Jesko Schmoller (29) ist Ethnologe und lebt seit Sommer 2006 in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Dort arbeitet er am Juristischen Institut und lebt in einer traditionellen, usbekischen Mahalla. Vor kurzem hat er einen Ausflug nach Buchara unternommen und dort Erstaunliches entdeckt. In seinem 14. Bericht aus der Mahalla erzählt er davon.

Wie habe ich gestaunt über meinen Fund! Kürzlich besuchte ich das legendäre Buchara. Ein auf der alten Seidenstraße gelegenes religiöses und kulturelles Zentrum einer untergegangenen Welt. Nun kenne ich die Stadt durch mehrere Besuche inzwischen ganz gut und kann mich in ihren Straßen zurechtfinden. So dachte ich und wählte beim Verlassen eines Teppichhandelsgeschäfts den Hinterausgang. Zu meiner Überraschung stand ich in einer mir ganz unbekannten Gasse. Verwirrend war auch die Dunkelheit, die sich in der kurzen Zeit, welche seit meinem Besuch des Teppichhändlers vergangen sein mochte, über die Häuserdächer gelegt hatte.

Menschenleer war die Gasse, nur an ihrem Ende flackerte hinter schmutzigen Fensterscheiben ein Licht. Ich ging näher, trat an das Fenster und lugte hindurch. Oh Wunder, dachte ich, denn Bücher über Bücher waren es, die ich erblickte. Und ein fast zahnloses Grinsen, das zu einem runzligen Greisengesicht gehörte. Der Alte winkte mich hinein. Eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte. Nicht, wenn es sich – wie in diesem Fall – um den Besuch eines Antiquariats handelte.

Und welch ein Reichtum in den Regalen: Ein Gedichtband Omar Hayyams mit kunstfertigen Miniaturzeichnungen, Manuskriptrollen baschkirischer Kriegs- und tscherkessischer Trauergesänge, ja selbst ein Inuit-Kochbuch mit dem Titel „59 Arten, Robbenfleisch schmackhaft und ganz ohne die Zugabe von Seegurkenmilch zuzubereiten“ (eigene Übersetzung). In meinem Glückszustand muss ich minutenlang offenen Mundes vor den Regalen gestanden haben bis mich die Stimme des Verkäufers wieder in die Realität zurückholte. „Anglikani, Anglikani“, rief er aufgeregt und fuchtelte mit einem vergilbten Kuvert vor meiner Nase herum. Geistesabwesend nahm ich den Umschlag entgegen und öffnete ihn. Mein Blick fiel auf eine Originalhandschrift mit dem Titel „Bukhara. A Sonnet“ aus der Feder eines gewissen William Shakespeare. „Aber doch nicht DER Shakespeare“, murmelte ich, aufmerksam das Pergament untersuchend. „Anglikani, Anglikani“, setzte der Antiquar seine Deklamationen fort, während er mich zur Tür hinausschob. Rumms, die Tür fiel zu, das Schloss klackte zweimal, drinnen verlosch das Licht und ich stand allein in der Gasse.
Selbstverständlich möchte ich nicht behaupten, eine bislang unbekannte Dichtung des englischen Dramaturgen Shakespeare zu besitzen. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Verfasser sogar um einen Fälscher. Aber ich will den Experten unter meinen Lesern nicht vorenthalten, selber ein Urteil zu fällen und präsentiere daher die von mir angefertigte Übersetzung ins Deutsche:

Buchara. Ein Sonett

Der Schah von Persien erschrocken frug:
„Ist Wahrheit, was die Händler sich erzähl’n?
Dass meines Reiches Schönheit nur Betrug,
kein Trost den durst’gen Kameltreiberkehl’n?

Sie alle sprechen von der Einzigen,
Oasenstadt in rotem Wüstensand.
Hellblaue Kuppeln, darum Schwalben flieg’n,
von China bis Syrja Buchara genannt.“

„Mein Herrscher“, sprach der Priester des Zarthusht,
„auf dem Basar erklär’n die Menschen viel,
und wer die Stadt im Herbst besucht hat, kuscht,
verschweigt das schwalbenlose Rabenspiel.“

Der Schah, mit jener Antwort nicht zufried’n,
in Öl ließ Zarathustras Priester sied’n.

Von Jesko Schmoller

09/11/07

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