Im Wohnheim für behinderte Kinder in Almaty leben 150 junge Menschen verschiedener Altersstufen. In der Sowjetunion haben sich die Pädagogen der Einrichtung aus Angst vor Diskriminierung gescheut, mit den Kindern auf die Straße zu gehen. Heute hat sich die Situation in Kasachstan verbessert. Noch immer aber gibt es Probleme wie etwa die Betreuung der Jugendlichen nach der Vollendung des 18. Lebensjahres.

/Foto: Inga Mantler. ‚Die Kinder im Wohnheim freuen sich sehr über Besuch.’/

Kinderlachen strömt aus den Räumen, Kinder laufen die Treppe herunter und tollen im Haus. Im Handwerksraum sitzen acht Jugendliche und basteln Halsketten. Der 16-jährige Wladik zeigt stolz seine Arbeiten. Eine bunte Halskette aus Perlen und ein Krokodil aus Steinchen, die mit einem Draht zusammengehalten werden. Wladik und seine Freunde leben im Heim für behinderte Kinder in Almaty. Die Einrichtung existiert seit 1963 und wird von der kasachischen Regierung finanziert. Zur Zeit kümmern sich 30 Pädagogen um 150 Kinder zwischen vier und 18 Jahren, die unterschiedliche Behinderungen haben.

Zur Zeit der Sowjetunion war es für die Mitarbeiter schwierig, sich mit den Bewohnern des Heims in der Öffentlichkeit zu zeigen. „Wir sind mit den Kindern damals nicht rausgegangen“, erinnert sich die Pädagogin Raichan Sarybajewa vom Kinderheim. In der sowjetischen Gesellschaft waren Kranke und Behinderte in der Öffentlichkeit kaum sichtbar. Seit Anfang der 90er Jahre hat sich die Situation in Kasachstan für Menschen mit Behinderungen verbessert. Heute machen die Pädagogen mit den Kindern Ausflüge zum Zoo, in die Kirche oder in Sanatorien. Manchmal stoßen sie dabei aber immer noch auf Skepsis. „Die Kinder werden angestarrt“, bedauert Sarybajewa. Die Menschen tun sich schwer, Behinderte in die Gesellschaft mit einzubeziehen.

Eine Fahrt in die Stadt birgt aber andere, ganz praktische Hindernisse für die Kinder und Jugendlichen. Nicht alle Wege sind rollstuhlgerecht umgebaut, öffentliche Verkehrsmittel können nicht benutzt werden.

Interessen der Kinder fördern

Das Ziel der Erzieherinnen ist es, den Kindern und Jugendlichen ein Zuhause zu schaffen und eine individuelle Bildung zu ermöglichen. Kommt ein Kind in das Internat, erfolgt als erstes eine Diagnose, die den Grad der Behinderung einstuft. Erst dann kann eine Rehabilitation beginnen. „Besonders wichtig ist uns die Selbständigkeit der Kinder“, erklärt Sarybajewa. Tägliche Bedürfnisse, wie der Gang auf die Toilette, Zähneputzen, Ankleiden, Essen, sollen die Einwohner des Internats, so gut es geht, alleine bewältigen.

Ein anderer bedeutender Faktor ist die Entwicklung der Kinder. Die Mitarbeiter des Internats bieten Freizeitbeschäftigungen und verschiedene Therapien an. Mit Hilfe von Kunsttherapie, bei der die Kinder malen, nähen, sticken oder mit Ton und Knete arbeiten, werden Fantasie und Kreativität angeregt.

Andere Freizeitangebote sind Tanzen, handwerkliches Arbeiten und Theaterspielen. Im Wintergarten können Jugendliche Pflanzen und Blumen anbauen und selber aufziehen. Auf diese Weise sollen die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen. „Es ist einfach schön zu sehen, wenn Kinder Spaß an einer Beschäftigung entwickeln und den Wunsch verspüren, sich an etwas zu beteiligen oder etwas zu lernen“, sagt die Pädagogin. Ein großes Problem des Heims für behinderte Kinder ist, dass es eine begrenzte Aufenthaltsdauer im Wohnheim gibt. Nach dem 18. Lebensjahr müssen die Jugendlichen das Internat verlassen und kommen in eine psychiatrische Einrichtung. „Dort werden die Jugendlichen nicht mehr individuell gefördert“, bemängelt Sarybajewa. Viele Jugendlichen wollen dann zurück in ihre gewohnte Umgebung und laufen davon, berichtet die Pädagogin.

„Unsere Stimme wird einfach nicht gehört“

Die Mitarbeiter des Heims sind traurig und machtlos. Obwohl sich Sarybajewa und ihre Kolleginnen schon öfter an die Medien gewandt haben, um die Problematik der mangelnden Förderung nach dem

18. Lebensjahr anzusprechen, hat sich bisher nichts an der Situation geändert. „Unsere Stimme wird einfach nicht gehört“, sagt die Pädagogin bedauernd. Die Mitarbeiter des Heims wünschen sich, dass die Jugendlichen zukünftig eine Perspektive haben, sich weiter zu entwickeln.

Das Kinderheim freut sich über Spenden. Mit Hilfe dieser Gelder können Windeln gekauft, der Spielplatz restauriert und Räume des Wohnheims renoviert werden. Wollen Sie auch spenden? Dann kontaktieren Sie das Kinderheim: Lebedejew-Straße 31, Tel.: +7 727 3941717.

Von Inga Mantler

11/09/09

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