Ifa-Redakteurin Julia Boxler war Gast beim Oktoberfest in Taras am 25. Oktober. Es war zugleich ihre ganz persönliche Oktoberfest-Premiere. Bilanz eines unverkennbar herzlichen Ereignisses.

Stierkämpfe in Spanien, Karneval in Brasilien und Oktoberfest in Deutschland. Erstaunlich, dass geographisch eng gefasste, regionale Ereignisse bzw. Besonderheiten als Selbstläufer ganze Nationen in symbolhafte Stereotype tauchen. Während Franzosen zum Beispiel ihr Brauchtum in Käse, Backwaren, Kunsthandwerk und Kochwettbewerben repräsentiert sehen dürfen, ist das Los der deutschen „art de vivre“*-Repräsentanz seltsamerweise Bier, Brezel und Busen. Das Dreiergespann ist selbstredend in Form vom Oktoberfest in Deutschland beheimatet, stellt jedoch nur ein sehr begrenztes Abbild seiner – auf die föderale Staatlichkeit basierenden – vielfältigen Kultur– und Traditionslandschaft dar. Warum sich ausgerechnet dieses Fest behauptet, steht in den Sternen, was fest steht, ist, dass es überall auf der Welt, selbst in den einzelnen Landkreisen Kasachstans auf großen Zuspruch stößt und verschiedenste Phänotypen entwickelt.

Michail Bogdanow: „Wenn Bier in Deutschalnd als zweites Brot geführt wird, so ist das in Kasachstan vielleicht an sechster oder siebter Stelle.“ | Bild: Chingiz Batyrbekow

Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass es zum ersten Mal organisiert wurde, beeindruckte das Oktoberfest in Taras durchaus mit seinen Ausmaßen und seiner Programmdichte. Das Publikum war sehr bunt gemischt, nicht nur in Altersgruppen, zahlreiche Vertreter aus verschiedenen ethnischen Gesellschaften, viele Unternehmer, als auch neugierige Bürger waren anwesend. Offensichtilich eine gute Mischung, denn die Stimmung war vom Anfang bis Ende ausgelassen, freundschaftlich und sehr gesellig.

Nach einer feierlichen Eröffnung, in der in charmanter Art und Weise die letzten Zweifel darüber ausgeräumt wurden, dass es sich beim Oktoberfest um ein trinkfreudiges, festliches Miteinander handelt und andere Charakteristika des gängigen Bierfests erläutert wurden, dankte man insbesondere den Sponsoren und Veranstaltern, die die Feier möglich gemacht haben – der Bierbrauerei „Forfas“, dem Reisebüro „Solotoi Karawan“, der Deutschen Gesellschaft „Wiedergebrut“ in Schambul und weiteren Partnern. Im Folgenden „stach“ dann auch der symbolische Bürgermeister (ein Komödiant), das nicht weniger symbolische Fass (eine Flasche mit dem für die Veranstaltung gebrauten Bier) „an“. So durften dann gleich Veranstalter und Ehrengäste mit dem ersten Bier anstoßen.

Albina Weimer: „Oktoberfest nicht nur als eine historische Tradition, sondern als eine reelle Chance für die Stadt und Region.“ | Bild: Chingiz Batyrbekow

Nach der offiziellen Festeröffnung floss es dann auch überall – das Bier. Dass Bier als flüssige Reinkarnation Deutschlands gefeiert wird, ist übrigens interessant, haben es doch bereits die alten Ägypter ganz ähnlich gemacht und Brot mit Wasser vergären lassen. Als Hauptgrund der Existenz des Festes ging es dann auch in vielerlei kreativen Wettbewerben genau darum – um das Biertrinken.

