Der Herbst ist Wanderzeit! Die Umgebung um Almaty bietet einige interessante Wandertouren, die von wanderlustigen Naturfreunden bis in den Winter hinein erkundet werden. Heute stellen wir die Tschemolgan-Schlucht vor.

/Der Sanddorn wird als starkes Naturheilmittel verwendet./

In punkto Erholung und Entspannung hat bekanntlich jeder seinen eigenen Geschmack. Der eine sucht Sonne satt und Strandvergnügen, der andere zieht dem lieber eine hektische Städtetour vor mit 27 Stationen an einem Tag. Andere lieben ausgedehnte Bergtouren oder gemütliche Wanderungen. Als eine liebe Freundin letzte Woche anrief und mich fragte, ob ich Lust auf eine Wanderung durch eine naturbelassene Schlucht hätte, sagte ich sofort spontan zu.

Wer einmal in Almaty ist, kann sich den Bergen nur schwer entziehen. Sie grüßen jeden Tag von weitem und leuchten in der Ferne, strahlen eine Majestät und Erhabenheit aus, die wohl jeden in seinen Bann zieht. Da tut man gut daran, dem Stadtlärm zu entfliehen und auf eine spannende Entdeckungstour zu gehen.

Diesmal sollte ich einen Teil des Alataus kennenlernen – die Gebirgsausläufer des Trans-Ili-Alataus (russ.: Заилийский Алатау), der zum riesigen Gebirgsmassiv des Tienschan gehört. Unser Reiseziel war die Tschemolgan-Schlucht, (russ.: Чемолганское ущелье), die gar nicht so unbekannt ist. Der Präsident Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, wurde am 6. Juli 1940 in der Gegend von Tschemolgan geboren.

Unser Reiseleiter war kein geringerer als Prof. Alexander Borissowitsch Schdanko, ein bekannter Entomologe, Forscher, Heimatkundler und Naturfotograf.

Schdanko arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften Almaty und ist eine beeindruckende Persönlichkeit.

Mit unglaublicher Sachkenntnis und Detailtreue hielt der Wissenschaftler im „Mikroautobus“ seinen Wandergenossen einen lebendigen Vortrag über Flora und Fauna des einzigartigen Naturschutzparks „Ili-Alatau“ und seiner Schluchten.

Naturabenteuer und Wildromantik im Trans-Ili-Alatau

Die Tschemolgan-Schlucht liegt in ca.1400 m Höhe, ist von sanften Hügelketten umschlossen und ist etwa eine Dreiviertelstunde Autofahrt westlich von Almaty entfernt.

Was mich in der Schlucht erwartete, war ein Naturabenteuer mit einem Hauch Wildromantik. Zunächst erinnerte mich die Landschaft an eine karge Einöde mit verbranntem Gras und weitläufigen Hügeln. Am Horizont blitzen die schneebedeckten Drei- bis Fünftausender des Tienschan-Gebirges. Der erst breite Wanderweg wurde nach einer halben Stunde recht schmal und felsig. Irgendwann war er von Gebüsch und Sträuchern so zugewachsen, dass ich mich fragte, wann hier das letzte Mal ein Mensch entlanggegangen ist. Aber unsere Wandergruppe bahnte sich tapfer ihren Weg durchs Dickicht, angetrieben vom enthusiastischen Prof. Schdanko und seinem engen Freund  Alexander Vogel. Unterwegs ertönten immer wieder Freudenschreie, als die Wandergruppe in den Genuss der vitaminreichen und leckeren Gebirgsbeeren kam: So fanden wir Unmengen an Berberitzen (барбарис), Hagedorn (боярышник), Apfelbäume der alten „Sievers“-Sorte (яблоня Сиверса) und Zwergmispeln (кизильник).

Unser Ziel war ein lauschiges Plätzchen am Flüsschen Tschemolganka, wo wir nach fast zwei Stunden Wanderung Rast machten. Jeder suchte sich einen Flecken Erde und tat das, was er schon die letzten paar Stunden tun wollte: alle Viere von sich strecken und in die Sonne schauen.

Doch so weit kam es nicht: jemand hatte eine Schlange entdeckt, und alle strömten herbei. Da lag sie, eine kleine lauernde Schlange mit Namen «красный щитомордник», eine der giftigsten Nattern des Alataus weit und breit. Das giftiggelbe Tier fühlte sich anscheinend von uns Menschen gestört, als sie sich in der warmen Sonne aalte. Schnell wurden die Fotoapparate gezückt und das Exemplar fotografiert. Was passiert wäre, wenn sie sich zum Angriff entschlossen hätte, mochte ich mir lieber nicht ausmalen. Daher machte ich lieber einen großen Bogen um das Reptil.

Endlich konnten wir es uns auf dem Gras unter grünen Bäumen bequem machen!
Danach schmeckte das Fladenbrot und der selbstgemachte Kräutertee gleich noch mal so gut. Da unser Wanderleiter und Bergführer Schdanko auch ein hervorragender Kräuterkundler ist, wurde der Tee selbstredend aus einem besonderen Sud nach dem Schdanko-Geheimrezept zusammengebraut: Man nehme Minze, Sisiphora (Steinminze), Thymian und Hagebuttenfrüchte und brühe das Ganze ungefähr 15 Minuten auf. Für diejenigen, die einfach nur die unglaubliche Ruhe in der freien Natur genießen wollten, war dieser Ort am Fluß ideal. Für die Rastlosen allerdings, die unbedingt noch Sanddornbeeren pflücken wollten, ging die Wanderung weiter. Dazu mussten wir noch eine gehörige Wegstrecke hinter uns bringen, die noch weiter in die Schlucht führte. Die Sonne brannte nach einer halben Stunde unbarmherzig vom Himmel herab, als uns ein Insektenschwarm anfing zu plagen. Doch da leuchteten die orangeroten Beeren der Sanddornbüsche schon von weitem. Jeder kostete und nahm sich ein paar Zweige mit. Als ich hörte, dass nun kein Fahrzeug auf vier Rädern mehr in der Lage ist, hierher zu finden, war das ein komisches Gefühl. Wie oft kommt der Stadtmensch schon mal an einen Ort, wo nur noch Kuhherden und Schafe zuhause sind und die Zivilisation sich (noch) nicht vorgewagt hat?

Flußüberquerung mit Hindernissen

Allerdings wartete noch eine andere Überraschung auf uns. Der Rückweg sollte noch so manchen in Erinnerung bleiben. Wir haben zwar einen herrlichen Spätsommer, jedoch ist Gebirgswasser bekanntlich eiskalt: so wurde die Flußüberquerung der Tschemolganka zu einem lustigen Schauspiel. Ein jeder krempelte eifrig die Hosenbeine hoch, um den ca. 10-15 m breiten Fluss irgendwie trocken zu durchwaten. Nicht jeder hatte Glück, denn nasse Steine sind glitschig und tückisch. Der Fluss trug das eisige Wasser mit starker Strömung von den Gletschern des Alataus direkt ins Tal. Nach einigen Schrecksekunden hatte unsere Wandergruppe erfrischt das andere Ufer erreicht. Von Müdigkeit war keine Spur mehr, ich fühlte eine Leichtigkeit in den Muskeln, die fast schon etwas leicht-sinnig machte.
Als die Sonne lange Schatten auf die Berge warf und es merklich kühler wurde, trafen wir dann doch glücklich-erschöpft endlich am vereinbarten Treffpunkt ein. Meine erste Wanderung im Alatau ging zu Ende. Ein unvergessliches Erlebnis wird in Erinnerung bleiben.

Von Malina Weindl

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