Nahe beieinander liegen Illmenau, Regensburg und die russische Stadt Kasan nun nicht gerade. Zumindest nicht so nahe, dass man ohne weiteres ein gemeinsames Theaterstück einstudieren könnte. Wie gut Projektarbeit auch länderübergreifend funktionieren kann, hat nun ein Treffen junger Menschen aus Deutschland und Osteuropa in Zagreb/Kroatien gezeigt. Im Mittelpunkt der vom Theodor-Heuss-Kolleg geförderten Projekte stand die Suche nach der eigenen, aber auch nach der fremden Identität.

Mit Russland verbindet Tino Rasche nicht gerade wenig: Seine Eltern lernten sich in Moskau kennen, seine Freundin lebt dort, und während der Schulzeit paukte der 22-Jährige fleißig Russischvokabeln. Nun nähert sich Tino Rasche, der aus Jena stammt und in Ilmenau studiert, dem Land erneut  diesmal allerdings auf spielerische Weise. „Zwischen den Stühlen“ heißt ein 40-minütiges Theaterstück, das er gerade vorbereitet.

In 15 Szenen geht es um den Alltag einer russlanddeutschen Familie, die während des Zweiten Weltkriegs auseinander gerissen wird. Jeder erfährt eine eigene traurige Geschichte und träumt vom anderen  bis die Familie nach zahlreichen Wirren wieder zueinander findet. Das Besondere an dem Theaterstück: Es soll zunächst mit je fünf deutschen und fünf russischen Laienschauspielern in Regensburg aufgeführt werden, anschließend ist ein gemeinsamer Auftritt in Kasan geplant, gut 1000 Kilometer östlich von Moskau. Jede Szene ist binational: Ein russischer Schauspieler steht einem deutschen gegenüber. „Dadurch soll deutlich werden, dass sich Russland und Deutschland gemeinsam mit den Russlanddeutschen auseinander setzen“, so Tino Rasche. Geprobt wird in beiden Ländern, allerdings nicht gemeinsam. Erst kurz vor der Premiere im März werden sich die Laienschauspieler auf der Bühne gegenüberstehen.

Tino Rasche plant das Projekt jedoch nicht alleine: Die Autorin des Stücks ist eine junge Russin: Marta Galitzkaja ist gerade mal 19 Jahre alt und studiert in Kasan Deutsch und Englisch. „Meine Oma wurde während des Zweiten Weltkriegs aus der Ukraine nach Russland verschleppt und hat mir immer davon erzählt“, so die Studentin, die die Erfahrungen ihrer Großmutter nun in dem Theaterstück festgehalten hat.

Die dritte im Bunde ist die 25-jährige Natalie Mrazkova aus dem tschechischen Brno, die in Regensburg Slawistik studiert. „Durch mein Russischstudium habe ich einen Bezug zu Russland“, erklärt sie. Doch nicht nur die Sprache verbindet die junge Tschechin mit dem Land: Nebenbei jobbt Natalie Mrazkova beim Migrationsdienst in Regensburg, wo sie alltäglich mit Russlanddeutschen zu tun hat. „Dadurch habe ich mitbekommen, wie schlecht die Russlanddeutschen in die deutsche Gesellschaft integriert sind“, sagt Natalie Mrozova. „Das Stück ist vor allem für junge Menschen gedacht, die in ihrer Identität noch hin- und hergerissen sind“, fügt sie hinzu.

Die Theateraufführung ist Teil des Gesamtprojekts „Russisch? Deutsch? Russlanddeutsch!“, mit dem sich das Trio um Födermittel beim Theodor-Heuss-Kolleg der Robert Bosch Stiftung beworben hat. Mit Erfolg, denn nun konnten sich die drei gemeinsam mit zwölf weiteren Stipendiaten in der kroatischen Hauptstadt Zagreb zur Besprechung ihrer Projekte treffen. Die Idee dazu entstand während eines internationalen Sommerlagers in der Nähe von Dresden, auf dem sich die Teilnehmer kennen gelernt hatten.

Zu planen gibt es in der Tat noch einiges, denn neben dem Theaterstück haben die drei auch eine kleine Ausstellung sowie eine Dokumentation vorgesehen. Zudem soll der russlanddeutsche Chor des Deutschen Hauses in Kasan auftreten, um einem breiten Publikum traditionelle Volkslieder zu präsentieren.