Das Bier in Taras wurde, ganz nach bayerischem Leitbild, eigens für das Fest gebraut und trug den bezeichnenden Markennamen „Kanzler“. Der „Bierbaron“ aus Taras und Hauptsponsor Michail Bogdanow erklärte auch warum gut gebrautes Bier eine gesunde Lebensart nur unterstützen kann, und zwar weil man zu einer hingebungsvollen und guten Bierherstellung keine Konservierungsstoffe und die klassische deutsche Brautechnologie benutzt. Damit sei ein hochqualitatives ökologisches Naturprodukt garantiert. Im Vergleich zu dem Münchner Oktoberfest ist der Bierverbrauch noch bescheiden, aber der leidenschaftliche Biertrinker Michail Bogdanow will das mit seinem Braukonzept in Zukunft ändern: „Die Menschen hier sind noch nicht so eng bekannt mit dem Produkt Bier. Wenn Bier in Deutschland als zweites Brot geführt wird, so ist das in Kasachstan vielleicht an sechster oder siebter Stelle. Es wird noch dauern bis die Trinkkultur auch hier Einzug hält.“ Bogdanow, der selbst kein Deutscher ist, stellte insbesondere heraus, wie wichtig ihm die Zusammenarbeit mit den Deutschen aus der Region ist, die mit ihrer Kultur zu seiner Idee beitragen können: „Wir sind sehr froh, dass sie hier leben und es sie noch gibt; leider sind es nur noch sehr wenige, die wir froh sind, unterstützen zu können.“

Zu meiner ganz persönlichen Überraschung blieb die Dreieinigkeit der voranberwähnten Bs aus – Bier gab es natürlich, doch Brezeln hingen einzig als Dekoration in Form von Papiergirlanden, und alle Dirndl fielen äußerst züchtig aus. Das waren nicht die einzigen Unterschiede, die auffielen, wenn man versuchte, Parallelen zu den bekannten stereotypischen Oktoberfestbildern aus München zu ziehen. Das Festprogramm enthielt zum Beispiel einige Punkte, die man so bei vielerlei russisch angehauchten Festlichkeiten erlebt, wie einer expressiven komödiantischen Moderation und einer Vielzahl von Wettbewerben. Auch fand die Feier ausschließlich im Innenraum des Restaurants „Olymp“ statt.

Ein offenes Fest, nicht nur für Deutsche, sondern auch für alle Völker und Ethnien

Die russischen Einschläge kamen sehr deutlich bei den zahlreichen Spielelementen durch. Ein gutes Beispiel war der Kusswettbewerb, bei dem junge Männer aus dem Publikum zu immer schneller werdender Jodelmusik so viele Kussmünder wie möglich auf ihrem Gesicht ansammeln mussten. | Bild: Chingiz Batyrbekow

Der festlich geschmückte Saal war voll besetzt und David Niesen, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft „Wiedergebrut“ in Taras, freute sich: „Wir haben ca. 150 Gäste erwartet, nach meiner letzten Begrüßungsrunde haben wir überschlagen und kamen auf weit über 200!“. Niesen war sichtlich zufrieden mit der Situation und stellte vor allem den interkulturellen Charakter der Veranstaltung heraus, als ein offenes Fest nicht nur für Deutsche, sondern auch für alle Völker und Ethnien, die als Freunde und Gäste dem Fest beiwohnten. Nach der diesjährigen Generalprobe freue man sich im nächsten Jahr auf eine noch offenere Festgestaltung und möchte das Fest nach draußen verlagern und es für viel mehr Leute zugänglicher gestalten. Besonders am Herzen liegen ihm die ländlichen Regionen, die man nächstes Jahr mit Unterstützung des Akimats zu der größer angedachten Veranstaltung einladen möchte.

Initiiert wurde das Fest von der Deutschen Gesellschaft Schambul in Taras, die die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Eventagentur „RIO“ im Vorfeld ausgearbeitet hatte. Taras, eine der ältesten Städte Kasachstans ist reich an Traditionen, auch die deutschen gehören seit dem letzten Jahrhundert dazu. Darauf ist besonders Albina Weimer stolz. Die Kasachstandeutsche, die sich seinerzeit gegen eine Ausreise nach Deutschland entschieden hat, leitet nun das Reisebüro „Solotoi Karawan“ (dt. „goldene Karawane“) und sponsert das Fest mit. „Ich bin glücklich eine Deutsche zu sein und wünsche mir, dass in meiner Heimat Kasachstan und insbesondere im vielfältigen Dschambuler Landkreis alle Konventionen und Ethnien florieren können.

