In Almaty diskutierten Experten aus Deutschland und Kasachstan über die Auswirkungen und Einflüsse der Terroranschläge des 11. September 2001 auf die Weltpolitik. Befinden wir uns nun nach „9/11“ in einer neuen Weltordnung und wie muss dieses Ereignis heute bewertet werden? Fragen, zu denen Experten aus Wissenschaft und Politik eine Antwort haben.

/Teilnehmer des Runden Tisches mit Prof. Dr. Steinbach vor der KasNU./

In einem gemeinschaftlichen Projekt mit der Friedrich-Ebert-Stiftung Zentralasien (FES) veranstaltete die Kasachische Nationale Universität „Al-Farabi“ am 10. September einen Runden Tisch zum Thema „Aktuelle Ereignisse der Weltpolitik“. Zwischen der FES und der Al-Farabi-Universität besteht bereits seit längerem eine erfolgreiche Zusammenarbeit: mit Unterstützung von Stiftungsgeldern konnte so das „Zentrum für Deutschland-Studien“ aufgebaut werden.

Anlässlich des 10. Jahrestages der Terroranschläge am 11. September 2001 lohnt es sich, eine Bilanz oder sogar eine Neubewertung der Ereignisse vorzunehmen. Insbesondere die sozialdemokratisch geprägte Friedrich-Ebert-Stiftung sieht sich mit der Frage konfrontiert: Inwieweit hatte der 11. September die Weltpolitik beeinflusst, und wie sieht der Beitrag der Stiftung aus, um in Zukunft islamistischem Extremismus entgegenzuwirken.

Dazu lud die Fakultät für Internationale Beziehungen unter Leitung von Dekan Prof. K. N. Scharikow die Islamwissenschaftlerin und Referentin für Zentralasien und Kaukasus von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, Regine Schubert, und den Nahost-Experten von der Universität Marburg und Basel, Prof. Dr. Udo Steinbach, nach Almaty ein.

„Wir müssen die Prozesse in der islamischen Welt besser verstehen!“

Regine Schubert stellte in ihrem Beitrag zunächst die nationale und internationale Arbeit der Stiftung vor. Die Friedrich-Ebert-Stiftung, die der Demokratieförderung, sozialer Gerechtigkeit und dem Schutz der Menschenrechte verpflichtet ist, musste sich nach dem 11. September auch einem Wandel im Denken unterziehen. Fragestellungen, wie es zu extremistischen Anschlägen dieser Art kommen konnte und wie vorhersehbar diese sind, waren in den letzten zehn Jahren ein Forschungsschwerpunkt der FES.

Es sei notwendig, so Schubert, die Prozesse in der islamischen Welt besser zu verstehen. Die Rolle des Islams in verschiedenen Ländern musste nach 2001 erst neu analysiert und bewertet werden. Neue Islamstudien entstanden, und die Arbeit der Stiftung weitete sich auf Zentralasien aus. Bereits 2002 wurde ein Länderbüro in Kabul, Afghanistan, eingerichtet.
Im laufenden Jahr 2011 veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung bereits mehrere internationale Konferenzen zu Themen wie „Sicherheit und Stabilität in Zentralasien“ oder „Afghanistan – Gegenwart und Zukunft“. Damit fördert sie den Dialog in Zentralasien nicht nur auf der politischen, sondern auch auf der interkulturellen Ebene.

In der Arbeit des Referats Mittel- und Osteuropa, in dem Regine Schubert als Referentin für den südlichen Kaukasus und Zentralasien arbeitet, sei der Blick auf die gesamte zentralasiatische Region und nicht auf einzelne Länder wie Afghanistan oder Pakistan von Bedeutung.

Der Nahostexperte und ehemalige Leiter des Orient-Instituts, Prof. Dr. Udo Steinbach, nahm seinerseits eine Neubewertung des 11. September vor und richtete den Blick auf die Zukunft. In sechs Thesen stellte Steinbach dem Auditorium seine Sichtweise der Bedeutung des 11. September als folgenschwerstes Ereignis in der jüngsten Geschichte dar.

Steinbach betonte, dass der Krieg in Afghanistan sowie seine Folgen auf lange Zeit hin nicht absehbar sind. Die Bewertung der Terroranschläge müsse zehn Jahre danach neu diskutiert werden: Sind wir wirklich in eine neue Ordnung eingetreten? Oder war der 11. September ein Signal zum Übergang in eine Ordnung, die wir noch nicht kennen?

