Der Pamir gilt zu Recht als „Dach der Welt”. Hier befinden sich nicht nur die höchsten Gipfel der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch einige der gewaltigsten Bergmassive der Erde. Quer hindurch windet sich eine der großartigsten Gebirgsstraßen – die Trans-Pamir-Chaussee, für die Einheimischen nur als die „Trasse“ bekannt. In den 1940er Jahren in nahezu purer Handarbeit aus dem Fels gehauen, verbindet sie heute die zwei unabhängigen Staaten Kirgisien und Tadschikistan.

Um 6 Uhr morgens schläft Osch noch. So heißt die zweitgrößte Stadt der kleinen zentralasiatischen Gebirgsrepublik Kirgisistan. Der quirlige Basar, tagsüber Motor des wirtschaftlichen Lebens, wird um diese Uhrzeit allenfalls von Straßenfegern besucht. Wenige Stunden später bestimmen hier weißbärtige Greise in langen Mänteln und Verkäuferinnen in bunten Gewändern das Geschehen. Berge von duftenden Honigmelonen und Pfirsichen neben chinesischen Billigwaren und überlagerten Arzneimitteln werden dann dem Käufervolk feilgeboten.

Osch ist der Anfangspunkt einer der grandiosesten Bergstraßen der Welt, der Trans-Pamir-Chaussee. Quer durch den Pamir schlängelt sie sich über mehrere 4.000 Meter hohe Pässe und verbindet Osch über die kleinen Hochgebirgssiedlungen Sary-Tasch, Murgab und Chorog mit der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Vor 60 Jahren wurde sie fast ohne Maschinen unter hohem menschlichen Einsatz in den Berg geschlagen, um die abgelegenen Hochgebirgsregionen der damaligen Sowjetrepubliken Kirgisistan und Tadschikistan mit Lebensmitteln und Treibstoff zu versorgen. Noch heute funktioniert sie als wichtige Verbindung zwischen den nun unabhängigen Staaten, dem Basar in Osch und den Verbrauchern im Pamir. Sie ist die wichtigste Kommunikationslinie der Pamirregion mit der Außenwelt.

Unterwegs im Gebirge

„Setzt euch dahinten in die Ecke“, bellt der Fahrer des in die Tage gekommenen Mercedes-Kleinbusses barsch. Trotz der morgendlichen Stunde sind schon bald alle Plätze und Gänge des Gefährts mit Menschen und Gepäck belegt. Nur der hartnäckige Straßenstaub findet noch eine winzige Lücke, um in die Kabine vorzudringen. Auf den Nachbarsitz hat sich Aidarbek Moldagalijew gequetscht, Lehrkraft für Physik an der Universität von Osch. Schon bald ist der Mittdreißiger in seinem Redefluss kaum noch zu bremsen und versorgt die Reisenden mit allerhand lokalen Anekdoten und Legenden. Sein Gesicht wird ernst, als er auf die Basmatschi zu sprechen kommt, eine radikal-islamische Rebellengruppierung, die hier bis in die 30er Jahre gegen die Russen und die Errichtung der Sowjetmacht kämpfte. „Heute ist Kirgisistan unabhängig und wird trotz aller Schwierigkeiten seinen Weg finden“, sagt Aidarbek mit Blick auf die ständigen politischen Unruhen in seinem Heimatland.

In Sary-Tasch, dem letzten kirgisischen Ort vor der tadschikischen Grenze, wird ein anderer Kampf ausgetragen. Bahadir Isahodschajew muss seinen in die Jahre gekommenen und überladenen LKW russischer Produktion wieder flott kriegen, bevor die Fracht aus Tomaten, Möhren und Wassermelonen verdirbt. Nur zum Mittagessen gönnt er sich eine kurze Pause.

„Seit mehr als 28 Jahren fahre ich die Trans-Pamir-Chaussee von Osch nach Murgab und weiter nach Duschanbe“, schüttelt Bahadir den Kopf, „aber heute wird mir schon schlecht, wenn ich nur an die Trasse denke.“ Und seine Frau Aziza stimmt ihm zu. „Jeder muss hier sehen, wo er bleibt. Ob nun die Händler, die die abgelegene Region mit Lebensmitteln und Schmuggelware versorgen, oder die Zollbeamten, die allerorten Schmiergeld fordern.“
Einen Eindruck vom Leid der Brummifahrer gewinnt man am kirgisischen Grenzposten mit Blick auf das 7.134 Meter hohe Massiv des Pik Lenin. Bahadir soll hier Schmiergeld bezahlen, um weiterfahren zu dürfen. Seine Frau schaltet sich ein. Zeternd geht sie auf die Grenzer zu, die nach langer Diskussion einlenken.

