Zwei Neuerscheinungen zu Kant zeigen den Königsberger Philosophen aus verschiedenen Perspektiven: in seiner umfangreichen Biografie erzählt Manfred Kühn das Leben eines weltzugewandten Kosmopoliten, und Otfried Höffe zeigt in seiner Studie, dass Kant alles andere als ein kühler Denker war

Die Philosophie scheint als akademische Disziplin in Deutschland zwischen zwei Extremen vermitteln zu müssen. Einerseits beansprucht die Philosophie, ja gerade Probleme zu behandeln, von denen egal sein muss, wer sie wann formuliert hat. Andererseits weiß man, dass die philosophischen Probleme nicht vom Himmel fallen, dass die Philosophie der Gegenwart nur in ihrer historischen Genese verständlich ist. Also betreibt man die Auslegung der Klassiker und die Erforschung ihrer Rezeptions-und Wirkungsgeschichte.

Bei keinem anderen Philosophen dürfte die historisch kritische Erforschung eine derart elaborierte, ja man ist fast versucht zu sagen: verbohrte Teildisziplin hervorgebracht haben, wie im Falle Kants. Man spricht hier schlicht von „Kantforschung“, als handle es sich dabei um eine eigene philosophische Disziplin wie die Metaphysik oder die Sprachphilosophie. Seltsame Blüten treibt diese Auslegung bis ins Letzte. Eine kürzlich veröffentlichte Aufarbeitung der Kantforschung seit 1945 umfasste nicht weniger als 800 Seiten. Wer will das noch lesen, angesichts der Tatsache, dass allein die Lektüre des Kantschen Werkes Jahre an Lebenszeit kostet?

Das Phänomen der sich bis zur Erbsenzählerei ausdifferenzierenden Kantforschung wird besonders dadurch paradox, dass Kant selbst zwar alles andere als unbelesen war, aber die von ihm verarbeitete Literatur doch primär als Inspirationsquelle benutzte. Sich ein adäquates Verständnis der Humeschen Erkenntnistheorie zu erarbeiten, gar wissen zu wollen, was Hume „wirklich“ meinte, wäre für Kant ein unsinniges Unterfangen gewesen. Es reichte, sich aus dem metaphysischen Schlummer erwecken zu lassen und dann – sapere aude! – selbst zu denken. Kant hätte die bloße Kantphilologie abgelehnt – mit kantianischen Argumenten.

Dass es neben manchen Auswüchsen wirklich lesenswerte Literatur zu Kant gibt, zeigen zwei Neuveröffentlichungen: die Kant-Biographie von Manfred Kühn und das Buch über Kants Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, des berühmten Tübinger Kant-Interpreten Otfried Höffe. Wer das große Interesse wahrnimmt, das Kant in diesen Tagen auch in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland genießt, muss feststellen, dass noch nicht alles verloren ist. Auch diesen beiden Bänden darf man eine breite Wirkung wünschen.

Enorme Wirkung

Zumindest Kühns umfangreicher Biographie dürfte dieses Interesse gewiss sein. Obwohl zeitgleich zwei weitere Kant-Biographien erschienen, dürfte sie bald zum neuen Referenzwerk werden. Seit der klassischen Kant Biographie Karl Vorländers aus den 20er Jahren, die wohl noch heute jeder Philosophiestudent aus dem Grundstudium kennt, hat es keine neuen Versuche gegeben, das Leben des Königsberger Philosophen darzustellen. Was nun Kühns Biographie so lesenswert macht, ist vor allem die breite Kontextualisierung, die Aufarbeitung der Lebens- und Wirkungszusammenhänge des Meisters. Im Gegensatz zu den klassischen Zerrbildern erleben wir Kant hier nämlich nicht als kalten und blassen Transzendental-Deduzierer, sondern als weltgewandten und politisch Interessierten Kosmopoliten. Die enorme Wirkung Kants wird durch diese ereignisgeschichtlichen Verbindungen wunderbar plastisch. Kein Zweifel, wir verstehen Kant besser, wenn wir uns von der Kantforschung über die Debattenlagen seiner Zeit informieren lassen. Auch inhaltlich bietet Kühn einen fundierten Einstieg in Kants Werk.

Doch erst in Otfried Höffes Werk über Kants erstes Hauptwerk, die berühmt-berüchtigte Kritik der reinen Vernunft, nähern wir uns der Gretchenfrage: Hat Kant Recht? Können wir heute Kantianer sein? Höffe ist in dieser Frage eindeutig. Seiner Ansicht nach ist Kant nicht nur historisch wichtig, politisch und rechtsgeschichtlich wirksam, sondern auch heute noch eine inhaltliche Quelle richtiger Argumente. Nicht alles bei Kant würden wir heute unterschreiben, aber an seinen zentralen Einsichten führt kein Weg vorbei, so Höffe.

