Der Ethnologe Jesko Schmoller (29) lebt seit Sommer 2006 in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. In seinem vierten Bericht beschreibt er seine Erlebnisse im Taschkenter Hippodrom.

Der wehmütige Ruf des Mullahs zieht über die weite Ebene dahin und legt sich auf das gelbliche Steppengras. Gras überall um mich, darüber das grau-blaue Himmelszelt, in der Ferne nur undeutlich zu erkennen ein schneebedeckter Gipfel. Soviel zur Orientierung. Es muss da aber auch noch Menschen geben, schließlich höre ich die Stimme des Mullahs deutlich. Ja richtig, nun sehe ich sie ganz klar: Eine Menge von vielleicht zweihundert Menschen, darunter praktisch keine Frauen, kniet auf der Erde, die Hände zum Gebet erhoben. In ihrer Gesamtheit bilden die Männer eine Mondsichel. In den Satteln ihrer hohen Rösser sitzen zurückgelehnt und gleichfalls betend noch einmal etwa 80 Krieger, die der Menge ihre entschlossenen Gesichter zeigen. Gleich werden sie aufbrechen, um noch vor Sonnenuntergang eine fremde Clansiedlung in Flammen aufgehen zu lassen. Oder irre ich mich, und es handelt sich um Jäger, die einem Rudel Wölfe nachstellen wollen. Und überhaupt, was mache ich hier? Ich war doch gerade noch ganz woanders und habe … habe …

Au backe, diese Zustände der Orientierungslosigkeit, die mich seit kurzem heimsuchen, werden immer schlimmer. Also noch mal: Gerade endet das Gebet, und die Reiter entfernen sich, ihren Pferden die Lederstiefel in die Flanken tretend. Und ich bin gar nicht in der Steppe, sondern im „Hippodrom“, einer Sportarena am Rande von Taschkent. Hierher bin ich mit ein paar Schülern meines Deutschkurses gekommen, um dem sportlichen Ereignis beizuwohnen, dass man auf Usbekisch „Kup Kari“ nennt. Was das in Übersetzung heißen soll, kann ich leider auch nicht sagen. Der Organisator der Veranstaltung meinte, die Bedeutung dieser zwei Worte wäre derart unsittlich, dass man sie in Anwesenheit meiner Schülerin nicht aussprechen dürfe. Also gut.

Die Praxis des „Kup Kari“ ist von meinem Standpunkt aus allerdings durchaus anständig und hat einige Ähnlichkeit mit Polo, bis auf die Tatsache, dass keine Schläger verwendet werden und statt eines Balls eine kopflose, ausgeweidete Ziege. Als Teilnehmer greift man sich den gut 25 Kilo schweren Kadaver vom Boden, ohne dabei aus dem Sattel zu fallen, klemmt sich das tote Tier unter den Oberschenkel und galoppiert dann so schnell als möglich zu einem weiß markierten Zirkel am anderen Ende des Feldes, in den man die Ziege fallen lässt. Dann lässt man sich seinen Gewinn in Form einer Handvoll Dollar auszahlen. Erschwerend wirkt sich aus, dass die Konkurrenz ebenfalls großes Interesse an dem Preisgeld hat und Muskelkraft wie Reitpeitsche einsetzt, um der Ziege habhaft zu werden. Auf der zweiten Schwierigkeitsstufe wird der Sieger mit einem Teppich belohnt. Dafür schleppt er sich mit dem Viech, das mit Salz und Sand aufgefüllt wurde und es bis auf stolze 70 Kilo bringen kann, auch gehörig ab. „Nach dem Spiel schmeckt das Ziegenfleisch großartig, weil es ganz weich geworden ist“, versichert mir mein aus Karakalpakstan stammender Schüler. „Ach ja …“, höre ich meine Stimme interessiert sagen, während ich angestrengt darüber nachdenke, wie ich meiner Sinnestäuschungen endlich Herr werden kann. Eigentlich sind sie ja ganz amüsant. Aber Konsequenz muss sein, deshalb entweder ohne Erscheinungen leben oder in der einen nicht mehr endenden Täuschung.

von Jesko Schmoller

30/03/2007

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