200 Jahre schwäbische Auswanderung in den Südkaukasus

Gemeindeplatz in Helenendorf um 1930.
Gemeindeplatz in Helenendorf um 1930. | Fotos von Rolf Wacker zur Verfügung gestellt.

2017 jährt sich die Auswanderung der Schwaben aus Württemberg in den Südkaukasus zum 200. Mal. An dieses denkwürdige Ereignis will VadW mit einer Beitragsfolge unter dem Motto „200 Jahre schwäbische Auswanderung in den Südkaukasus“ erinnern. Im Laufe von über 120 Jahren haben die Schwabenkolonien im Südkaukasus wechselvolle Zeiten und Entwicklungen durchgemacht – von der opfervollen Ansiedlung über die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit bis zu deren Auslöschung 1941.

Bis 1928 verfolgte die Sowjetführung eine verhältnismäßig liberale ökonomische Politik, die unter der Bezeichnung „Neue Ökonomische Politik“ bekannt ist. Ab 1929 begann die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die seit Beginn 1930 auch die südkaukasischen Schwabendörfer erreichte.

Die Kollektivierung wurde durch Drohungen (etwa daß jeder, der gegen die Kollektivierung stimme, erschossen werde) erzwungen, wobei man auch nicht vor Verhaftungen zurückschreckte. Alle Gärten und das Inventar wurden vergemeinschaftet, es war verboten, davon etwas zu veräußern. Die in der Kolchose vereinigten Kolonisten wurden für die Bearbeitung der Gärten in Gruppen eingeteilt. Anfangs gingen alle zur Arbeit, in der Hoffnung auf Rettung.

Zwangskollektivierung und „Weiberaufstand“

An vielen Orten wehrte sich die Bevölkerung dagegen, so auch in Helenendorf. Die Demonstration der Bauern am 18. März 1930 in Helenendorf wurde im Volksmund als „Weiberaufstand“ bezeichnet, weil vor allem Frauen federführend waren. Am Feiertag der „Pariser Kommune“ (18. März) wurden die Bauern angewiesen, zur Arbeit zu gehen, während die Schule, der Konsum und die Büros frei hatten.

Nun war es mit der Geduld der Bauern zu Ende. Es ging doch niemand zur Arbeit, sondern man forderte, dass eine Gemeindeversammlung einberufen werde. Der Schulze Emil Frick lehnte die Einberufung ab unter dem Vorwand, die könne erst am morgigen Tag stattfinden. Das wollte man sich nicht gefallen lassen. Besonders energisch gingen die Frauen zur Sache.
Um die Mittagszeit versammelten sich viele Frauen auf dem Gemeindeplatz. Sie verlangten nach den inzwischen flüchtigen Verantwortlichen – Emil Beck (Mitglied der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei der Bolschewiken, seit 1929 Vorsitzender des Helenendorfer Dorfrates) und dem Schulzen Frick (anstatt Emil Beck, am
18. Februar 1930 als Vorsitzender des Helenendorfer Dorfrates eingesetzt) – und forderten die Einberufung der Versammlung und die Auflösung der aufgezwungenen Kolchose.

Vor dem früheren Haus von Theodor Hummel, das nun den provisorischen Sitz des Bezirkskomitees der Kommunistischen Partei von Helenendorf beherbergte, kam es zur Auseinandersetzung. Auf die Forderung der aufgebrachten Dorfbewohner – „Wir verlangen eine Versammlung! Versammlung! Weg mit dem Kolchos!“ – antworteten Miliz und Tscheka mit Schüssen.

Danach eskalierte die Situation noch mehr, es flogen Steine Richtung Hummel-Haus. Aus dem Hause folgten wiederholt mehrere Schüsse, Edward Strasser wurde getötet, einige verletzt – alles stob auseinander. Nachmittags erfuhren die Dörfler, dass die Kolchose aufgelöst sei und jeder wieder in seinem eigenen Garten arbeiten darf.

Danach folgten drei Tage lang die Entwaffnung der Bürger von Helenendorf: Alle Männer zwischen 18 und 60 mussten auf dem Gemeindeplatz vor der Kirche antreten und ihre Waffen außer dem Jagdgewehr abliefern. Der ganze Platz war von Soldaten umzingelt. Es fanden Haussuchungen und Verhaftungen statt.

Zur Beerdigung von Edward Strasser versammelten sich alle umliegenden Dörfler. Es fand eine große Spendenaktion für die Familie statt. Die Ehefrau von Edward Strasser – Marta – blieb allein mit den Töchtern Ida, Nelly und Else.

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Der „Rote Terror“ auf dem Vormarsch

Seit Mitte der 1930er Jahre tobte in ganz Sowjetunion der Rote Terror mit politischen Säuberungen und Verfolgungen. Nach der Machtergreifung der National-Sozialisten in Deutschland erschien die Loyalität der eigenen Deutschen gegenüber dem Sowjetregime zunehmend immer zweifelhafter.

Friedhof zu Helenendorf, ca. 1936
Friedhof zu Helenendorf, ca. 1936 | Fotos von Rolf Wacker zur Verfügung gestellt.

Am 5. November 1934 verabschiedete das ZK der Kommunistischen Partei den Beschluss „Über den Kampf gegen das konterrevolutionäre faschistische Element in den deutschen Kolonien“. Das ZK kritisierte „die äußerst schwache Reaktion der örtlichen Organisationen der Partei und des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD, in das die GPU 1934 eingegliedert wurde) auf die Aktivierung der antisowjetischen Kräfte“ und forderte, die Verbindungen der Deutschen in der Sowjetunion zu den „bürgerlich-faschistischen Organisationen“ und „den Empfang von Geld und Paketen“ zu unterbinden und zu bestrafen.

