Schara Schanseitowa hat ein Buch mit kasachischer Poesie veröffentlicht. Vergangenen Freitag präsentierte die Germanistin und Übersetzerin ihre Gedichtsammlung „Wandere durch den Tempel, der Steppe heißt“ im Almatyer Haus der Bildenden Kunst. Redakteurin Cornelia Riedel sprach mit der 58-jährigen Herausgeberin, die seit sechs Jahren in der Schweiz lebt.

Frau Janseitowa, was ist das Besondere an dem von Ihnen publizierten Band?

In meinem Buch ist die Poesie elf moderner Dichter Kasachstans vereint. Sie stammen aus unterschiedlichen Generationen, und es sind sowohl bilinguale als auch kasachische Poeten vertreten. Die Texte sind von Jesimgali Schumanow illustriert, es gibt also eine Synthese von Grafik und Poesie.

Seit dem Jahr 2000 leben Sie in der Schweiz, was hat sie inspiriert, diesen Gedichtband zu veröffentlichen?

Für mich ist es wichtig, mich mit meiner Kultur auseinanderzusetzen, obwohl ich in Europa lebe. Deshalb beschäftige ich mich mit der modernen kasachischen Literatur. Die Traditionen und die Kultur meiner Heimat sind ein Teil von mir, denn hier bin ich geboren. Seit der Heirat mit meinem Mann, einem Schweizer, lebe ich in der deutschsprachigen Schweiz. Mich mit meiner Herkunft und dem Geschehen hier in Zentralasien zu befassen, ist deshalb für mich von besonderer Bedeutung.

Worüber schreiben die Autoren im Buch? Was sind die Themen der Gedichte?

Es geht um Liebe, Heimat, die Steppe, Freundschaften und generell um Menschlichkeit. Der Buchtitel „Wandere durch den Tempel, der Steppe heißt“  ist die Anfangszeile eines Gedichtes von einem der größten kasachischen Dichter, Kadyr Myrsalijew. Der Titel ist für mich auch ein Symbol, ich kehre zu meinen Wurzeln zurück. Neben anderen schreibt auch Mukagali Makatajew, der die „Die göttliche Komödie“ von Dante Alighieri ins Kasachische übersetzt hat.

Sie sind seit drei Monaten in Almaty, dieser Tage kehren Sie in die Schweiz zurück. Was haben Sie in Kasachstan getan, und welche Pläne haben Sie nach Ihrer Rückkehr?

In dieser Zeit suchte ich Kontakte zu meinen Freunden hier, ich will die Ereignisse in meiner Heimat nicht nur aus der Distanz erleben. Außerdem habe ich mich um die Veröffentlichung meines Buches im Verlag „Seidenstraße“ und die Präsentation hier in Almaty bemüht. Und ich bin in der Steppe gewesen, ich muss die Steppe sehen, wenn ich hier bin. Der Gedichtband soll ins Deutsche übersetzt werden. Ich habe außerdem hier den kasachischen Dichter und Übersetzer Schanat Baimuchametow kennengelernt und möchte mit ihm ein Buch herausgeben, da er aus dem Französischen und Deutschen ins Russische übersetzen kann.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Kasachstan und die Schweiz vergleichen?

Auch in der Schweiz gibt es natürlich positive Momente und Schattenseiten. Die Stabilität in der Schweiz führt manchmal zu einer zu großen Stille, da man weiß, dass sich nichts ändern wird, außer es passiert eine Naturkatastrophe. Aber das betrifft natürlich nicht alle Schweizer. In Kasachstan neigen jetzt mit der Unabhängigkeit manche zu religiöser Archaik und wenden sich zurück. Sich zur eigenen Sprache und Geschichte zu bekennen ist richtig und gut, doch darin sollte man nicht stecken bleiben, sondern mit der ganzen Welt mitschreiten und Integration betreiben.

Wie kommen Sie zur deutschen Sprache?

Seit frühester Kindheit lebe ich mit der deutschen Sprache, ich bin in einem Dorf nahe Semipalatinsk aufgewachsen, und wir hatten ein wolgadeutsches Hausmädchen. Dann habe ich ab der vierten Klasse Deutsch in der Schule gelernt und mich später entschieden, Germanistik zu studieren. Nach zehn Jahren Arbeit am Fremdspracheninstitut in Almaty habe ich als Deutschlehrerin an der Musikhochschule gearbeitet. Daraufhin war ich Fremdenführerin in der Abteilung für kasachische Malerei beim Kastejew-Museum und später deren Leiterin. Bei einer deutschen Firma war ich danach angestellt. Ich hatte in meinem gesamten Berufsleben immer mit der deutschen Sprache zu tun, war immer Vermittlerin zwischen den beiden Welten, West und Ost. Das möchte ich jetzt als Rentnerin noch intensivieren. Ich wohne zusammen mit meinem Mann, der Künstler ist, in einem Dorf in den Alpen in der Nähe von Chur, dort ist die beste Atmosphäre, um zu sich selbst zu finden.

Gestatten Sie uns eine letzte Frage: Wo fühlen Sie sich zu Hause, was ist Heimat für Sie?

Ich mag es nicht, mich für rechts oder links zu entscheiden, für schwarz oder weiß. So habe ich in meinem Leben immer versucht, meine eigene Mitte, mein eigenes Ich zwischen zwei Kulturen, zu finden. Jetzt ist mein Lebensmittelpunkt die Schweiz, ich fühle mich aber natürlich in Kasachstan zu Hause, denn hier stamme ich her. Ich sehe es als meine Mission, Vermittlerin zwischen zwei Kulturen und meinen zwei Heimaten zu sein.

Frau Schanseitowa, vielen Dank für das Gespräch!

16/06/06

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