Es ist nämlich gar nicht so, dass wir uns nicht ärgern wollen. Das Ärgern gehört zum Leben dazu, es ist sogar immens wichtig. Nicht nur, weil man sich dank der Ärgernisse über die ärgerfreien Zeiten freuen kann, sondern man kann dabei viel über sich und andere erfahren und im spirituellen Sinne unheimlich viel lernen, zum Beispiel gelassener zu werden und sich weniger aufzuregen.

Aber wenn sie schon mal aufkommt, die Wut, dann schleunigst raus damit, bevor sie sich aufstaut; und am besten auf abstrakte Zustände, Sachverhalte oder Institutionen richten, damit niemand versehentlich verletzt wird. Suchen wir also nach geeigneten Anlässen… ah ja! da hätten wir doch schnell was gefunden: die Deutsche Bahn!
Ein tolles Schimpfobjekt. Wann immer man will, kann man sich über die Bahn aufregen und schimpfen, was das Zeug hält, denn die Anlässe lassen nicht nach. Und selbst an Tagen, an denen man nicht mit dem Zug unterwegs ist, darf man sich ordentlich in die Unannehmlichkeiten des Bahnfahrens reinsteigern. Das ist in Deutschland gesellschaftlich anerkannt, da stört einen in der Schimpftirade niemand mit Rückfragen oder Gegenargumenten. Im Gegenteil, da reiht sich jeder gern ein in die Kanonade, das bringt auch Menschen zusammen, die einander sonst nicht viel zu sagen haben. Denn während man sich in manchen Lebensfragen ausgeschlossen und einsam vorkommt, braucht man in seinem Schimpfkonzert auf die Bahn nicht alleine bleiben, es findet sich immer jemand, der in das Klagelied einstimmt. Und schon ist man nicht mehr allein, und gemeinsam schimpft es sich gleich noch viel besser. Ja, genau! Endlich mal einer, der das auch so sieht!
Der Ärger auf die Deutsche Bahn lässt auch wunderbar Platz für Sorgen, die sonst keinen Ausgang fanden. Wer auf der Arbeit schon wieder nicht gelobt, sondern gehänselt wurde, sich aber nicht zu wehren traute, der kann gleich nach Dienstschluss den ganzen Frust wunderbar in den Ärger über die übervolle, verspätete Pendlerbahn packen, ohne dass es jemand merkt. Zu Hause trifft man dann etwas friedvoller ein, damit zumindest noch das Eheleben funktioniert. Es kann aber auch andersherum wirken, dass sich findet, wer sich NICHT ärgert. Die seltenen Artgenossen, die Unannehmlichkeiten mit Humor und Gelassenheit nehmen, lassen sich auf deutschen Bahnsteigen zielsicher aus der Menge fischen. Wer sich also lieber gemeinsam statt einsam amüsiert, findet auch hier im Bahnumfeld Gleichgesinnte.
So hatte ich schon viele nette und lustige Gespräche mit Bahnreisenden, die sich die Laune nicht so leicht verderben lassen, mit einem Journalisten, einem Bürgermeister, einem Schwerlasttransporteur und zuletzt dies: Auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof folgte eine Verspätungsmeldung der nächsten, so dass es mir schon ganz den Sinn verwirrte, welcher Zug mit welcher Verspätung auf welchem Bahnsteig einfahren würde. Bis schließlich auch die durchsagende Bahnangestellte verwirrt war und die ankommenden Gäste auf dem Flughafen Düsseldorf begrüßte. Das fand auch der gutaussehende junge Mann neben mir lustig. Darüber kamen wir ins Gespräch, das wir in der Bahn fortsetzten, weil wir in dem übervollen Gedränge eh unsere Arme nicht heben konnten, um Zeitung zu lesen. Zuletzt hat uns die Bahnverspätung wieder zusammengeführt. Ich erwischte diesen entscheidenden Zug, den ich verpasst hätte, wäre er nicht verspätet eingetroffen. Er hätte eigentlich den vorherigen Zug nehmen wollen, den er sausen ließ, weil kein Reinkommen möglich war. Unsere Unterhaltung konnten wir allerdings nicht fortsetzen, weil eine junge Frau in der stickigen Menge kollabiert ist – Platzangst! Tja, während ich mich um sie kümmerte, kam sie wieder viel zu schnell, die verheißungsvolle Station, an der meine attraktive Zugbekanntschaft aussteigen musste. So ein Pech! Weil er aber von meiner Heldentat so beeindruckt war, schrieb er mir während des lebensrettenden Einsatzes seine Telefonnummer auf. Was auch immer daraus wird – zumindest ein Rendezvous wird dabei herausspringen. Der vollen, verspäteten Bahn sei Dank!

26/12/08

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