Der schwierigste Teil der Strecke beginnt im Niemandsland zwischen den Staaten. Prustend quält sich der alte Laster den mehr als 4.200 Meter hohen Grenzpass nach Tadschikistan hinauf. Links und rechts tiefe Schluchten, reißende Flüsse, die Teile der Fahrbahn weggespült haben. Alle zehn Minuten heißt es anhalten und Kühlwasser nachschenken. Für 20 Kilometer braucht der Mercedes zwei Stunden. Aufatmen, als es auf Asphalt weitergeht. Es dämmert bereits, als der sturmgepeitschte Karakulsee in Sichtweite kommt, der höchstgelegenen Salzsee Zentralasiens, umgeben von schneebedeckten Gipfeln. Das riesige, dunkelblaue Gewässer inmitten karger Hochgebirgsvegetation ist das Auge des Pamir.

Niemandsland zwischen den Staaten

In tiefer Dunkelheit geht es den Anstieg zum höchsten Punkt der Trasse hinauf, dem 4.655 Meter hohen Ak-Baital-Pass. Nur das fahle Mondlicht lässt die wilde Bergwelt erahnen. Rauschende Gebirgsflüsse, Geröll, vergletscherte Sechstausender. Kein Licht einer Hütte, kaum ein Autoscheinwerfer erhellt die Finsternis. Bahadirs Laster stöhnt. Im Schritttempo geht es die steilen Serpentinen hinauf bis zum Pass. Alle Passagiere schlafen fest, und auch Bahadir kann kaum die Augen offen halten. Weitere Stunden des Bangens vergehen bis zur kleinen Kreisstadt Murgab.

Murgab ist abgelegen, 417 Kilometer von Osch, über 800 von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe entfernt. Die kleine Siedlung wird fast ausschließlich von Kirgisen bewohnt. Einige von ihnen ziehen im Sommer mit ihrem Vieh auf die fetten Sommerweiden in die höher gelegenen Bergtäler. Wie ihre Vorväter leben sie dort in Jurten bis zum ersten Schnee im Oktober. Milchprodukte, Fleisch und Wolle sichern ihnen das Überleben. Mit Hilfe westlichen Know-Hows wird seit Jahren ein Programm für Naturtourismus mit Unterbringung in Jurten bei kirgisischen Familien in Murgab aufgebaut. Reisende können so die Traditionen der Bergnomaden kennen lernen, für die Einheimischen eine zusätzliche, dringend benötigte Einnahmequelle.

Wenige Reisende in Pamirregion

Trotz des enormen Potenzials für Natur- und Kulturliebhaber kommen erst wenige Reisende in die abgelegene Pamirregion. Die schlecht ausgebauten Verkehrswege schrecken die meisten ab. Es erinnert daher an eine Fata Morgana, als vor der Kulisse der schneebedeckten Gipfel und kargen alpinen Steppenlandschaften jenseits von Murgab plötzlich Fahrradfahrer auf der Trasse auftauchen. Auch Motorrad- und Jeeptouristen gilt die Trans-Pamir-Magistrale noch als Geheimtipp und letztes großes Abenteuer.

Umed Soltanow hat mehrere Jahre in St. Petersburg iranische Philologie studiert, kam danach aber in seine Heimatstadt Chorog zurück, der größten Siedlung an der Trans-Pamir-Chaussee zwischen Murgab und Duschanbe. Der junge Mann unternimmt Wanderungen durch die Bergwelt, sammelt Legenden, mündlich überlieferte Geschichte und historische Dokumente.
„In diesen Bergtälern schlummert noch sehr viel unerforschte Historie“, sagt Umed. „Allein für die kulturelle Vielfalt in den Pamirtälern lohnt sich eine Reise. In jeder der steilen Schluchten leben unterschiedliche Völker mit anderen uralten Traditionen und einer eigene Sprache.“ Die wilde Bergwelt und die Trans-Pamir-Chaussee sei eben etwas für Abenteuer. „Das wahre Naturerlebnis liegt hier am Straßenrand, man muss nicht lang danach suchen.“ (n-ost)

Von Henryk Alff

22/09/06

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