Jana Tichomirowa ist Projektkoordinatorin für Kasachstan und Aserbaidschan beim Senior-Experten-Service mit Sitz in Bonn. Für die DAZ berichtet sie über die Tätigkeit des Senior-Experten-Service (SES) in Kasachstan und Zentralasien.

/ Jana Tichomirowa ist Projektkoordinatorin für Kasachstan und Aserbaidschan beim Senior-Experten-Service mit Sitz in Bonn. /

Welches Ziel verfolgt der SES allgemein, und welche Aufgabe hat der SES konkret in Kasachstan und Zentralasien?

Der Senior-Experten-Service (SES) ist die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. Er entsendet deutsche Fachleute, die das aktive Berufsleben beendet haben, ins Ausland. Das Ziel ist, kleine und mittlere Unternehmen, öffentliche Institutionen und Verwaltungen sowie Einrichtungen der Schul- und Berufsbildung zu unterstützen nach dem Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.

Die „Senior-Experten“ des SES unterstützten mit ihrem lebenslang angesammelten Fachwissen ehrenamtlich die wirtschaftliche Entwicklung in bisher 160 Einsatzländern, unter anderem in Zentralasien. Kasachstan ist hier eines der Schwerpunktländer, in dem wir seit 1994 tätig sind. Seither fanden dort fast 400 ehrenamtliche Einsätze statt.

Dieser Erfolg hängt sicher mit Neugierde und der Bereitschaft der Menschen zusammen, die internationale Erfahrung und die Leistungen der Senior-Experten zu nutzen. Vor allem aber mit dem Aufschwung der kasachischen Wirtschaft in den letzten Jahren. Einsätze sind übrigens unsere beste Werbung: Vor allem durch Mundpropaganda erfahren neue Auftraggeber von den ehrenamtlichen Senior-Experten aus Deutschland.

Welche Projekte genau organisiert der SES in Kasachstan? In welcher Branche sind die Senior-Experten tätig?

Beim SES sind fast 10.000 deutsche Senior-Expertinnen und -Experten aus 50 Branchen registriert. Sie unterstützen in Kasachstan vor allem kleine und mittlere Betriebe, medizinische und soziale Einrichtungen und die Aus- und Weiterbildung. Viele Anfragen kommen von Unternehmen aus der Gastronomie, der Tourismusbranche und aus den Bereichen Handel, Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung. Größtenteils konzentrieren sich die Projekte des SES in Kasachstan auf den Dienstleistungssektor und die Lebensmittelindustrie. Auch Bildungseinrichtungen werden sehr stark nachgefragt.

Zurzeit sind in Kasachstan zwölf Senior-Experten tätig. Zum Beispiel in Gastronomiebereich, wo sie das Küchenpersonal qualifizieren und neue europäische Gerichte einführen. Aber auch in zwei medizinischen Projekten in den Bereichen Kinder-Reanimatologie und Schwesternausbildung auf einer Intensivstation helfen unsere Fachleute. Aktuelle Projekte finden zudem in der salzverarbeitenden Industrie in Pawlodar, im Hotelmanagement in Almaty und an den Universitäten Pawlodar, Almaty und Uralsk statt. Senior-Experten werden aber auch in humanitären Projekten eingesetzt, wie zum Beispiel bei der Arbeit mit behinderten Kindern.

Seit wann entsendet der SES ehrenamtliche Senior-Experten ins Ausland? Wie viele Einsätze gab es bis jetzt?

Der Senior-Experten-Service wurde 1983 gegründet. Im ersten Jahr fanden 22 Einsätze statt, im Jahr 2010 waren es schon 2.140, 54 davon übrigens in Kasachstan. In diesem Jahr rechnen wir in Kasachstan mit ca. 85 Einsätzen. Das zeigt, wie sehr die Arbeit der Senior-Experten geschätzt wird.

Wie lange dauert im Durchschnitt ein Einsatz?

Ein SES-Einsatz dauert in der Regel zwischen drei und acht Wochen, die Höchstdauer eines Einsatzes beträgt sechs Monate. In den GUS-Ländern sind längere Einsätze von ein paar Monaten Dauer aber eher die Ausnahme. Ein paar Wochen sind oft schon ausreichend, um erste Empfehlungen zu geben, etwas anzustoßen. Die Fachkräfte werden Schritt für Schritt eingearbeitet und angeleitet. Außerdem sprechen unsere ehrenamtlichen Experten schon vor Ort Folgeeinsätze ab. Dadurch gewinnen unsere Einsätze an Nachhaltigkeit.