Die Parteikomitees der verschiedensten Ebenen sollten unverzüglich „in Bezug auf die aktiven konterrevolutionären und antisowjetisch gestimmten Elemente repressive Maßnahmen einleiten, Verhaftungen vornehmen sowie die bösartigen Führer zur Erschießung verurteilen“. Was auch in allen Siedlungsgebieten mit aller Härte durchgesetzt wurde.

1935 wurden aus den Kolonien Annental und Helenendorf 600 Personen unter dem Vorwurf der Spionage als „Volksfeinde“ nach Karelien verschickt und ihr Vermögen konfisziert. In Helenendorf wurden in den Jahren 1933 bis 1941 insgesamt 187 Kolonisten, darunter 19 Frauen, ohne ersichtlichen Grund verhaftet. Etwa 80 Prozent davon dürften umgekommen sein. Allein auf die Helenendorfer Familien Hummel, Vohrer und Votteler entfielen 49 Personen.

Bis 1938 wurden 352 Einwohner aus Katharinenfeld/Luxemburg verhaftet und ermordet. 1937 begannen die NKWD-Organe die in Baku lebenden Deutschen zu erfassen, im Oktober 1940 kam es dort zu Dutzenden Verhaftungen deutscher Studenten aus den deutschen Kolonien Aserbaidschans.

Im Zuge der „deutschen“ Operation des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten wurden 1937-1938 landesweit Zehntausende Deutsche verhaftet und zu Tode verurteilt. Im Kaukasusgebiet wurden insgesamt über 10 Prozent der deutschen Kolonistenbevölkerung ausgelöscht.

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„Nun ade, du mein lieb Heimatland“ – Deportation der Deutschen aus dem Südkaukasus

Der verleumderische Regierungserlass vom 28. August 1941 leitete eine massenhafte Deportation deutscher Bevölkerung in der Sowjetunion hinter den Ural ein (die Krimdeutschen wurden bereits vorher zwangsausgesiedelt).

Als Grundlage für die Deportation der Deutschen aus dem Südkaukasus galt der Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR „Über die Umsiedlung der Deutschen aus der Georgischen, der Aserbaidschanischen und der Armenischen SSR“ vom 8. Oktober 1941. Dementsprechend lebten in der Georgischen, Aserbaidschanischen und Armenischen SSR 48.375 Personen deutscher Nationalität, davon 29.609 Dorfbewohner. Operativ erfasst vom NKWD als „antisowjetisches und verdächtiges Element“ waren 1.842 Personen.

In einem Schreiben von Berija an Stalin ist nachzulesen: „Zwecks Vorbeugung antisowjetischer Tätigkeit seitens der in der Georgischen, der Aserbaidschanischen und der Armenischen SSR lebenden Deutschen erachtet es das NKWD der UdSSR für zweckmäßig, die als antisowjetisches und verdächtiges Element operativ Erfassten in Haft zu nehmen und den übrigen Teil der deutschen Bevölkerung – 46.533 Personen – in die Kasachische SSR umzusiedeln.“

Zur Aussiedlung standen laut Beschluss: in Georgien 23.580 Personen, Aserbaidschan 22.741 Personen, Armenien 212 Personen. Die Aussiedlungsoperation sollte laut Beschluss des Staatliches Verteidigungskomitees zwischen dem 15. Oktober bis zum 30. Oktober 1941 stattfinden.

Auf Lastwagen wurden die deutschen Familien zum Bahnhof von Gandscha gebracht, weiter ging es mit der Eisenbahn nach Baku. Hier wurden die Deportierten am 25. Oktober auf Schiffe verladen und über das Kaspische Meer nach Krasnowodsk in Turkmenien gebracht. Den Helenendorfern folgten weitere Dorfgemeinschaften. Der Abschied schmerzte bis ins tiefste Innere, viele ahnten, dass es für immer ist. Das Lied „Nun ade, du mein lieb Heimatland“, von einem gewaltigen Chor von Männern und Frauen getragen, war der letzte Gruß an die Heimat, die jeder jetzt hinter sich lassen musste, und keiner wusste, was ihn noch erwartet.

Von Krasnowodsk begann für die Kaukasusdeutschen eine wochenlange Eisenbahnfahrt in Viehwaggons, die bis Mitte November dauerte – über Aschgabat in Turkmenien, Samarkand und Taschkent in Usbekistan, Richtung Nordwesten bis Orenburg im Uralgebiet, nach Omsk in Sibirien und schließlich wieder Richtung Süden bis Akmolinsk in Kasachstan, wo es bereits vor 1918 deutsche Siedlungen gegeben hat. Da viele Menschen zusammengepfercht waren und es an Wasser und Verpflegung fehlte, wurde die lange Reise zur Höllenfahrt. Viele Alte und Schwache fanden ihr Grab in den Sandwüsten Mittelasiens. Erst ab Samarkand gab es Trinkwasser.

Die ersten Gruppen der Deportierten wurden bereits um Alma-Ata und am Balchaschsee ausgesetzt. Die weiteren Transporte erreichten über Karaganda die Stadt Akmolinsk und wurden von dort auf die umliegenden Siedlungen in den Gebieten Akmolinsk, Dschambul, Karaganda, Kustanai, Pawlodar, Petropawlowsk oder Semipalatinsk verteilt. Viele wurden in die Hütten der einheimischen kasachischen Bevölkerung einquartiert, in den Wohnungen waren oft auch Schweine und Hühner untergebracht. An Ort und Stelle wurden die Ankömmlinge vorerst bei den Erntearbeiten eingesetzt, auch für Schwache und Kranke gab es keine Ausnahme.

Rolf Wacker / Nina Paulsen

Der Artikel erschien zuerst in der Verbandszeitschrift der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. „Volk auf dem Weg“, Ausgabe 11/2017.