Nach zwei Monaten heißt es für unsere Praktikantin Lisa: Koffer packen. Die Zeit für die Heimreise ist gekommen. Almaty hat einen vielseitigen Eindruck bei hinterlassen. Obwohl einiges für sie schon aus anderen postsowjetischen Ländern bekannt war, lernte sie auch viel Neues über die Kultur und die Menschen in Kasachstan.

Das Staunen der ersten Tage ist längst verschwunden, der Anpassungsprozess ist schon im fortgeschrittenen Stadium. Busfahren? Kein Problem mehr: Die Onaj-Karte habe ich erfolgreich erstanden und bereits mehrere Male aufgeladen. Körperkontakt und unerträgliche Hitze, die manchmal vom kühlen Fahrtwind unterbrochen wird, sind längst normal geworden. Auch der stressige Verkehr irritiert mich nur noch dann, wenn der Busfahrer ununterbrochen hupt, obwohl nirgends ein Hindernis zu sehen ist. Der manchmal äußerst verwirrte Service in Restaurants ist inzwischen auch ein Teil meines Kasachstanbildes geworden.

Inzwischen hat Almaty für mich einen eigenen Charakter gewonnen. Verglichen mit Astana, das als das kasachische Dubai gilt, ist Almaty eine angenehme Stadt zum Leben. Verglichen mit Bischkek, wo kaum ein Weg außerhalb des Zentrums ordentlich asphaltiert oder nachts beleuchtet ist, gibt mir Almaty eine ziemliche Sicherheit. Parks und Alleen soweit das Auge reicht, geben der Millionenstadt ein grünes Bild, und ein Spaziergang wird auch in der Sommerhitze erträglich. Die Menschen wirken im ersten Moment verschlossen, sind aber herzlich und interessiert an Erzählungen. Am Wegesrand sitzen oft alte Frauen, die Blumensträuße oder einzelnes Gemüse verkaufen oder einfach nur betteln, um ihre mickrige Rente aufzubessern. Hippe Cafés bieten moderne Kaffeevariationen an, während eine Straße weiter ein Verkäufer vor seinen üppig bestückten Kisten voller Obst und Gemüse hockt. Auf Märkten findet man viel Gutes, aber auch viel Ramsch. Vieles ist so, wie ich es aus anderen postsowjetischen Ländern kenne. Nur die Lärmbelästigung, die oft durch zu laute Musik an Orten, wo eigentlich Ruhe und Idylle angenehmer wäre, Ausdruck findet, sowie die fehlenden Umweltstandards trüben das Bild des schönen Almatys. Auch der Blick auf die Gesellschaft ist zweigeteilt, denn einerseits sind die Kasachstaner stolz auf ihr Land, ihre Kultur, ihre Geschichte. Andererseits zieht es viele junge Leute auf der Suche nach stabileren Lebenskonditionen ins Ausland, sobald sie die Möglichkeit haben. Dennoch wirkt Kasachstan von allen zentralasiatischen Ländern am modernsten und offensten.

Ich habe in der Zeit in Kasachstan auch viel über die Gesamtsituation der zentralasiatischen Länder gelernt. Bevor ich herkam, wusste ich das, was wohl die meisten Europäer über diese Länder wissen: so gut wie gar nichts. Der Osten ist für die meisten Menschen in Europa nach wie vor ein schwarzer Fleck auf der Weltkarte. Aber woher sollten sie auch ihr Wissen haben, wenn nicht aus Selbstinitiative? Im Geschichtsunterricht ist Zentralasien kein Thema, in den Medien wird selten darüber berichtet. Doch ist die Geschichte in diesem Raum so vielfältig, so interessant und so schwierig zu fassen, denn die unzähligen Stämme und Nomaden unterlagen ständiger Fremdherrschaft. Bis die Russen kamen und wiederum alle unterwarfen. Zuletzt folge die Sowjetunion. So entstanden auch die künstlich gezogenen Grenzen, die wieder zu Unruhen führten, weil manche Stämme auseinandergerissen wurden, andere gezwungen wurden als eine Nation zu leben. Seit der Erlangung der Unabhängigkeit gehen die neuentstandenen Länder mit politischer und sozialer Instabilität einer unsicheren Zukunft entgegen.

Zwei Monate sind zu kurz, um einen Überblick über die Verhältnisse und das Alltagsleben zu bekommen. Ich habe verschiedene Kasachstaner getroffen, die zu meiner Freude alle wussten, wo Österreich liegt (sogar in Europa wird Austria manchmal mit Australia verwechselt) und ich stellte auch fest, dass es auch viele Deutsche und andere Expats gibt, die hier zufrieden arbeiten und leben. In Kasachstan herrscht Aufbruchsstimmung, warten wir ab, was die nächsten Jahre bereithalten.

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Lisa Marie Lang
Lisa Marie Lang ist studierte Slawistin und stammt gebürtig aus Salzburg in Österreich. Sie wird die DAZ-Redaktion zwei Monate lang unterstützen. Hier beschreibt sie ihre ersten Eindrücke der Stadt, die sie an Omsk erinnert, das Verkehrschaos und warum Österreicher sich eine Scheibe von der Gelassenheit der Kasachstaner abschneiden sollten.