Es ist in fast allen Angelegenheiten so: Man muss einen kurzen Moment des Schmerzes, der Anstrengung, Pein oder Enttäuschung aushalten, bevor es dann schön oder zumindest einfacher wird. In vielen Sphären ist diese Lebensregel anerkannt, zum Beispiel in der Gesundheit oder im Sport. Im zwischenmenschlichen Umgang leider nicht.

Ich plage mich mit der fehlenden Aufrichtigkeit in der zwischenmenschlichen Kommunikation herum. Ich bin empört, dass ich immer offen sage, wie es ist und mir dann aber unterstellt wird, dass es anders sei, als ich es sage. Ich weiß nicht, wie ich es sagen muss, damit das ankommt, was ich meine, da ich mich in der codierten und chiffrierten Informationsübermittlung nicht auskenne.

Hier der jüngste Fall: Ich musste einige Verabredungen mit einer Freundin absagen, weil es mir nicht gut ging. Ich sagte, ich könne leider nicht kommen, weil es mir nicht gut gehe und meinte damit, dass ich nicht kommen könne, weil es mir nicht gut gehe. Meine Freundin, immerhin so aufrichtig, ihre Bedenken anzusprechen, sagte, sie dachte, ich hätte keine Lust, sie zu treffen. Ratlosigkeit meinerseits. Was kann ich anderes tun, als ihr zu sagen, wie es ist? Die Lösung: Alle anderen müssen sich anders verhalten, und zwar am besten so wie ich. Ein leichtes Unterfangen, ich weiß. Aber ich fange schon mal mit diesem Beitrag an, die Gesellschaft umzukrempeln.

Irgendwann verstehen wir uns dann, alle anderen Menschen und ich. Ehrlich zu sein, ist natürlich nicht so leicht, weil man in fast allen Fällen mindestens eine Person mindestens ein bisschen verletzt, die es nur gut gemeint hat und Freude bereiten wollte. Und das möchte man selbstverständlich nicht. Diese Verletzung ist jedoch nur für einen ganz kurzen Moment, den man miteinander aushalten muss. Danach wird alles viel einfacher. Und verpasst man den Moment und die Wahrheit kommt sehr viel später indirekt heraus, dann ist die Verletzung um einiges größer.

Wir wollen das mal an einem klassischen Beispiel aus dem Alltag ausrechnen. Eine Einladung zum Essen. Der Gastgeber serviert freudig und stolz einige Speisen und Getränke, die man nicht mag oder verträgt. Variante Eins: Man macht gute Miene zum bösen Spiel. Der Stress geht los. Der Schweiß bricht aus. Man sucht nach Ausflüchten und Auswegen. Hofft auf Hunde oder andere heimliche Mitesser, um die schwer bekömmlichen Brocken unter den Tisch fallen lassen zu können; nach Blumenkübeln, in die man den sauren Wein kippen könnte, nach Verbündeten unter den anderen Gästen, denen man klammheimlich die unverträglichen Bestandteile unterjubeln kann. Dann steckt man reichlich Energie in die Schauspielkunst und Beteuerungen, wie lecker das doch alles sei.

Und kriegt dann zur Belohnung beziehungsweise Strafe noch was mit auf den Weg, so dass der Stress daheim weitergeht: direkt wegschmeißen oder vor dem Wegschmeißen noch ein wenig aufbewahren, bis dann der Schimmel die Aktion legitimiert? Wenn man gut geschauspielert hat, bekommt man bei einer der nächsten Gelegenheiten wieder dieselbe Soße serviert, und das ganze Theater geht wieder von vorne los.

Variante Zwei: Man gibt gleich zu, dass man keine Schweinefüße mag. Der Gastgeber ist ein bisschen beleidigt und macht sich ein bisschen Stress, um spontan und flexibel eine Alternative aus dem Hut zu zaubern. Aber das ist bald überstanden, und die folgenden Treffen werden entspannt und lecker. Diese Regel gilt natürlich auch für andere Bereiche: Bedürfnisse in der Partnerschaft, Geburtstagsgeschenke und Verabredungen. Wen das noch nicht überzeugt hat, für den gibt’s jetzt noch einen argumentativen Nachschlag: Lügen haben kurze Beine. Die Wahrheit bahnt sich immer ihren Weg, wahlweise sickert sie zähflüssig durch die Ritzen der dramaturgisch schlecht ausgearbeiteten Lügengeschichten. Oder sie platzt eines Tages in vollkommen unpassenden Momenten wie eine Bombe.

In jedem Falle wird früher oder später klar, dass man schon all die Jahre keine Schweinefüße mochte; dass man sich immer schon vom Partner eingeengt fühlte und dass man gepunktete Krawatten nie und nimmer tragen würde, nicht mal im Karneval. Je länger sich diese Informationen auftürmen, desto drückender die Last der Täuschung. Wenn man sich die Mühe zusammenrechnet, die aufgebracht wurde, um Schweinefüße für den Mülleimer zu kochen, die Untreue durch Ausreden zu verdecken, Krawatten zu kaufen und wieder bei ebay zu versteigern, dann ist das Ganze eine ziemlich unökonomische Energieverschwendung. Ab jetzt wird das hoffentlich anders.

Julia Siebert

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