Gerade umgekehrt schien man dies seit dem Ende des Neukantianismus in den 20er Jahren zu sehen: Nicht alles bei Kant sei falsch, aber seine wichtigsten Theoriebausteine seien unhaltbar. Die Einwände gegen Kant waren zahlreich, jede neue Generation schien weitere hinzuzugeben, und man konnte sich dabei aus einem Arsenal bedienen, dass bereits durch die Kantkritik zu Kants Lebenszeit bestückt wurde. Kant habe das Erkenntnissubjekt als zeitkonstitutiv, aber nicht selbst der Zeitlichkeit unterworfen konzipiert, lautete einer dieser Einwände. Das Dasein sei jedoch endlich und als solches durch seine Endlichkeit wesentlich bestimmt. Auch Kants Deduktion universeller Kategorien sei unhaltbar. Nach der Wende zur Sprachphilosophie sei unbezweifelbar, dass die sprachlichen Vorverständnisse unsere Kategorien vorgeben. Da es keine universelle Sprache gebe, könne es auch keine universellen Kategorien geben. In der praktischen Philosophie habe uns Kant eine vormoderne Konzeption des Menschen geliefert, das diesen als Wesen beschreibe, das gleichzeitig in zwei Welten zu Hause sei: In der Welt der Erscheinungen und in der Welt der Prinzipien.

Wellness für die Erkenntnis?

Der berühmte kategorische Imperativ, so ein klassischer Einwand, liefere nichts weiter als einen platten Formalismus, eine Tautologie, mit der sich jede beliebige Sittlichkeit begründen lasse. Und in der Ästhetik habe Kants Lehre vom freien Spiel der Erkenntniskräfte die Kunst zu einer Wohlfühl-Berieselung herabgewürdigt, die gar keine Inhalte transportiere, sondern lediglich eine Art wellness-Programm für die Erkenntniskräfte bereithalte. Die Kunst transportiere Inhalte und sei kein bloßes Spiel der Erkenntniskräfte.

Man braucht nicht all diese Einwände zu teilen, um die Brisanz der Frage zu sehen: Ist Kant, der „Vater der Moderne“, selbst noch modern? Herbert Schnädelbach hatte diese Frage vor einigen Jahren mit dem Verweis auf Kants Stil beantwortet: Auch wenn wir heute nicht mehr Kantianer durch und durch sein können, so bleiben wir doch seiner Art zu philosophieren verpflichtet: klar argumentierend, strukturiert und deutlich, stets um Zustimmung bemüht und dem Ideal der Aufklärung und Emanzipation folgend.

Otfried Höffe nimmt diese Herausforderung einer Kant-Verteidigung auf inhaltlicher Ebene an, und just dieser apologetische Charakter macht seinen Kommentar zur Kritik der reinen Vernunft so wertvoll: Er scheut die Konfrontation mit den Einwänden nicht, sondern sucht sie. Seine These lautet: Kant ist modern, weil wir bei ihm Argumente für einen „epistemischen Kosmopolitismus“ finden – Kant als Philosoph einer gelingenden Globalisierung. Doch was ist mit diesem Begriff gemeint?

Höffe sieht im kulturalistischen Relativismus eine Signatur der Zeit: Die Theorien der Postmoderne hätten uns in eine Situation gebracht, in der wir die Universalität der Menschenrechte zwar einfordern, aber nicht begründen können. Der epistemische Universalismus, der uns von Kant vorgeschlagen wird, verteidigt hingegen mit Emphase die Intuition, dass wir, trotz aller kulturabhängigen Vorverständnisse und Perspektivität, in einer Welt leben und eine Welt erkennen. Dies klingt eigentlich trivial.

Doch wer Erfahrungen im interkulturellen Austausch gemacht hat, wird bestätigen, dass sich bisweilen der Eindruck aufdrängt, dass man zwar in einer Welt, aber eben doch in verschiedenen Wirklichkeiten lebt. Wer Chinesisch denkt, der scheint unübersetzbar anders zu denken. Höffe hingegen argumentiert mit Kant für die Unhintergehbarkeit gewisser Vorraussetzungen. So könne man beispielsweise auf das Prinzip der Kausalität in allen Formen der wissenschaftlichen Welterklärung nicht verzichten – egal in welcher Kultur diese nun stattfinde.

Die Debatte ist eröffnet

Und da wir analog zur gemeinsamen Erkenntnis der gemeinsamen Welt auch zum juristischen Weltbürgertum fähig und berufen sind, ergibt sich die Weltrepublik vernünftiger Subjekte quasi parallel zum Programm der vernunftförmigen Welterkenntnis. Gemeinsam erkennen wir nicht nur die Welt sondern auch die moralischen Grundsätze, die uns immer schon binden. Mehr noch: Selbst die potentielle Integration müglicher vernunftbegabter Wesen von anderen Planeten hat Kant bereits bedacht. Der universelle Vernunftbegriff ist noch nicht einmal an die Spezies gebunden; auch künftige vernünftige Erdenbesucher sollen als Weltbürger Aufnahme in die Weltrepublik finden. Ob und wie jedoch diese Analogie zwischen dem Universalismus in der theoretischen und demjenigen in der praktischen Philosophie greift, wird schwer zu klären sein. Offenbar erwarten uns hier in den nächsten Jahrzehnten weitere Debatten. Dass Kant für die Frage nach einer gelingenden Globalisierung ein entscheidender Bezugspunkt bleibt, zeigt Höffes Kommentar auf eindringliche Weise. Doch damit ist die Debatte erst eröffnet, nicht abgeschlossen. (Felix Heidenreich)

Manfred Kühn: Kant. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. München 2003. C.H. Beck. 639 S.

Otfried Höffe: Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie. München 2003. C.H. Beck. 378 S.

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