Was man von früh auf nicht richtig lernt, damit tut man sich in späteren Jahren schwer. Das betrifft nicht nur das Erlernen von Sprachen und Musikinstrumenten. Auch der angemessene Umgang mit Messer und Gabel kann einen im höheren Alter vor eine Herausforderung stellen.

Natürlich habe ich zu Hause gelernt, wie man ordentlich isst. Aber im Umgang mit dem Besteck gibt es verschiedene Stufen. Bewegt man sich in höheren Kreisen, verfummelt man sich schnell mit den verschiedenen Tellern, Bestecken und Gläsern. Hierfür gibt es allerdings eine handfeste Regel: Von innen nach außen (oder war es von außen nach innen?). Wer den Film „Pretty Woman“ gesehen hat, kann sich bei den Gabeln auch mit dem Abzählen der Zinken behelfen: wenig Zinken heißt Vorspeise; mehr Zinken Hauptspeise. Aber das elegante, gewandte Hantieren mit den Bestecken erfordert knallhartes Training. Und noch immer tue ich mich damit äußerst schwer. Zuletzt wieder. Ich hatte einen Geschäftstermin, den vierten im selben Hause, wo es wieder darum ging, einen Auftrag einzutüten. Traditionell zieht sich dieser Termin über das Mittagessen, währenddessen weiterverhandelt wird. Man muss also schlau denken, gewandt argumentieren, schnell reagieren und nebenbei noch ordentlich essen – alles zur selben Zeit. Normalerweise fordert schon eine der genannten Disziplinen meine gesamte Konzentration, am meisten allerdings das Essen. Während ich also aufpasste wie ein Luchs, dass ich mich nicht unter Wert verkaufte und nicht zu viel versprach, vergriff ich mich beim Besteck, kam durcheinander und wusste schließlich nicht mehr, mit welcher Hand ich welches Besteckteil greifen sollte, damit es einigermaßen manierlich zuging. So frickelte ich unbeholfen mit Messer und Gabel an Fisch und Beilagen herum, bis ich schließlich ein einziges Schlachtfeld auf meinem Teller anrichtete. Bei dem Versuch, die Stücke zum Mund hin zu balancieren, fielen sie mir ständig von der Gabel. Ich schwitzte Blut und Wasser. Als alle anderen schon längst fertig waren und auf mich warteten, um endlich den Espresso zu bestellen, war ich noch mittendrin.

Wie damit umgehen? So tun, als sei nichts und weiter stochern und fummeln? Das hätte die Blicke der anderen nur auf mich gezogen, da sie selbst ja nichts mehr zu tun hatten. Oder abbrechen? Mein Essen war ohnehin schon kalt. Um die Situation noch irgendwie zu retten, wollte ich das Desaster zumindest ansprechen, damit meine Gesprächspartner wussten, dass ich mir zumindest darüber im Klaren war, dass ich nicht nach Stil und Sitte aß. Meiner Bemerkung, dass ich an dem Tag motorisch überfordert sei, das Gericht zu mir zu nehmen und ich lieber kapituliere, entgegneten sie nur mit einem süffisanten Lächeln. Niemand bemerkte: „Verstehe ich, geht mir auch so.“ Da ich unter diesem Defizit schon seit vielen Jahren leide, mich tapfer durchschlage und ernsthaft trainiere, es aber wirklich nicht besser werden will, hilft wohl nur eins: Selbstbewusst und souverän da durch.

Julia Siebert

10/04/09

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