aus den Bergen, und die atemberaubende Landschaft um den See herum. Für ihn als Asthmatiker sei das Leben hier ideal, fügt Nikolais Frau Galina hinzu.

Das kleine Paradies der „Aussteiger“ ist inzwischen zum Geheimtipp avanciert. Bis nach Deutschland, in die Schweiz und sogar nach Afrika hat sich die Kunde vom Biogarten am Südufer des Issykkul-Sees in der zentralasiatischen Gebirgsrepublik Kirgisistan an Chinas Westflanke verbreitet.

Die größte Attraktion im kleinen Dorf Tamga ist und bleibt jedoch der Issykkul, dessen Name zu Deutsch „heißer See“ bedeutet. Warme Quellen am Seegrund und der leichte Salzgehalt sorgen dafür, dass er auch im Winter nicht zufriert. Die riesige Wasserfläche des nach dem südamerikanischen Titicacasee zweitgrößten Hochgebirgssees der Erde erstreckt sich fast bis zum Horizont. Nur schemenhaft sind die über 4000 Meter hohen Gipfel am anderen Ufer erkennbar. Wenn ab mittags die ersten Wolken über dem tiefblauen Gewässer auftauchen, fühlt man sich in den Roman „Der weiße Dampfer“ des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow versetzt. Ein kleiner Junge lernt dort über seinen Großvater die uralten Mythen der Kirgisen kennen. In seiner Traumwelt möchte er zu einem imaginären weißen Dampfer auf dem Issykkul schwimmen, an Bord dessen er seinen Vater vermutet.

Alexander der Große war hier bereits zu Gast

Von Legenden weiß auch Marat Torysbekow zu berichten. Der junge Kirgise begleitet als Fremdenführer Ausflüge zu Pferd ins wilde Hinterland des Issykkuls. An einer schwierigen Wegstrecke mit Blick auf die Gletscher des Tienschan-Gebirges macht er Halt. An einem Felsblock sind tibetische Reliefs erhalten geblieben. Im 6. Jahrhundert, so erzählt Marat, hätte ein örtlicher Recke als Zeichen seiner Kraft diesen Fels in der Mitte gespalten. Und, um sein Wohlwollen kundzutun, auf die Vorderseite auf Tibetisch „Sichere Reise!“ eingraviert. „Was auch immer dran ist an der Geschichte“, meint der junge Mann lächelnd, „offensichtlich ist, dass hier Menschen mit unterschiedlichen Sprachen vorbeigezogen sind.“ Der Name des Nachbardorfes Barskoon sei zum Beispiel eng verbunden mit Alexander dem Großen. Dieser habe der Legende nach, auf dem Weg nach China adlige Gefangene persischer Herkunft hier zurückgelassen, die darauf hin eine Siedlung gründeten. Von den Einheimischen wurde diese schließlich Barskhan, Herrscher Persiens, genannt.

Wieder ansteigende Touristenzahlen

Ihre Spuren haben nicht nur die Völker früher Jahrhunderte hinterlassen, als am Südufer des Sees zeitweise einzelne Handelsrouten des Seidenstraßensystems entlangführten. Besonders die sowjetische Zeit ist noch allgegenwärtig an der kirgisischen Riviera. Gesichtslose, graue Plattenbaubettenburgen wurden in den 1970er Jahren am Seeufer hochgezogen, um dem Ansturm der Besucher Herr zu werden. Nach planwirtschaftlichen Muster wurden Massenerholungseinrichtungen geschaffen, Strände angelegt, Straßen gebaut. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR verwaisten die überdimensionierten Komplexe. Nur am besser erschlossenen Nordufer reiht sich auch heute noch ein Pensionat ans nächste. „Noch vor zwanzig Jahren kamen viele Urlauber her“, erinnert sich der Rentner. „Mit Unabhängigkeit Kirgisiens wurden es dann immer weniger.“ Erst die letzten Jahre würden die Zahlen wieder steigen. Toktokul atmet tief durch, und seine Alkoholfahne wird dabei noch spürbarer. Neben dem Geschäft mit den wenigen Touristen gäbe es nicht viel zu tun. Ein Haus, ein bisschen Vieh, ein paar Obstbäume – das sei alles, was er zum Leben brauche. Aber für die jungen Leute sei das natürlich zu wenig. „Die müßten“, so Toktokul, „in der Hauptstadt Bischkek, in Kasachstan oder Russland ihr Glück versuchen.“

Die meisten Urlauber am Issykkul sind indessen heutzutage Bürger dieser beiden Staaten. Dass das kein Zufall ist, davon ist Vitali Berjosin überzeugt. „Der Issykkul ist in Zentralasien, wo richtige Meere weit weg seien, der Inbegriff für Strandurlaub“, glaubt der 32-Jährige aus Almaty. Der Unternehmer kommt selbst jedes Jahr mit seiner Frau hierher, meist in der Nachsaison, wie er meint. Dann seien die Strände schon leer, aber man könne bei 20 Grad Wassertemperatur noch baden gehen. „Wenn man dann den leicht salzigen Geschmack des Sees auf den Lippen spürt und eine leichte Brise um die Nase weht“, so Vitali scherzhaft, „fühlt man sich schon fast wie am Mittelmeer.“ (n-ost)

Von Henryk Alff

05/10/07

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