Nicht nur bei Deutschen aus Russland, sondern bei beinahe allen Russischsprachigen in Deutschland macht sich ein sprachliches Phänomen bemerkbar. Es handelt sich dabei um die „deutschrussische Sprache“. Der Text erschien zuerst bei Volk auf dem Weg. Wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Seriös ist über diese seltsame Variante des Deutschen oder des Russischen nicht geforscht worden, doch kann man als Deutscher aus Russland oder „Deutschrusse“ sehr gut ein paar nette Beispielsätze aus dem Alltag liefern: ,,Nu ja she goworil, tschto geht nicht.‘‘ („Ich sagte doch, dass das nicht geht.“), ,,Nu gut.‘‘ („Na gut.“), ,,Ty otschenj leise rasgowariwajesch.‘‘ („Du sprichst ziemlich leise.“), ,,Budim essen?‘‘ („Sollen wir was essen?“), ,,Tut abschneidewaj.‘‘ („Schneid hier was ab.“), ,,Ty menja belugewajesch?‘‘ („Lügst du mich an?“).

Wie man sieht, werden die zu Hause vorherrschenden Sprachen (Russisch und Deutsch) zusammengewürfelt, und zwar so, dass deutsche Wörter meist dann zum Zuge kommen, wenn diese dem Sprecher auf Russisch nicht mehr einfallen. Diese Ausdrucksweisen transportiert man dann von Freund zu Freund, wodurch schließlich eine recht stabile Variante entstehen kann, denn gewisse Kreationen setzen sich durch, wohingegen andere absinken oder völlig fallen gelassen werden.

Das Deutschrussische ist das Produkt eines noch nicht vollständig abgeschlossenen Aufgehens in der deutschsprachigen Gesellschaft. Gleichzeitig zeigt es jedoch, dass das Deutsche auf die Russischsprachigen auch im Privaten einwirkt und sich deutlich bemerkbar macht. Die jüngste Generation von Spätaussiedlern, die entweder in sehr jungen Jahren nach Deutschland gekommen ist oder bereits hier geboren wurde, gebraucht entweder nur noch das Deutsche oder schmückt ihren Wortschatz mit wenigen russischen Begriffen aus.

Natürlich – man darf Tatsachen nicht leugnen – gibt es in diesem Land auch solche, die ihren hier geborenen Kindern hartnackig das Russische beizubringen versuchen. Nun kann es sich dabei um Kinder aus Mischehen handeln, andererseits auch um Deutsche aus Russland, die der russischen Kultur näher stehen und nur noch ihrem Nachnamen nach deutsch sind.

Bei den russlanddeutschen Groß– oder Urgroßeltern hat sich noch das Plautdietsche oder der deutsche Dialekt als pfälzische, hessische, fränkische oder schwäbische Mundart erhalten. Wer aber zum Beispiel „Russlanddeutsches Dialektbuch“ von Nina Berend gelesen hat, weiß auch, dass sich aufgrund der unterschiedlichen Herkunftsgebiete der Russlanddeutschen die deutschen Dialekte hier und dort vermischt haben.

Ist aber den Russlanddeutschen heute überhaupt noch etwas von der Kultur der Vorfahren geblieben? Nun, viele Einheimische sind beispielsweise schon erstaunt darüber, dass unsere Frauen nicht nur russische oder türkische Gerichte, sondern auch rein wolgadeutsche zubereiten, glaubt man doch, dass das mit unseren deutschen Vorfahren ein Märchen sei. So viel zu den kleinen Dingen des Lebens.

Zum anderen empfanden sich die Deutschen in der Sowjetunion als die Anderen; ihre nichtrussische Herkunft schweißte sie zusammen. So etwas setzt sich in der Psyche fest. Ich empfehle immer, dem skeptischen Bundesbürger den wolgadeutschen Geburtsschein vorzuzeigen. Das Staunen ist dann ziemlich groß. Vor wenigen Jahren kursierte im Netz eine Liste zu amüsanten, jedoch unbestreitbar zutreffenden Eigentümlichkeiten der Deutschen aus Russland. Lasst sie uns mal gemeinsam bestaunen und dem Autor dieses Artikels erlauben, seinen Senf dazu zu geben: Du bist Russlanddeutscher, wenn …

• … du in der Verwandtschaft Leute mit den Namen Alexander, Johann, Peter, Andreas, Viktor, Katharina, Irina, Natascha oder Olga hast. (Ich selbst habe unsagbar viele Verwandte mit dem Vornamen Alexander. Allem Anschein nach hat man ihn vergeben, weil er sowohl männlich als auch sehr international klingt.)

