Kasachische zeitgenössische Künstler lassen sich durch manches mehr als nur die Kunstgeschichte leiten. Dennoch werden auch sie sich bewusst oder unbewusst in diese einreihen wollen. Einen Eindruck vom Stand der Suche nach Positionen bietet derzeit die Ausstellung „Almatyer Kalender“.

/Bild: Ulrich Steffen Eck. ‚Ein professionell konzipierter Ausstellungsraum: Hier stimmen die Proportionen von Licht, Raum und Farben.’/

Auf dem Gelände des Toyota-Autohauses „Astana-Motors“ im Almatyer Sujunbaj-Prospekt 151 befindet sich seit 2003 eine nach Auskunft der Betreiber bewusst nostalgisch mit „Art-Zentrum Alma-Ata“ betitelte Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst. Aus dem Schaffen der jeweils ausstellenden Künstler speist der Betreiber Nurlan Smagulow seine Privatsammlung; so zumindest ist das unter den auf der Vernissage zur Ausstellung „Almatyer Kalender“ vertretenen Künstlern zu vernehmen. Die Praxis, Künstlern Raum für Präsentation zu bieten und dafür – gewöhnlich – ein Werk pro ausstellendem Künstler einzubehalten, sei in Kasachstan allgemein üblich, heißt es.

Die kollektive Ausstellung von Werken von 24 Künstlern aus Kasachstan läuft noch bis zum 21. Februar 2009. Thema der unter Kuratel der schon seit den sowjetischen Sechzigern agierenden Kunsttheoretikerin und -historikerin Bajan Barmankulowa stehenden Schau ist das nunmehr im chinesischen Kalender angebrochene Jahr des Stieres.

Augenfällig schon beim Betreten des ersten, größeren Ausstellungsraumes der überschwengliche Farbenreichtum der professionell platzierten Werke, bei denen es sich neben einigen Skulpturen und Miniaturen überwiegend um Malerei und Grafik handelt.  In satten, mit dickem Strich aufgetragenen Grundfarben glühen insbesondere die Bilder Bachyt Bapischews, neben Andrej Nodas vor kräftigem karmesinroten Hintergrund platzierten, mit wenigen, aber stark kontrastierenden Tönen abgesetzten Motiven. Ein Schelm, der hier an Kandinsky denkt?

/Bild: Ulrich Steffen Eck. ‚Retro, Kitsch oder Ironie? Nichts davon: Einfach ihre bevorzugte Ausdrucksform, sagt Dalida‘./

Der aus Aktöbe stammende Marat Bekejew, dessen Sujets mit Nomadenkultur und Wanderung im größeren Sinne verknüpft sind, verwendet im Unterschied zu seinen beiden vorgenannten Kollegen archaische Formen, die die zeitgenössischen Techniken ihrer Verarbeitung Zeitgrenzen überschreiten lassen. Die Formen sind es vielleicht, die einem Bekejews Werke irgendwie wie alte Bekannte vorkommen lassen: Ähnliche Figuren verwendeten der Spanier Joan Miró und der Schweizer Paul Klee. Die Illusion von Dreidimensionalität der collagenartig auf große Formate gebrachten Malerei Bekejews fügt der zeitlichen Tiefe eine räumliche hinzu,

Tod als Schaffenszäsur

Bajan Barmankulowa weist auf die Experimentierfreudigkeit der auf der Suche nach adäquaten Ausdrucksmitteln befindlichen Künstler hin. Als augenfälliges Beispiel hierfür mögen die beiden vertretenen Schöpfungen Kadyrschan Chajrullins Pate stehen, die sich in von der Kuratorin sicher bewusst gewählter, räumlich maximal möglicher Entfernung voneinander gegenüberstehen. Die düstere und mit unverstellt religiösem Inhalt angereicherte Atmosphäre des jüngeren Werkes steht in markantem Kontrast zur fast kindlichen Stimmung des älteren. Zwischen Beiden steht ein einschneidendes Erlebnis: der Tod des Sohnes Chajrullins.

/Bild: Ulrich Steffen Eck ‚Effektiv und meisterlich gezeichnet, dazu hoher Wiedererkennungswert: Alexander Lwowitschs Grafiken.’/

Neu und die Jüngste im Kreis der sonst schon beschlageneren Künstler ist Dalida. Auffällig bei ihr ist der antiquierte, fast schulmeisterliche Stil, in dem sie das Interieur ihres Ateliers und dessen Umgebung abbildet. Zu wenig ausgefeilt in der Licht- und Farbbehandlung sind Dalidas Bilder, als dass man sie mit Werken des Hyperrealismus – etwa den raffinierten Lichtbrechungen von Hanna Höch – vergleichen könnte. Auf die Frage, was sich hinter der Entscheidung für eine Malerei in der Art des Realismus verbirgt, wie sie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aufkam, antwortet Dalida ein wenig erstaunt, es würde sich einfach um ihre persönliche Form des Ausdrucks handeln. Verblüffend – wenngleich wahrscheinlich Zufall – ist die formale Ähnlichkeit eines von ihr abgebildeten Stuhls mit einem von Adolf Menzel auf seinem „Balcony Room“ gemalten. Nach den Worten Bajan Barmankulowas wurde Dalida eingeladen, um „dem Glauben an die junge kasachische Kunst“ Ausdruck zu verleihen.

In einem zweiten, kleineren Raum der Galerie findet sich neben einigen kolorierten Arbeiten – die originellsten darunter vielleicht die von Swetlana Plotnikowa – eine Anzahl von Grafiken, bei denen sich vor allem der Name Alexander Lwowitsch durch einen stark ausgeprägten Personalstil hervortut. Lwowitsch zeichnet präzise grafisch, fast kalligrafisch, in einer Meisterschaft, wie sie am ehesten von japanischen Holzschnitten her bekannt ist.

Win-win-Situation

Das Wissen um Einrichtungen wie das „Art-Zentrum Alma-Ata“ ist insofern beruhigend, als dass bei allen Wehklagen über mangelhafte staatliche Unterstützung Privatinitiativen helfen, der zeitgenössischen kasachischen Kunstszene eine Plattform zu bieten. Der Eine oder Andere mag es anstößig finden, dass es sich hier weder um lupenreines Mäzenat, noch um klassisches Sponsoring nach europäischen Maßstäben handelt. Kühl und pragmatisch betrachtet liegt doch wohl aber eine so genannte Win-win-Situation vor, und wem sollte die schaden?

Von Ulrich Steffen Eck

30/01/09

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