Es ist schon seltsam, wie der Mangel an Bildung uns Menschen trennt und doch verbindet. Welchen Kulturen oder Schichten wir auch entstammen, wenn die Bildung für uns ein Fremdwort ist, kommen wir am Aberglauben, Vorurteilen und sonstiger Dummheit nicht vorbei. Und selbst wenn wir uns daraus im Laufe eines langen Lebens eine einmalige Identität kreieren, tragen wir doch alle unsere gemeinsame Ungehobeltheit wie die Fahne der größten Menschheitsarmee. Nur dass jeder Soldat dieser Armee wie auf einer Insel lebt.

Überraschend ist auch, dass die Bildung, die uns neue Horizonte – ach, was, neue Welten! – eröffnet, uns eigentlich nicht entfremdet, sondern zusammenbringt. So wenig Physiker, Ärzte und Literaten auch gemeinsam haben, sie zählen sich alle zu einer großen internationalen Bildungselite, die die Welt seit jeher beherrscht und daraus nicht einmal einen Hehl macht. Die Erkennungszeichen dieser nichtgeheimen Verschwörungsgruppe sind vielfältig. Sie reichen von guten Manieren, über die Liebe zu schönen Künsten, bis zum ausgeprägten sozialen Engagement. Allen gebildeten Menschen ist aber der Wunsch eigen, kein Gast im eigenen Leben zu sein.

In Deutschland hat die Bildung einen hohen Wert. Nicht, dass die Deutschen besonders intelligent wären. Sie werden geboren und sterben mit Allerweltsgehirnen. Aber die lange Tradition des freien Unternehmertums und die großartigen Chancen der freien Marktwirtschaft fungieren seit jeher als Hefe im Bildungsteig der deutschen Kultur. Wenn Klaus und Mariechen in die Schule kommen, wird ihnen von ehrgeizigen Eltern unmissverständlich klar gemacht, dass man im Leben die Freiheit hat, alles und nichts zu werden, und man sich mit der Entscheidung beeilen muss. Denn bereits nach der Grundschule greifen die Darwinistischen Evolutionsgesetze, und es wird rigoros zwischen den künftigen Kapitänen und Passagieren auf dem Schiff des Lebens selektiert.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist ein ähnlicher Trend auch in Kasachstan zu beobachten. Auch hier sorgen die guten sozialen Perspektiven für die Beliebtheit von Gymnasien und privaten Universitäten. Jedoch verdankt die Bildung ihren hohen Stellenwert in der kasachischen Gesellschaft nicht so sehr den neuen Möglichkeiten, wie vielmehr der alten sowjetischen Bildungskultur. Es ist erstaunlich, aber in einem Land, in dem ein Ingenieur weniger als ein Klempner verdiente, in dem der Begriff „Intelligenzija“ als ein Schimpfwort verwendet und meist mit dem Adjektiv „verlauste“ garniert wurde, in einem Land, in dem ein Soldat ein höheres Ansehen genoss, als ein Student, hatte die Bildung einen nahezu religiösen Wert! Von Kindesbeinen an wurde Iwan und Katja der blinde Glaube an die erlösende Macht der Bildung eingebläut. Da ist es auch nicht überraschend, dass die sowjetischen Allerweltsgehirne die Lehrinhalte wie Gebete auswendig lernten.

Noch heute verblüffen an den europäischen Universitäten die Studenten aus den postsowjetischen Ländern ihre deutschen Kommilitonen mit blitzschnellem Kopfrechnen, auswendig gelernten Gedichten und einstudierten Geschichtsdaten. Dabei prallen sie auf eine ganz andere Lernkultur. Denn an den deutschen Schulen und Hochschulen werden oft selbst bei den Prüfungen Taschenrechner, Formelsammlungen und Wörterbücher benutzt, was wiederum die Gäste aus dem Osten staunen lässt. Das deutsche Bildungssystem setzt viel mehr auf Wissen, statt auf reine Information, und so ist der deutsche Student viel besser in Bereichen wie dem Verstehen von geschichtlichen Ursachen oder etwa im selbständigen Denken. Müßig zu sagen, dass sich die beiden Parteien perfekt ergänzen und immer wieder bei verschiedensten Projekten unschlagbare Teams bilden.

So unterschiedlich ihre Bildung sie auch macht, sie verbindet sie gleichzeitig in einem viel stärkerem Maße. Von den Symbiosen der Gebildeten wird eine Welt profitieren, in der es keine Grenzen mehr geben wird. In der Welt der Gebildeten existieren schon lange keine, und so bleibt nur noch, auch den anderen zuzurufen: Ungebildete aller Länder, vereinigt euch! Investiert in eure Bildung!

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