Auf dass wir in Freundschaft, Frieden und gemeinsamer Historie leben!“ Als Tourismusfachfrau sieht sie das Oktoberfest nicht nur als eine historische Tradition, sondern als eine reelle Chance für die Stadt und Region, Besucher und Touristen anzulocken, wie es München demonstriert.

Dass das Fest so gelungen und besonders energisch vonstatten ging, ist nicht zuletzt dem jungen Organisationskomitee zu verdanken; Man hat das gesamte Programm sehr jugendlich ausgerichtet in Zusammenarbeit mit der lokalen Jugendgruppe „Juwel“. Selbstverständlich ist die Jugend Träger kultureller Traditionen. Was besonders erfreute, war die Freiheit der Interpretationen, die man ihr anvertraut hat.

Die Jugend verbindet mit Deutschland an erster Stelle auch nicht unbedingt das Oktoberfest. Darja Barsukowa und Darja Kopylowa, aktive Mitglieder der Jugendgruppe „Juwel“, beide Teilnehmerinnen des Schönheitswettbewerbs, antworten auf die diesbezügliche Frage fast einstimmig: „Fussball!“ und erzählen von dem gefühlten Stolz bei Siegesmomenten in der letzten Weltmeisterschaft. Darja Barsukowa, die Vorsitzende der Jugendgruppe, freut sich trotzdem bereits aufs nächste Oktoberfest, was sie sich ein wenig gediegener und noch mehr in Richtung Volksfest wünscht.

Irina Gilinskaja: „Dieses Fest ist eine gute Möglichkeit dafür, deutsche Bräuche kennenzulernen.“ | Bild bereitgestellt von Irina Gilinskaja

Die Leiterin der Sprachprojekte der Deutschen Gesellschaft Schambul, Irina Gilinskaja, hat das Organisationskomitee des Oktoberfestes inhaltlich und sprachlich unterstützt und war begeistert von dem Ergebnis: „Dieses Fest ist eine gute Möglichkeit dafür, deutsche Bräuche kennenzulernen.“ Sie erklärte, man habe in der Vorbereitung viel zur Thematik recherchiert, aber auch eigene Impulse eingefügt, wie zum Beispiel eine Versteigerung oder die Wahl der Oktoberfestkönigin. Den letzteren sieht sie nun auch als Höhepunkt, obwohl sie zunächst dagegen war, da dieser nicht traditionell zum Fest vorgesehen ist – „Aber warum nicht?“. Oder,um es mit den Worten der Moderatorinnen zu sagen: „Wer mag keine Schönheit? Schönheit rettet die Welt!“
So konkurrierten acht Teilnehmerinnen um den Titel der schönsten Weltretterin oder zumindest um den der Oktoberfestkönigin. Inwiefern und ob sie damit die deutschen Bräuche vor dem Vergessen retten, ist schwer zu beurteilen, aber immerhin gestaltete sich dadurch ein nicht unattraktiver Zugang zu manch einer altehrwürdigen Gepflogenheit. So durften im Wettstreit um die Krone die jungen Frauen nicht nur ihre Schönheit anpreisen, sondern sich persönlich vorstellen und damit auch ihren Bezug zur deutschen Diaspora (denn nicht alle gehörten dieser an), ihre Koch– und Backfertigkeiten in deutscher Küche, wie auch Gesangs– und Tanztalente.

Musikeinlagen gab es zwischendurch auch durch DJ, Gäste, Moderatorinnen und Programmpunkte. Als sogenannten „Wiesn-Hit“ könnte man Anna Germans (polnische Sängerin russlanddeutscher Abstammung) „Nadezhada, Moj kompass zemnoj“ (dt. „Hoffnung, mein irdischer Kompass…“) ausmachen, diese Ballade von Heimweh, Trennung und Hoffnung sang der halbe Saal mit und versetzte alle in leicht melancholische Stimmung, woraufhin Feuerzeuglichter im Takt mit dem Lied den gedimmten Saal erhellten.