• … in deiner Familie Verniedlichungen, wie Lenatschka, Arturtschik, Annuschka oder Vikula geläufig sind. (Das hat man sich von den Russen abgeguckt. Russen stehen total auf Koseformen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass auch die alten Wolgadeutschen einen Karl Kallje oder Kalle oder eine Lena Lenje nennen konnten.)

• … deine Mutter vier Speisen auf einmal zubereiten kann und nebenbei noch telefoniert. (Ein strenger Unterschied zwischen Mann und Frau zu Hause stand schon bei den alten Russlanddeutschen auf der Tagesordnung. Allerdings ist die Vorliebe für möglichst prall gefüllte Esstische wohl eher slawischen Ursprungs. Ich persönlich bestreite, dass das etwas mit den Kriegsjahren zu tun hat.)

• … deine Mutter dich mit dem Namen eines deiner Geschwister anspricht und du aufgehört hast, sie zu korrigieren. (Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Russlanddeutschen, zumindest die der Sowjetära, häufig sehr materialistisch veranlagt sind und die Kinder eher als Besitz und eine Verpflichtung ansehen denn als emotionale Wesen mit eigener Persönlichkeit.)

• … deine (Groß-)Eltern zu ihren Schulzeiten täglich acht oder mehr Kilometer zur Schule laufen mussten. (Jedes Mal, wenn wir Kinder uns in der Familie über irgendwelche Schwierigkeiten beklagten, schalteten sich die Großeltern mit exakt diesem Hinweis auf ihren Schulweg ein.)

• … deine Mutter, deine Tanten und Bekannten Sonderangebote auswendig können, die genauen Preise von Obst und Gemüse im Kopf haben und sich nach einer Preiserhöhung gegenseitig informieren. (Materialismus lässt wieder grüßen. Hier schießt die ,,Sucht nach mehr‘‘ in den Vordergrund, ausgelöst durch den Sprung aus einer Gesellschaft, in der es wenig gab, in eine, in der es viel für den Burger gibt.)

• … du in der Schulzeit deinen Mitschülern weismachen wolltest, dein Opa sei in der Mafia. (Habe ich zwar nie behaupten wollen, doch gehen einheimische Kinder bei „Russen“ ganz von allein davon aus.)

• … du deine Eltern in der deutschen Sprache verbessern musst (von Englisch reden wir lieber erst gar nicht). (Erwachsenen fällt das Erlernen einer neuen Sprache bekanntlich schwerer als Kindern. Trotzdem meine ich, zu erkennen, dass der Deutsche aus Russland der Generation meiner Eltern keinen großen Wert auf Sprache legt. Oft will er sich kurz fassen. Ein Überbleibsel des Bauerntums der Wolgadeutschen oder des Kommunismus?)

• … du nur 40% der Gäste auf deiner Hochzeit kennst. (Trifft bei uns nicht zu. Scheint erneut eher ein russisches Phänomen zu sein.)

• … deine Mutter Borschtsch und Zwieback macht. (Trifft nicht auf meine Mama zu. Scheint wieder russisch zu sein. Ich weiß nicht mal, wie Borschtsch schmeckt.)

• … Hochzeiten mit 18 nichts Ungewöhnliches sind. (In Russland ja, in Deutschland eher ungewöhnlich. Hat hier sicher etwas mit mehr Möglichkeiten, allein über die Runden zu kommen, zu tun.)

