von Anel Nurkisheva, Akzhol Kumar, Patricia Nigrini

 

„Können wir uns morgen mit Rinda* treffen?“

„Ich bin mir nicht sicher. Sie hat Angst…“, sagt uns eine Freundin.

Schließlich sagt Rinda doch zu, und wir können uns mit ihr zu einem Gespräch in einem Kaufhaus treffen. Wir waren beunruhigt, dass das Treffen nicht stattfinden würde, da andere Personen zuvor schon abgesagt hatten.

Menschen, die sich zu der LGBTQ+-Community zählen, also entweder homo-, bi-, transsexuell oder queer sind, Menschen stoßen auf viele Probleme – nicht nur in Almaty, sondern überall in Kasachstan. Obwohl homosexuelle Beziehungen seit 1997 legal sind, sind gleichgeschlechtliche Ehen per Gesetz verboten und auch die öffentliche Meinung dazu ist negativ.

Bevor wir uns mit Rinda treffen, fragen wir einige junge Studierende bezüglich ihrer Ansichten zu diesem Thema. Alle reagieren eher verhalten und wollen nicht ausführlich auf unsere Fragen antworten. Die Befragten sagen, sie würden sich nicht für dieses Thema interessieren und wollen nichts damit zu tun haben. Ein Mann sagt zwar, es sei ihm egal, aber er betont auch, dass er keinen Kontakt mit homosexuellen Menschen möchte und fordert, dass diese die Distanz wahren sollen. Er erzählt, wie ein Taxifahrer seinen Fahrgast beschimpft habe, nur weil er schwul war. Nur eine einzige Frau, mit der wir sprechen, steht LGBTQ+ offener gegenüber und sagt, dass sie für gleiche Rechte für alle sei und jeder Mensch seine sexuelle Orientierung selbst wählen könne. Dennoch relativiert sie am Ende ihre Meinung, indem sie Verständnis für Menschen äußert, die gegen LGBTQ+-Rechte sind.

Nach der Umfrage gehen wir zu dem Treffen mit Rinda. Sie ist 18 Jahre alt und kommt zusammen mit ihrer Freundin. Ein bisschen rebellisch sieht sie aus: Sie hat kurze blau-weiß gefärbte Haare, Piercings und einige Tattoos. Als sie zu sprechen beginnt, klingt ihre Stimme etwas aufgeregt, dennoch versucht sie jede Frage ausführlich und offen zu beantworten.

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Wie denn ihr Coming-Out gewesen sei, wollen wir wissen. „Eigentlich habe ich das nicht geplant. Eines Tages hat meine Mutter mein Handy genommen und nach Beweisen dafür gesucht, dass ich lesbisch bin. Ich habe sie erwischt und gefragt, ob sie gefunden hat, was sie finden wollte. Sie hat geantwortet, dass es nicht das Ende der Welt sei, homosexuell zu sein.“ Rindas Mutter habe sogar ein Beispiel für erfolgreiche Homosexuelle genannt: Alan Turing, ein britischer Informatiker, der schwul war und einen großen Beitrag in der Computerentwicklung geleistet hat. „Meine Mutter war einige Zeit skeptisch, aber letztendlich hat sie es akzeptiert.“

Rinda ist seit 2017 in einer LGBTQ+-Community aktiv. Diese zählt rund 300 Mitglieder in Almaty und trifft sich regelmäßig. Es sei schwierig in Almaty offen homosexuell zu leben, erzählt die Studentin. „Von Zeit zu Zeit werden wir beschimpft und bedroht. Einmal kam es fast zu einer Prügelei“, erinnert sie sich. “Mein größtes Problem ist eher, dass ich nicht ernst genommen werde. Einmal hat sich ein Mann vor uns gestellt und uns vor Angreifern beschützt. Er hat ihnen gesagt, dass wir noch Kinder seien. Ein anderes Mal wurden einige von uns geschlagen, aber wir haben keine Anzeige bei der Polizei erstattet, weil wir wussten, dass wir nichts erreichen können.“

Gay-Clubs besucht die junge Frau nur selten. „Dort geht es vor allem um Drogen und viel ‚Körperkontakt‘. Ich bin introvertiert, ich bleibe lieber zu Hause“, sagt sie. Außerdem sei es gefährlich, denn manchmal wird man auf dem Nachhauseweg verfolgt und geschlagen. Ungefähr 20 solcher Clubs gebe es der Stadt, zum Beispiel Monroe, Kolibri, Club 69, Beaumont, zählt Rinda auf. Im Juli dieses Jahres wurde im Haus der Veteranen ein Gay-Club eröffnet, der sehr umstritten ist. Die Veteranen wollten keine Homosexuellen in ihrem Gebäude. Allerdings haben die Betreiber den Raum rechtmäßig bei der Stadt gemietet und im Moment scheint die Lage ruhig zu sein.

Anna Kleschman, eine Videobloggerin, ist vor zwei Jahren mit einer Regenbogenfahne durch das Einkaufszentrum „Dostyk-Plaza“ gelaufen: Einige feindeten sie dafür an, andere Menschen umarmten sie. Daran sieht man, wie verschieden die Meinungen zu diesem Thema sind. Kleschmans Video war einige Zeit im Internet zu sehen, ist mittlerweile aber verschwunden.

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„Ich verstehe homophobe Menschen nicht. Die Öffentlichkeit vergleicht die Homosexuellen mit Geisteskranken und Pädophilen, aber sie sind auch normale Menschen. Homophobie ist unbegründet. Nichtsdestoweniger fühle ich mich hier in Almaty wohl“, sagt Rinda zum Abschluss. Gleich nach dem Gespräch stehen die beiden jungen Frauen auf und verschwinden schnell. Auf einmal wirken sie – im Gegensatz zu unserem Gespräch, wo sie offen Stellung bezogen – gar nicht mehr so sicher.

Auf unserem Weg durch Almaty suchen wir auch nach einem Nachtclub namens „Real“. Nachdem wir eine Stunde lang erfolglos gesucht haben, geben wir auf. Es scheint so, als ob die Treffpunkte versteckt und nicht für jedermann zugänglich sind.

Dass die öffentliche Meinung zu LGBTQ+ so ablehnend ist, könnte auch am Staat liegen, der neben dem Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen 2015 auch ein „Gesetz zum Schutz von Kindern vor Informationen, die ihre Gesundheit und Entwicklung gefährden“ verabschiedet hat, das ähnlich dem Anti-Gay-Gesetz in Russland sämtliche „Propaganda“ von Homosexualität verbietet.

Bei unserer Recherche wurde zumindest eines deutlich: Fast alle Menschen, mit denen wir gesprochen haben, haben sich entweder negativ geäußert oder wollten nicht darüber sprechen.

*Name geändert

 Dieser Text entstand während der XII. Zentralasiatischen Medienwerkstatt.

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