Eine wichtige Rolle der Beziehungen zwischen Russland und der Türkei spielen die Erdgaslieferungen. Nach der Inbetriebnahme der „Blue-Stream-Pipeline“ zwischen beiden Ländern wurde die Türkei ein Großkunde des russischen Staatsbetriebs Gazprom. Mit dem verstärkten Einsatz russischen Erdgases riskiert die Türkei jedoch eine starke Abhängigkeit von Russland.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind die türkisch-russischen Beziehungen in eine neue Phase getreten, in der man sich nicht mehr miteinander konfrontiert sah, wie es während des Kalten Krieges der Fall war. So öffnete man Tür und Tor für eine Zusammenarbeit in vielen Bereichen wie Politik, Wirtschaft und Kultur. Obwohl die Beziehungen zwischen beiden Staaten wegen des russisch-tschetschenischen Konfliktes am Anfang der 90er Jahre getrübt waren, stattete der russische Präsident Wladimir Putin als erstes russisches Staatsoberhaupt in der Geschichte seinem Amtskollegen A. Necdet Sezer im Dezember 2004 in Ankara einen Besuch ab.  Bei diesem Besuch ging es hauptsächlich um die tschetschenische Frage und Transportmodalitäten des russischen Öls. Außerdem wurde eine Deklaration über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland unterzeichnet. Neben einigen Verträgen kam ein Memorandum über die Entwicklung der Zusammenarbeit im Gassektor der beiden Länder zwischen Gazprom und der türkischen Ölgesellschaft BOTAS zur Unterschrift. Russland brachte mehrmals zur Sprache, dass religiöse Stiftungen aus der Türkei die Tschetschenen im Kampf finanziell gegen die Zentralmacht unterstützen würden. Als Ankara mit der Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen Moskau in der tschetschenischen Frage entgegenkam, geriet die türkische Regierung innenpolitisch wegen des Verrates an den muslimischen Brüdern im Kaukasus unter starken Druck, weil in der Türkei eine starke tschetschenische Diaspora lebt.

Bau, Auto und Öl

Die türkisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen intensivierten sich im Verlauf der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. Vor allem waren türkische Baufirmen in Russland sehr aktiv. So haben sie Bauprojekte im Wert von 14 Mrd. US-Dollar auf dem russischen Markt durchgeführt. Dabei gelingt es allerdings nur den großen türkischen Baufirmen, einen Auftrag in Russland zu bekommen. So bekam die türkische Baugesellschaft „ENKA“  den Auftrag für den Bau des Flughafenterminals Scheremetjewo 3, um nur ein Beispiel zu nennen. Dabei muss jedoch betont werden, dass die kleinen und mittleren Unternehmen in der Baubranche nicht so erfolgreich sind. Denn sie sind nicht in der Lage, mit den großen Baufirmen auf dem russischen Markt zu konkurrieren. Russlandexperten aus der Türkei meinen, dass die türkischen Baufirmen ihre Kräfte bündeln sollten, um auf diesem Markt auf Dauer erfolgreich sein zu können. Ansonsten könnten sie mit den anderen westlichen Baufirmen nicht konkurrieren. Darüber hinaus wird unter türkischen Fachleuten diskutiert, ob man doch nicht mit Russland auf dem Gebiet der Verteidigung kooperieren kann. So will die Türkei in der Tat ihre einseitige Abhängigkeit in der Kriegsmaterialversorgung von den USA diversifizieren. Das Außenhandelsvolumen zwischen der Türkei und Russland belief sich auf 15 Mrd. US-Dollar im Jahre 2004, das man auf 25 Mrd. US-Dollar zu erhöhen beabsichtigt. Wenn die „Blue-Stream-Pipeline“ mit voller Kapazität in Betrieb genommen wird, wird sich dieses Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern bald sowieso auf 20 und 22 US-Dollar erhöhen. Beim türkischen Export nach Russland nimmt die türkische Automobilindustrie mit mehr als 2,5 Mrd. US-Dollar eine wesentliche Rolle ein.

Türkei: Ein Kunde Russlands

Türkische Analysten schlagen vor, dass man sich auf die Autoindustrie im türkisch-russischen Handel konzentrieren sollte, was sich aber wegen der minderwertigen Qualität der türkischen Lizenzautomobile auf diesem Markt nicht behaupten kann.

Nach der Inbetriebnahme der „Blue-Stream-Pipeline“ zwischen Russland und der Türkei im Februar 2003, wurde die Türkei ein wichtiger Kunde Russlands. So bezog die Türkei circa 15 Mrd. Kubikmeter Erdgas aus Russland im Jahre 2004. Damit rangiert die Türkei nach Deutschland (circa. 38 Mrd. Kubikmeter) und  Italien (circa. 21 Mrd. Kubikmeter) an dritter Stelle.

Mit anderen Worten ist die Türkei in wenigen Jahren wichtiger Abnehmer des russischen Erdgases geworden. Solange die Türkei ihren Erdgasverbrauch allein aus Russland bezieht, läuft sie Gefahr, sich einseitig von Russland abhängig zu machen. Deswegen muss sich die türkische Führung darauf konzentrieren, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren. In diesem Zusammenhang muss man betonen, dass die Türkei Erdgas aus dem Iran beziehen kann, was auch für Westeuropa  im Hinblick auf die Diversifizierung der Bezugsquellen von großer Bedeutung sein wird. Da die EU-Kommission großen Wert auf das neue Erdgas-Transportprojekt aus der kaspischen Region nach Europa legt, muss sie die Türkei bei ihren Bemühungen um die Diversifizierung der Erdgasbezugsquellen tatkräftig unterstützen.

14/10/05

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