• … du mit jedem verwandt bist und deine Eltern dir sagen können, um wie viele Ecken welcher Opa mit wem verwandt ist. (Trifft vollkommen zu! Nervt mich ein wenig, weil ich bei so einer Aufzahlung den Überblick verliere. Stammt offenbar noch aus der Zeit, als Wolgadeutsche besonders viel Acht auf ihre Sippe geben mussten. Kommt heute irgendwie „barbarisch‘‘ rüber.)

• … dein Vater früher ziemlich viel Mist gebaut hat und du für eine halb so schlimme Sache gleich Hausarrest und Internetverbot bekommst. (Das ist richtig. Es herrscht in vielen Familien noch ein veraltetes autoritäres/undemokratisches Verhalten beim Vater vor. Auch hat wohl der Afghanistan-Krieg, an dem sich viele junge Sowjets beteiligten, sein Übriges dazu beigetragen, und somit wieder die kommunistische Propaganda, die den Wehrdienst und Kriegseinsatz verherrlicht hat.)

• … du zumindest mit deiner Oma plattdeutsch sprechen musst. (Da meine Familie nicht aus Mennoniten besteht, sprechen meine Großeltern kein Platt, was ignorante Menschen hierzulande oft für einen russischen Akzent halten. Aber die halten wohl vieles für Ausländisch, selbst das Hochdeutsche eines Deutschen, der bloß mal im Ausland gelebt hat.)

Für mich nicht ganz nachvollziehbar ist das regelrechte Verlangen einiger Menschen, sowohl aus russischen wie deutschen Kreisen, den Deutschen aus Russland ihr Bekenntnis zu ihrer Identität absprechen zu wollen. Man braucht das Thema nur mal in den sozialen Netzwerken anzusprechen, und schon wird es kleingeistige Kritik bis hin zu unglaublich hasserfüllten, fast geisteskranken verbalen Angriffen hageln. Ich bringe nur mal ein paar entschärfte Argumente ignoranter Gegenspieler (auf Facebook), die aus angeblich russlanddeutschen Familien stammen:

• Eine junge Autorin schreibt mir: „Was ist überhaupt Nationalität oder Mentalität? Jeder von uns ist doch verschieden. Jeder einzelne von uns hat doch seine eigene Mentalität. Meine Vorfahren haben auf einem Landfleck gelebt, der mal russisch-, mal deutsch-, mal jiddischsprachig war. Über diese Themen kann man ruhig schreiben, aber mit der Realität hat das nichts zu tun!“

• Eine Unternehmerin: „Ich verstehe gar nicht, was Nationalität oder diese so genannte ethnische Identität bedeuten soll. Meine Großmutter hat einfach ihr Leben gelebt. Ich glaube kaum, dass sie sich über ihre Nationalität Gedanken gemacht hat. Sie war einfach so, wie sie war.“

• Ein Musiker: „Hat alles mit der Sprache zu tun. Wenn du in Deutsch schreibst, bist du auch Deutscher .“

Was für scharfsinnige Aussagen! Ich gebe zu, ich war sprachlos. Versuchen wir mal, Stellung dazu zu nehmen. Also: Wer beispielsweise nach Albanien fährt und dort keinen ethnischen bzw. kulturellen Unterschied feststellt, ist doch blinder als blind. Ja, ein jeder Mensch hat seine persönlichen Charakterzüge, aber wen bezeichnet man zum Beispiel als „Individualisten‘‘ oder „Exzentriker‘‘? Richtig! Einen Menschen, der sich in besonders vielen Fällen als anders als die Masse, die ihn umgibt, entpuppt. Und die russlanddeutsche Großmutter braucht sich keine Gedanken über ihre ethnische Identität zu machen, sie hat sie so oder so!

Das „Argument“ „Du bist Deutscher, weil du deutsch spricht, deutsch schreibst.“ sollte man als klar denkender Mensch gar nicht zu widerlegen streben, ich versuche es trotzdem: Es ist nicht von Bedeutung, in welcher Sprache du schreibst, es ist bedeutend, welche Kultur du in deine Texte, in deine Worte einbringst. Deshalb merkt man sehr wohl, ob ein Mensch aus meinetwegen Indien oder Dänemark das Märchen geschrieben hat. Das Kulturelle oder Mentale schleicht sich in deine Taten ein.

Edgar Seibel

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