Mein ganz persönlicher Wiesn-Hit war jedoch der Song „Eins, zwei, Polizei“ von dem italienischen Musikprojekt „Mo-Do“. Dieser lief bei der Talentshow, als Larissa Jewtuschenko, eine der Anwärterinnen auf die Oktoberfestkrone eine fulminante Tanzeinlage à la 1994 zum Besten gab.

Musikalisch locker leitete die Rockband „X-Plose“, die ebenfalls aus der Taraser Jugendgruppe „Juwel“ hervorgeht, später zur Königinnenkür über.

Gewonnen haben alle, wie man es von den Tarasern auch nicht anders erwartet hätte. Die Oktoberfestkönigin wurde die Leila Tatarenkowa. Die Tourismusmanagerin hatte ehrwürdige familiäre Beweggründe zu ihrer Teilnahme: „Ich liebe meinen Mann, und wie alle Krebs-geborenen verehrt er seine Mutter; um meiner Schwiegermutter, die Kasachstandeutsche ist, nachzueifern, hatte ich beschlossen, Oktoberfestkönigin 2015 zu werden!“

Bei einer Onlineabstimmung vorab gewann Darja Kopylowa und wurde Internetkönigin. Den Publikumspreis der Charmekönigin bekam Jelena Palitschewa. Den Titel des Talents gewann Darja Barsukowa, die Küchenkönigin wurde Anastasija Buschewa, als Königin des Lächelns erwählte man Tatjana Jakuschina, als Königin der Eleganz Irina Altmayer, und sehr passend bekam die „eins, zwei, Polizei“-Performerin Larisa Jewtuschenko den Titel der Königin der Inspiration.

So hat man in Taras ein eigenes, bunt gemischtes Rezept des Oktoberfests gebraut

In aller Munde, der herzhafte Dampfstrudel. Die Zubereitungsanleitung ist auf der DAZ Facebookseite aufzufinden. | Bild bereitgestellt von Irina Gilinskaja

Als Oktoberfest-Neuling kann man nicht einschätzen, inwiefern das Taraser Fest dem Münchner Original entsprochen hat, und es ist im Grunde genommen nicht notwendig. In Taras konnte man Authentizität an ganz anderen Faktoren wie Trachten, Krügen oder Gesängen messen, an dem freundschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühl und der Freude am Teilen, was selbst Wildfremde wärmstens gespürt haben. In Taras steht man dazu, dass die wenigen Deutschen, die noch in der Stadt und dem Landkreis leben, vielleicht nicht alle in Deutschland gängigen Traditionen kennen. Dafür kennt man dort noch bereits längst vergessene, wie den herzhaften Dampfstrudel oder erfindet kurzerhand neue – mit Einflüssen aus allen anderen Kulturkreisen, die im multiethnischen Kasachstan im friedlichen Miteinander leben.

Auf die Frage, ob das Oktoberfest denn adäquat deutsche Bräuche repräsentiere, antworteten viele der Gäste und auch der Veranstalter positiv. So hat man in Taras ein eigenes, bunt gemischtes Rezept des Oktoberfests gebraut mit Zutaten, wie ein bisschen Karneval und Kusswettbewerb, Königinwahl wie es für Weinfeste typisch ist, viel russischer Spielwut oder etwa russlanddeutschem Dampfstrudel. So reiht es sich schön mit ein, dass die Oktoberfestkönigin tatarische Wurzeln mitbringt!

„Die Mammuts“ der Jugendgruppe „Juwel“, sie waren in der ersten Generation des Jugendclubs. | Bild bereitgestellt von Irina Gilinskaja

Menschen wollen und können nicht auf Symboliken verzichten, sind es doch teilweise ebendiese Symbole, die sie mit einem angestrebten Ideal verbinden. Hinzu kommt die wertvolle Kraft der Symbole, die Menschen eint und ein Solidaritätsgefühl vermittelt. Sie sind Mittler kultureller Identitäten. Auch wenn es manchmal scheint, als passiere diese Vermittlung um jeden Preis, geht es bei näherem Hinsehen oft um die Geste an sich. Zuweilen um eine sehr rührende und herzliche Geste, wie beim Oktoberfest in Taras.

* frz. für „typische Lebensweise“

Julia Boxler

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