„Die Idee mit dem russlanddeutschen Theaterstück hatten wir zunächst auch“, erklärt Stefanie Trambow. Die 23-Jährige studiert in Frankfurt/Oder Kulturwissenschaften und ist ebenfalls Stipendiatin des Theodor-Heuss-Kollegs. Not macht bekanntermaßen erfinderisch, und so disponierten Stefanie Trambow und ihre beiden Projekt-Partnerinnen aus der sibirischen Stadt Omsk, Eugenia Kabanowa und Aljona Merk, kurzerhand um: „Romeo und Julia auf Internationalisch“, heißt ihr geplantes Theaterstück nun. Das Projekt hat nun weniger mit Russlanddeutschen zu tun, es ist vielmehr interkulturell. In einer Schule in Berlin-Kreuzberg sollen sich türkische und deutsche Laienschauspieler gegenüberstehen, wobei jeder in seiner Muttersprache reden wird. Das gleiche Stück soll in Omsk aufgeführt werden, wo bereits schwedische und französische Gaststudenten ihr Mitwirken zugesichert haben, aber auch nationale Minderheiten wie Tataren oder Kasachen. „Mit dem Stück wollen wir verschiedene Kulturen zusammenführen, aber auch den Gaststudenten helfen, sich in Omsk zu integrieren“, erklärt Aljona Merk, die selbst Russlanddeutsche ist.

Der Clou: Einzelne Szenen sollen vorab per Video aufgenommen und während der Theateraufführung an die Wand projiziert werden. Wichtig ist dabei, dass jeder in seiner Muttersprache spricht  ohne Übersetzung. Daher wurde das Stück „Romeo und Julia“ gewählt. „Trotz der verschiedenen Sprachen wird es ein universales Verständnis geben“, erklärt Stefanie Trambow. Dabei werde der Text des Klassikers deutlich reduziert, viele Szenen müssten improvisiert werden. In Omsk rechne man mit etwa sechs bis zehn verschiedenen Sprachen, die sich auf der Bühne begegnen werden. Unterstützung bekommt das Theaterprojekt auch von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der Lutherischen Kirche und dem Jugendclub in Omsk.

Ein weiteres Projekt, dass nun in Zagreb vorgestellt wurde, ist mindestens ebenso tief in der Geschichte verwurzelt, wie die Russlanddeutschen: Marianna Aniskina aus Jekaterinburg und Jovana Ivanovic aus Nowi Sad/Serbien gehen gemeinsam der Frage nach, was eigentlich Russen und Serben miteinander verbindet. „So weit und so nahe“, so der Titel ihres Projekts, das in Form von Workshops an Universitäten in Russland und Nowi Sad/Serbien vorgesehen ist. „Es handelt sich um eine traditionell enge Verbindung, in politscher und geschichtlicher Hinsicht, die zur Zeit aufgrund der Ereignisse in den neunziger Jahren jedoch in der Krise steckt“, erklärt Jovana Ivanovic, deren Urgroßvater Russe ist. „Bis heute singen die Menschen auf dem Balkan traditionelle russische Lieder“, erklärt sie. Mit den Workshops wolle man feststellen, wie sich vor allem junge Menschen gegenseitig wahrnehmen und ob sie Interesse haben, diese slawische Verbindung noch weiter fortzuführen. Die Ergebnisse wolle man auf CD-ROM einer breiten Öffentlichkeit zugängig machen, so die beiden Studentinnen.
Sabine Krüger, Programmleiterin des Theodor-Heuss-Kollegs, zeigt sich zufrieden mit den Ergebnissen des fünftägigen Seminars in Zagreb: „Durch das Treffen und die gemeinsame Arbeit bekommen die Teilnehmer den Vergleich, wie es anderswo läuft“, erklärt sie. Der enge Austausch sei eine Bereicherung in sehr vielen Bereichen der Zivilgesellschaft und würde den Kollegiaten neue Impulse geben, schließt Sabine Krüger.

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Das Theodor-Heuss-Kolleg der Robert Bosch Stiftung
Demokratische Verantwortung und öffentliches Engagement bei Jugendlichen in Osteuropa fördert das Theodor-Heuss-Kolleg der Robert Bosch Stiftung. Alljährlich werden 100 Kollegiaten zwischen 18 und 25 Jahren zu internationalen Sommerseminaren eingeladen: Neben Kenntnissen über andere Länder und Gesellschaften wird vor allem auch interkulturelle Kompetenz vermittelt. Am Ende der Sommerseminare entstehen Projektideen. Die besten werden von einer Fachjury ausgewählt und durch ein Stipendium der Stiftung unterstützt. Die grenzübergreifende Projektarbeit soll den Teilnehmern helfen, sich nicht nur persönlich weiterzuentwickeln, sondern auch beruflich relevante Kenntnisse im Projektmanagement zu erwerben.

Weitere Informationen:
www.russlanddeutsche.de.vu
www.theodor-heuss-kolleg.de

27/10/05

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