Wenn man eine Reise tut, dann kann man was erleben! Im weiteren Sinne heißt das, dass man den Ort wechselt, was dann ja auch für Umzüge gilt. Ich bin gerade umgezogen und muss feststellen: Hier in meinem neuen Ort kann man in jedem Fall viel weniger erleben als in Köln. Das war klar, es ist ja auch Teil des Planes, dass ich hier mehr Ruhe und Natur habe. Zwischen Köln und Rösrath liegt ein großer Wald. Und dass es hinter dem Wald von Köln aus gesehen hinterwäldlerischer zugeht, liegt in der Natur der Sache. Aber von hier aus fühlt sich das noch mal anders an, weit, weit weg.

Strategisch schlau war sicher, dass ich diesem Ort fast gar nichts zugetraut habe und davon ausging, dass hier nichts zu holen und erleben ist. Wenn man quasi bei Null anfängt, kann es nur besser werden. Es gibt zwar weniger Kioske als in Köln (na gut, überall gibt es weniger Kioske als in Köln), aber einige gibt es schon, und in dem größten ist die Lakritzauswahl echt gut. Was mir besonders für Kinobesuche wichtig ist, wobei es hier kein Kino gibt. Egal, esse ich die Lakritze eben zur DVD daheim. Allerdings, einen DVD-Verleih scheint es auch nicht zu geben. Egal, esse ich die Lakritze eben in meiner Laube. Wo ich oft sitzen werde, weil das gastronomische Angebot nicht sooo vielfältig ist, aber wenn man sucht, findet man zwischen den 11 Bürgerstuben mit guter deutscher Küche auch das chinesische und italienische Lokal, immerhin kann man zwischen Schnitzel, Pizza und knuspriger Ente wechseln. Oder man muss in das Nachbarkaff.

Aber wie kommt man dahin? Wenn man auf dem Lande wohnt, ist man auf ein Auto angewiesen, so heißt es immer. Mal sehen, ob das stimmt. Bei meiner Internetrecherche stoße ich als erstes auf ein Anrufsammeltaxi, was mich nicht tröstet, sondern schockiert. Ein Anrufsammeltaxi ist für mich der Inbegriff für Pampa und Peripherie, weil es mir bisher immer nur in beruflichen Zusammenhängen mit äußerst strukturschwachen Gebieten begegnet ist, wo sich das letzte Fünkchen Infrastruktur nur mit mobilen und flexiblen Diensten aufrechterhalten lässt. Aber es gibt hier neben den Anrufsammeltaxis reguläre Buslinien, auch wenn die Fahrpläne äußerst übersichtlich sind.

Was machen denn die Rösrather, wenn sie nicht arbeiten, spazieren oder Essen gehen? Man kann ja nicht immer nur daheim hocken. So ein kleines bisschen Kultur wird’s doch geben, oder? Mal in den Veranstaltungskalender schauen. Volksfeste, Sommerfeste, Kirmes, Pfarrfeste, Schützenfeste, Erntedankfeste, Rosenfeste … Oh je! Aber gut, wenn ich hätte feiern und mich kulturell vergnügen wollen, hätte ich in Köln bleiben sollen. Schließlich bin ich zum Erholen hergekommen. Ich befasse mich also, alten Gewohnheiten folgend, mit der falschen Materie. Nicht suchen, was nicht da ist, sondern wertschätzen, was da ist, heißt die Devise.

Deshalb: Ab in den Wald, mal sehen, was der kann! Schon nach kurzer Zeit habe ich mich total verfranzt und verfahren. Überall Abzweigungen, kleine, mittelgroße und größere Wege; Waldwege, Schotter und Asphalt – die Auswahl ist groß und mir scheint, ich brauche eine lange Weile, um mich in dem Wald zurechtzufinden. Was gut ist, sonst würde es schnell langweilig.

Ich habe nur noch eine Idee, diesem Ort etwas Interessantes zu entlocken und greife nach dem Programmheft der Volkshochschule, das beachtlich dick ist. Aber ja! Hier ist für jeden was dabei, die Themen der Kurse lauten:  Arabisch, Dieselmotoren, eBay, Fledermäuse, Japanisch, Kettensägen, Obstbaumpflege, Nähen, Schmiedekunst und schnell Lesen.

Und wenn ich lange genug hier bleibe, kann ich später mal den Kurs „Wechseljahre“ besuchen. Es sind sogar Dinge dabei, von denen ich noch niemals hörte, wie z.B. Geisterbusch, Kirtan, Postkorbübung und Spagyrik. Am besten gefällt mir der Kurs Brötchenkorb! Wer weiß, vielleicht habe ich ungeahnte Talente in der Brötchenkorbgestaltung, gewinne den Preis der Volkshochschule, trete schließlich auf dem Volksfest auf, darf künftig den Brötchenkorb des Bürgermeisters gestalten und gebe im Edeka-Supermarkt Autogramme.

Gäbe es auch noch die Kursangebote Korbflechten und Deckchen klöppeln, würde ich ziemlich wahrscheinlich die Goldmedaille in der Disziplin Brötchenkorb gewinnen.

Je mehr ich mich mit dem Programm befasse, desto weniger bleibt von dem breiten Angebot an meinem Ort übrig, weil das dicke Heft nämlich nicht nur für meine Stadt mit der nur einen Postleitzahl gilt, sondern für ein sehr großes Gebiet inklusive der größeren Nachbargemeinden. Genau genommen bleibt nur ein einziger Kurs, der mich interessieren würde, English Conversation, der allerdings morgens um 9.00 Uhr stattfindet. Also, bitte sehr! Morgens um diese Zeit möchte ich noch nicht plaudern und schon gar nicht mit fremden Leuten und schon gar nicht auf Englisch!

Bleibt doch wieder nur der Wald. Und wenn ich den durchquert habe, was mit dem Fahrrad nur etwa 1 Stunde dauert, wenn man die Wege kennt, erwartet mich zur Belohnung ein tolles kulturelles Angebot in Köln!

Julia Siebert

28/08/09