Zeitangaben sind – wie alles im Leben – relativ. Will man sich nicht ärgern oder streiten, sollte man alle Vereinbarungen auf den Tag und die Uhrzeit genau festlegen. Oder Zeit-Dolmetscher zu Rate ziehen.

Der Mensch wartet nicht gern. Und der Mensch weiß gern, woran er ist. Und der Mensch plant gern. Und je nach Selbstbewusstsein können wenige Minuten schon mal kleine Panikattacken auslösen. Und wenn das Kopfkino einmal angeknipst ist, lässt es sich nur schwer wieder anhalten: Warum kommt er nicht? Habe ich was falsch verstanden? Stehe ich an der richtigen Stelle? Ist was Schlimmes passiert? Doch nicht etwa ein Unfall! Bin ich ihm nicht wichtig? Will er mich überhaupt treffen? Usw. usw. Und dann die Erlösung: Er kommt. Entschuldigt sich. Zwei Reaktionsvarianten: „Das macht gar nichts“ – gespielte Coolness, tatsächliche Unehrlichkeit. Oder aber eine prinzipiengeleitete Moralstandpauke. Beides nicht so schön.
Um sich und anderen solche Szenen zu ersparen, sollte man stets eine kleine Zeitumrechnungstabelle mit sich führen. Dann weiß man z.B.: In Russland können „fünf Minuten“ bis zu einer Stunde dauern, in Deutschland umfassen „fünf Minuten“ bis zu 15 Minuten. Im Pflegeheim hat eine Patientin herausgefunden: Wenn Pfleger „gleich“ kommen, kommen sie innerhalb einer halben Stunde. Wenn sie „nachher“ kommen, kann man sie innerhalb von zwei Stunden erwarten, und wenn sie „später“ kommen, rechnet man am besten erst in einigen Stunden mit ihnen.

Ich warte auf eine Nachricht, die mir recht wichtig ist und „Anfang September“ bei mir eintreffen sollte. Da ich in diesem Fall einigermaßen nervös bin, will ich, um mein emotionales Gleichgewicht zu steuern, wissen, bis wann ich meine Ungeduld zügeln muss, ab wann ich anfangen darf, beleidigt zu sein, und wieviel Zeit verstreichen darf, bevor ich mir Sorgen mache oder mein Verständnis außer Kraft setze. Da ich es selbst mit den Worten und Taten immer ganz genau nehme, und darin wenig flexibel und ideenreich bin, habe ich Freunde um Übersetzungen und Interpretationen gebeten.

Meine Freunde haben eine subjektiv unterschiedliche aber jeweils klare Vorstellung davon, wann Anfang September endet, demnach irgendwann zwischen dem 09. und 15. September. Mein weiser Freund Dima sieht es differenzierter: „Es ist davon abhängig, von wem die Nachricht kommen soll. Wenn von der Polizei oder von Anwälten, dann kann “Anfang September” freilich bis zur zweiten Oktober-Dekade dauern. Wenn es ein Handwerker ist, dann wäre für mich tatsächlich der 10.09. eine Grenze, wo ich sagen würde: „DAS REICHT! Wo ist meine neue Dusch-Kabine?!“ Wenn es ein Mann ist, dann sollte man schon darauf achten, was bis dahin entschieden werden soll. Bei manchen Entscheidungen sind die Männer schlimmer als Anwälte. Wenn es ein Arzt ist, dann musst du wahrscheinlich bis Mitte September Geduld haben.“

Aha! Damit kommen wir der Sache schon mal näher, wissenschaftlich betrachtet. Und können schlussfolgern: Letzten Endes gibt es keine Formel. Zeitangaben bleiben relativ, sind Geschmackssache, sind von der eigenen Persönlichkeit und dem jeweiligen Kontext abhängig. Da bleibt nur eins: Das Bauchgefühl entscheiden lassen, wann eine Frist überschritten ist, Daten festlegen und Zeitverläufe individuell aushandeln. In meinem konkreten Fall sagt der Bauch: Frist weit überschritten, Kommando: Beschwerde losschicken!

Julia Siebert

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