Im Jahre 2010 erschien ein Jugendbuch in Deutschland, das auch bei erwachsenen Lesern höchst beliebt ist und zum Bestseller wurde. Die Rede ist von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“. Jetzt soll der Lesestoff verfilmt werden. Ausgerechnet ein Schauspielstudent aus Almaty bewirbt sich für die Hauptrolle des Tschick.

„Was? Du bist auch nicht eingeladen? Ich dachte, ich wäre der Einzige.“ Dies ist ein Satz des Protagonisten Tschick aus der Szene, die der junge Rasul Nasyrov immer wieder probt. Zur Zeit ist er Schauspielstudent der Kasachischen Kunstakademie in Almaty. Er will, dass es gut wird. Sein Freund filmt ihn mit einer Handy-Kamera. „Ein paar Fehler sind okay“, erklärt er mit einem Lächeln. Der Produzent in Deutschland weiß, dass Rasul kein Deutsch spricht. Natürlich kann er daher auch nicht alles perfekt aussprechen.

Als Rasul vor einigen Wochen angefangen hat, sich auf das Casting vorzubereiten, wusste er noch nicht, wovon der Film genau handelt. Er wusste nur, dass dies für ihn eine große Chance bedeuten wird. Sein Dozent Bolat Atabayev, der zur Zeit an der Theaterakademie in Köln tätig ist, machte Rasul auf das Casting aufmerksam.

Immer wieder Aufnahmen

Das Casting bestand aus insgesamt fünf Phasen. Zunächst schickte Rasul nur ein Foto und einen kleinen Text über sich an die Agentur. Dann folgte ein kleiner Film, in welchem er sich nochmals vorstellen sollte. In der dritten Phase waren es bereits drei Szenen, die er nach Deutschland geschickt hat: zwei auf Russisch und eine auf Englisch. Hierbei galt es, das schauspielerische Talent unter Beweis zu stellen. Danach schickte ihm die Agentur aus Berlin die ersten Szenen aus „Tschick“, die er wenig später als Aufnahme zurückschickte.

Bei der Vorbereitung musste er sich intensiver mit der Rolle Tschick auseinandersetzen: Tschick ist ein wortkarger russischer Spätaussiedler, der hin und wieder betrunken zum Unterricht erscheint. Er ist ein Außenseiter und wird daher nicht zu der Geburtstagsparty der Klassenschönheit Tatjana eingeladen. In seiner Klasse trifft er auf Maik, der als langweilig gilt und somit auch nicht eingeladen wird. Mit einem geklauten Wagen unternehmen sie eine Reise voller Abenteuer. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Eh er sich versah, hatte Rasul diese Phasen durchlaufen und steht nun im Finale. Jetzt muss er diese letzte Szene schicken. Obwohl er noch Student ist, kann er durch dieses Casting nachempfinden, wie schwierig und aufregend es für einen Schauspieler sein kann, sich für eine Rolle in einem großen Filmprojekt zu bewerben. Rasul hat trotz seiner Konzentration aber auch Spaß an der Sache.

„Ich mochte es schon als Kind, den Schauspielern auf der Bühne zuzuschauen. Meine Mutter ist auch Schauspielerin“, erzählt Rasul. Daher sei es schon sein Kindheitstraum gewesen, Schauspieler zu werden. Jetzt mag er vor allem die Vielseitigkeit des Berufes und die Tatsache, dass ein Schauspieler immer wieder an sich arbeiten und in Form sein müsse.

Text in fremder Sprache

Den Text auf Deutsch zu lernen, ist sehr schwierig für Rasul. „Ich weiß nur ein wenig darüber, wie bestimmte Wörter ausgesprochen werden. Es war meine erste Erfahrung mit der deutschen Sprache. Aber es ist eine wirklich komplizierte Sprache für mich.“ Doch diese Aussage relativiert er schon im nächsten Satz. Für das Sprachtalent sei das wohl normal. Wenn man Englisch sprechen kann, sei es auch nicht mehr so schwer, Deutsch zu lernen. Der junge Schauspieler spricht Russisch, Kasachisch, Türkisch und Englisch.

Coolness ist gefragt

Rasul freut sich aber auch, dass es bei seiner Vorbereitung auf das Casting einige Menschen gab, die ihn unterstützt haben. Im Goethe Institut von Almaty fand er Mitarbeiterinnen, die ihm mit der richtigen Aussprache geholfen haben. Eine von Ihnen war Violetta Bat, die selbst auch viel Freude bei den Proben mit dem jungen Schauspieltalent hatte: „Ich fand es sehr angenehm mit ihm. Er ist ein sehr ehrgeiziger Mensch, wir haben eine Stunde an einem Satz geübt, weil der ziemlich lang war. Ich musste ihn zwingen, eine Pause zu machen und nach der Pause kam er mit einem Grinsen auf mich zu und hat den Satz auswendig ohne Fehler gesagt Er hat mir den Text auch auf Russisch vorgesprochen, das war krass, was für ein Unterschied das war! Er war viel sicherer im Russischen und hat viel mehr Coolness und schauspielerisches Können gezeigt.“

Wenn er das Finale gewinnt und für den Dreh nach Deutschland eingeladen wird, will er unbedingt Deutsch lernen. Vergangene Woche bekam er Nachricht von den deutschen Produzenten. Leider war es keine Einladung.

Von Maria Manowski

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