Durch Partnerschaftlichkeit Konflikte lösen

In seinen Ausführungen beleuchtete Steinbach kritisch die Rolle des Westens und insbesondere Amerikas: in seiner zu starren Fixierung auf den Kampf gegen den Terrorismus und der rein militärischen Reaktion des Westens auf den 11. September wäre der Blick auf Alternativlösungen verstellt gewesen. Ungeheure Militärausgaben hätten für zivile Projekte genutzt werden können. Man vergab sich die Alternative, so Steinbach, die Menschen in der islamischen Welt als Partner gegen den Terrorismus zu gewinnen. Hier liege ein großes Potential: durch Partnerschaftlichkeit Konflikte lösen.

Die westliche Politik, betont er, sei zudem eine „Politik der doppelten Standards“: die Bedrohung durch das iranische Nuklearprogramm trug maßgeblich zu diesem Vorwurf bei, aber auch der Aufbau eines neuen Feindbilds der unberechenbaren Atommacht Iran.
Es müsse allerdings auch erkannt werden, so Regine Schubert, dass der Westen nach 2001 von der islamischen Welt stets als ein Block – das Militärbündnis NATO – wahrgenommen wurde. Die einheitliche militärische Reaktion des Westens im Kampf gegen den Terrorismus ließ einen tiefen Graben zwischen Islamischer Welt und Europa sowie den USA entstehen. Hier hätte Dialog stattfinden können. Gerade Islam und Demokratie seien durchaus miteinander vereinbar, so Regine Schubert. Die Friedrich-Ebert-Stiftung sucht als Institution, die sich weltweit aktiv für Dialog und Demokratieförderung einsetzt, auch das Gespräch mit gemäßigten islamischen Organisationen, die demokratische Grundwerte vertreten.

„11. September war nur ein vorübergehendes Phänomen“

In seinem Vortrag überraschte Prof. Dr. Steinbach durch seine Bewertung der westlichen Politik: Im Kampf gegen den Terrorismus habe diese auf einem Fantasiegebäude basiert. Jetzt habe der Westen mit einem Glaubwürdigkeitsdefizit zu kämpfen, denn die „doppelten Standards“ in der Außen- und Sicherheitspolitik gelten weiterhin.

In seiner abschließenden These kam Steinbach zum Schluss, dass die Terroranschläge des 11. September nur ein vorübergehendes, transitorisches Phänomen seien. Welche Position Europa diesbezüglich einnimmt, sei nun die entscheidende Frage.

Afghanistan ist weit weg, die arabischen Länder wie Libyen jedoch befinden sich fast vor der Haustür Europas.

Der Projektkoordinator der FES in Zentralasien, Wulf Lapins, brachte mit seiner Äußerung eine andere Sichtweise in die Diskussion mit ein. Ihm komme es auf die internationale Wahrnehmung und Glaubwürdigkeit Deutschlands an. In Bezug auf die Krise in Libyen hätte es Fehler in der deutschen Außenpolitik gegeben, wo man hätte Verantwortung übernehmen müssen.

Die Welt friedlich neu gestalten

Der Ausbruch der arabischen Revolte im Dezember 2010 fordere ganz Europa heraus, Stellung zu beziehen, meint Steinbach. Wird Europa die Revolten unterstützen und tolerieren? Wieso erheben sich die Menschen in der arabischen Welt zum Aufstand?

Geht es nicht einzig und allein um die zwei Werte „Freiheit“ und „Würde des Menschen“?
Mit der Feststellung, dass die Antwort auf diese Fragen entscheidend für die Zukunft Europas sein würde, verbindet Professor Steinbach einen eindringlichen Appell: Er ruft zum Dialog zwischen Europa und den Gesellschaften Zentralasiens auf. Viel wichtiger sei es nun, gemeinsam die Welt friedlich neu zu gestalten.

Der „Runde Tisch“ war nicht nur eine beeindruckende Diskussionsrunde mit deutschen und kasachischen Experten zu Ereignissen der Welt- und Sicherheitspolitik, sondern auch ein Auftakt zur Zusammenarbeit zwischen Ost und West, zwischen den Menschen in Europa und Zentralasien.

Von Malina Weindl

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