In der entscheidenden Stunde der Menschheitsgeschichte hat Maria sich selbst, ihren Leib und ihre Seele, Gott als Wohnstatt angeboten. In ihr und von ihr hat der Sohn Gottes Fleisch angenommen. Durch sie ist das Wort Fleisch geworden (vgl. Joh 1,14). Maria sagt uns, zu welchem Zweck es Kirchenbauten gibt: Es gibt sie, damit in uns Raum werde für das Wort Gottes, damit in uns und durch uns das Wort auch heute Fleisch werden kann.

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Unsere Gedanken kreisen um das Weihnachtsfest: Was soll ich dieses Jahr meinem Mann, meiner Frau schenken? Sollen wir den Kindern auch dieses Jahr einen Weihnachtsbaum aufstellen, Plätzchen backen? Wer wollte sagen, diese Bräuche in den Familien seien unwichtig. Im Gegenteil: sie helfen uns doch, in Stimmung zu kommen, sich auf das Fest vorzubereiten. Nicht in jeder Familie wird aber alles gelingen, es wird am Heiligabend auch Menschen geben, die traurig, erschöpft, einsam sind. Wen werde ich am Heiligabend anrufen – ist eine sehr weihnachtliche Frage!

Wir bereiten uns jedoch nicht nur äußerlich vor. Die Botschaft von Weihnachten, dass Gott Mensch geworden ist, soll irgendwie in unseren Kopf aber auch in unser Herz kommen. Erklären könnte man die Botschaft des Heiligen Abend so: eine nicht greifbare, aber alles bestimmende Macht verlässt die Verborgenheit und zeigt sich als Kind, als Mensch!

Gott wird Mensch, damit der Mensch Gott näher kommt. In diesem Satz ist bereits spürbar, warum Gott gar nichts anderes sein kann als die Liebe. Er sucht unsere Nähe, gibt sich zu erkennen, heilt unsere Wunden, richtet uns wieder auf. Den blinden Bartimäus, wie uns es die Bibel berichtet, wird er (Gott) fragen, was willst du, dass ich dir tue? (vgl. Mk 10,46) Wie viel Zärtlichkeit, Einfühlung und Achtung ist in diesem Satz zu spüren! Aus „voller Kehle“ wird Bartimäus schreien: „Rabbuni, ich will wieder sehen können!“

Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott erfahren kann, ihm näher kommt.

Im Alten Testament hört Mose beim Anblick des brennenden Dornbusches noch den Befehl: „Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst ist heiliger Boden“ (Vgl. Ex 3,5). Wie radikal neu ist doch das, was an Weihnachten geschieht: Gott kommt als wehrloses Kind, in der Stille einer Höhle, die Hirten Unterschlupf gewährte, zur Welt. Er selbst reißt die unsichtbare Wand zwischen Gott und Mensch nieder und lädt ein, angstlos heranzutreten, zu bleiben, Kontakt aufzunehmen. Jenen Menschen, die diesen Schritt heute Abend tun werden, verkünden die Engel den Frieden, Frieden auf Erden.

Wenn wir vor der Krippe stehen werden, werden wir auch spüren, wie viel zwischen uns und jener Wirklichkeit steht, die heilig ist, und von der wir sagen, dass sie mit der eigentlichen Realität des Alltags nichts zu tun habe. Sicher hat vieles in uns eine andere Schwingung, eine andere Energie, eine andere Wellenlänge. Wir leben ja auch zunehmend in einer künstlichen Welt, die wir uns selbst schaffen. Die Playstation, vor der Kinder und Erwachsene Stunden verbringen ist eins, die Schönheitsoperationen ein weiteres Beispiel. Nicht dass man vorschnell alles verteufeln müsste, doch wird die Welt um uns immer virtueller, künstlicher, undurchschaubarer, bedrohlicher. Dieses Gefühl macht Angst, den Alten, aber auch den Jungen.

Das Kind in der Krippe dagegen ist menschliche Realität pur. Es steht für Glück, für Freude, für Geborgenheit, für Gemeinschaft. Es zieht die Menschen an, lädt zu verweilen ein. Der Gang zur Krippe an diesen Tagen gibt uns die Chance, wieder zu erfahren, was Liebe ist: Menschlichkeit und Natürlichkeit. Das nackte Kind lässt uns erfahren, wie sehr wir einander brauchen, aufeinander angewiesen sind. Und zeigt zugleich, dass dieses Aufeinander-Angewiesensein kein Mangel, sondern eine Chance ist, echte Gefühle, Geborgenheit, Gemeinschaft, zu erfahren.

Mit dieser Botschaft und in diesem Sinne, wünsche ich Ihnen, Liebe Landsleute, ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest! Ich denke dabei auch an die vielen Menschen, die einsam, krank oder in finanziellen Sorgen sind. Ich denke an alle, die ihr Leben mit dem Blick auf Christus leben und gestalten, und an die Suchenden, auch sie mögen spüren, dass jene Macht, deren Menschwerdung in Jesus Christus wir Christen in diesen Tagen feiern, schon immer ihr Leben trägt und als Geist jenes Licht ist, das ihrem Leben Orientierung und Sinn gibt.

Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Glück und Gottes Segen auch für das Neue Jahr 2009!

Dr. Alexander Hoffmann, Visitator

Seelsorgstelle für katholische Deutsche aus Russland und den anderen GUS-Staaten
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