Wie muss man sich die Förderung der Fach- und Führungskräfte durch die Senior-Experten vorstellen?

Das ist ganz unterschiedlich: Die Senior-Experten bilden vom Arbeiter in der Produktion bis zur Managerebene Fachkräfte weiter. Schon vor ihrer Ausreise bereiten sie sich gezielt auf ihre Aufgabe vor, nehmen beispielsweise vorab Kontakt zu den Auftraggebern im Land auf oder aktualisieren ihr Wissen – häufig mithilfe ihrer ehemaligen Arbeitgeber.

Im Rahmen von Aus- und Weiterbildungsprogrammen werden Workshops und Seminare abgehalten, um das Wissen zu vermitteln. Schließlich geht es um die Qualifizierung des Personals, und unsere Senior-Experten können auf allen Qualifizierungsebenen Berufserfahrung nachweisen.

Sprachprobleme gibt es übrigens keine. Alle Spezialisten sprechen natürlich Deutsch, einige auch Englisch. Mit dem Auftraggeber vor Ort wird abgestimmt, welche Arbeitssprache genutzt wird – ob Deutsch oder Englisch. Wo dies nicht ausreichend ist, werden ihnen Dolmetscher zur Seite gestellt.

Finanziert der SES seine Senior-Experten, sind die Senioren selbst auf finanzielle Hilfe angewiesen?

Die Senior-Experten sind ehrenamtlich tätig und finanziell unabhängig. Der SES organisiert die Ausreise, z.B. regelt Visaangelegenheiten, die Flugbuchung und schließt alle nötigen Versicherungen ab. Vor Ort entsteht eine Win-win-Situation: Der Senior-Experte erlebt, dass sein Wissen gebraucht und angenommen wird, der Auftraggeber kann sein Unternehmen oder seine Organisation stärken.

Sie sind die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. Können Sie präzisieren, wer Sie mit Hilfsgeldern unterstützt?

In Entwicklungs- und Schwellenländern unterstützt das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) unsere Arbeit. Die Auftraggeber zahlen hier Teile des Einsatzes, so etwa den Aufenthalt des Senior-Experten vor Ort.

Projekte im sozial-humanitären Bereich werden oft zusätzlich vom SES-Förderverein unterstützt. Viele humanitäre Organisationen haben ja keinen großen oder nur einen eingeschränkten finanziellen Spielraum.

Können Sie kurz das Leitmotiv des SES erklären?

Unser Leitmotiv ist „Zukunft braucht Erfahrung“. Wir wollen unterstreichen, dass Fachleute im Ruhestand überall auf der Welt gebraucht werden, um ihr langjähriges Wissen und ihre Erfahrungen aus dem Berufsleben an die jüngere Generation weiterzugeben. Sie treten dafür ein, dass die Fachkräfte in den Einsatzländern ihr Fachgebiet eigenverantwortlich übernehmen können. Senior-Experten ersetzen nie die Arbeitskraft vor Ort. Als zweites Motto kann ich anführen: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Sie befähigt die Auftraggeber, das Wissen der Senior-Experten eigenständig anzuwenden.

Wo liegen die Herausforderungen…?

Natürlich gibt es viele Herausforderungen. Bei jedem Einsatz im Ausland müssen sich unsere Senior-Experten ganz neuen Gegebenheiten anpassen. Sie stoßen aber gerade bei der jungen Generation auf großes Interesse an ihrem Wissen und an Neuen Technologien. Vor allem die jungen Menschen nehmen diese Möglichkeit der Aus- und Weiterbildung durch Senior-Experten sehr gut an. Wie unsere Projekte wahrgenommen werden, hängt aber auch stark von den Repräsentanten vor Ort ab. Momentan haben wir neun Repräsentanten in ganz Kasachstan, unter anderem zwei in Almaty. Sie sind Ansprechpartner für potenzielle Auftraggeber und Senior-Experten im Einsatz.

Was wünschen Sie den Senior-Experten in Kasachstan, was möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Wichtig sind Offenheit und Flexibilität. Gehen Sie unvoreingenommen auf die Leute zu. Belehren Sie nicht, sondern schauen Sie, was die Menschen hier zu bieten haben. Und: Bleiben Sie neugierig!

Frau Tichomirowa, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Malina Weindl.

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