Almaty, Freitag abends am 14. Oktober um 18.00 Uhr im Deutschen Theater. Niemand im Publikum wusste, wie dieser Theaterbesuch verlaufen würde. Denn der Untertitel verhieß nicht gerade eine leichte Kost: „Tragödie nach Dario Fo und Christa Wolf“ unter der Regie von Sergej Popow. Nichts ahnend nahmen alle in dem gut besuchten Theaterraum Platz und hatten nun schon mal die Möglichkeit, das Bühnenbild zu betrachten.

Die Bühne war eher spartanisch, aber in ihrer Kargheit durchaus wirkungsvoll. Auf ihr befand sich in der Mitte des Raumes ein quadratisches niedriges Podest, auf dem das Stück seinen Anfang und sein Ende nahm. Am Ende des Podestes in Richtung Bühnenende war ein mit Tüchern verhüllter und griechisch anmutender Eingang. Dieser befand sich vor einer mit Wolken bemalten Wand, die sich krass vom Schwarz der den Saal begrenzenden Wand abhob. An beiden Enden der Wand standen links und rechts zwei diabolische rote Feuer, aus roten flatternden Tüchern von Licht bestrahlt. Links und rechts am hinteren, vom Publikum entfernten Rand des Podestes starrten zwei in Tüchern gehüllte Schaufensterpuppen das Publikum streng an, beinahe abfällig. Am vorderen linken Bühnenrand stand ein Rolltisch mit einem Messer. Diese Utensilien und  die Darstellerin des Einmannstücks, Iska Abdylmanowa sollten das Publikum die nun folgenden 80 Minuten in die tragische Geschichte Medeas entführen.

Die Hauptperson im Stück von Christa Wolf ist eine der faszinierendsten und zugleich widersprüchlichsten mythischen Gestalten:  Medea. Heilerin, Priesterin, Liebende, Eifersüchtige, Verräterin, Intrigantin. Christa Wolf erzählt die Geschichte neu, folgt teilweise Quellen von Euripides und entwirft das Portrait einer eigenwilligen, einer ungewöhnlichen Frau zwischen den Zeiten. Ihre Medea ist, wie in allen Überlieferungen, die Tochter des Königs von Kolchis am Schwarzen Meer, dem östlichen Rand der damals bekannten Welt. Sie kann in ihrer Heimat nicht bleiben und flieht mit Jason in das reiche Korinth, in dem andere Sitten herrschen, andere Werte gelten als im archaischen Kolchis. Der Roman verfolgt ihre Geschichte von da an, als sie in Korinth auf die Spur eines Verbrechens kommt, dem König Kreon die Aufrechterhaltung seiner Herrschaft verdankt: Die junge Königstochter und mögliche Thronfolgerin Iphinoe wurde ermordet. Medea ist in der eindrücklichen Schilderung Christa Wolfs eine Frau zwischen zwei Welten, die sich – fremd hier wie dort – zu behaupten versucht. Ihr Verhalten gilt als Provokation der Macht und der Mächtigen, seit Geschichte überliefert und geschrieben wird.

Das Stück beginnt. Mit geschickter Lichttechnik und einer gekonnten Musikauswahl werden wir in den Bann der erwachenden Medea, dargestellt von Iska Abdylmanowa, gezogen. Sie vermag nicht nur, das Publikum in den Wahn Medeas hineinzuziehen, sondern auch noch drei weitere Rollen zu spielen, in dem sie uniformierte Schaufensterpuppen in griechischen Gewändern dem Publikum vorführt und ihnen Stimme und Persönlichkeit gab. Dieser Kunstgriff verstärkte die Darstellung der biederen und konventionellen Korintherinnen, die sich stets dem Gesetz der Gesellschaft beugen, gegen das sich Medea so auflehnt – sowie der Darstellung ihres Mannes Jason, der nun eine jüngere Korintherin aus der Königsfamilie heiraten will, und ein letztes Mal seine vom Wahn besessene Frau besucht.

Die Schauspielerin, die in ihrer geheimnisvollen und unbeirrbaren Art an die deutsche Schauspielerin Hannelore Elsner erinnerte, vollbrachte es, jede der vier Rollen überzeugend darzustellen, als auch die Vorgeschichte des tragischen Wahns Medeas – wie diese mit der Entscheidung ringt, ob sie sich oder ihre Kinder töten muss, um endlich frei sein zu können.
Was bezweckte Christa Wolf mit ihrem Stück „Medea“? Sie wollte einen neuen Frauen- und Menschentyp beschwören, der sich nicht durch gesellschaftliche Zuschreibungen klein halten und verpflichten lässt in der „Rolle“ und Zuschreibung als Frau und Mutter oder als Mann auf Freiheit verzichten zu müssen.

Sie weist auf die Möglichkeit der Emanzipation von Frauen und Männern hin, in dem Sinne, dass nicht das eine Geschlecht das andere dominieren, sondern dass beide zusammen die Welt gestalten sollen. Dabei sieht sie zwar die Frauen in der Rolle der Unterdrückten, die geschichtlich besiegt und zu Objekten gemacht wurden, sie will aber die Männer nicht als die Aggressoren und Täter dargestellt wissen, sondern ebenfalls als Opfer der patriarchalen Ordnung, die sich über die Jahrhunderte verbiegen mussten, um den Ansprüchen der „männlichen Gesellschaft“ zu genügen, und sich dabei selbst Gewalt angetan haben.
Das Stück ist außerordentlich aktuell, denn betrachtet man das heutige Menschenbild, so ist man weit hinter die Ziele der Emanzipation zurückgefallen. Passen sich Frauen nicht heute übermäßig einem Schönheitsideal an, das, betrachtet man es genauer, immens uniformiert und eindimensional ist? Aber auch Männer haben gewissen Erwartungen zu entsprechen. Medea  lehnt sich dagegen auf, kann aber ihrer Zeit nicht entrinnen, und wählt den Freitod.
Das Stück ist vorbei, das Publikum noch ergriffen. Der Applaus beginnt verzögert, aber entschieden stark. Eine Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen und schwebt über den Köpfen, ob und inwieweit sich soziale Rollenkonflikte und das Verhältnis von Macht und Recht und Wahrhaftigkeit seit 1500 Jahren geändert haben.

27/10/05

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