Es ist still. Ganz still. Vor fünf Minuten waren noch alle lebhaft und entspannt. Und jetzt… Wir stehen auf dem Flur und schweigen. Es erklingt eine beängstigende Melodie. Auf beiden Seiten stehen private Gegenstände von Häftlingen verschiedener Nationalitäten. An den Wänden sind Dreckspritzer. Wirklich an alles wurde gedacht bei der Rekonstruktion der Atmosphäre in Karlag, und langsam bekommen wir es mit der Angst zu tun.

Im Rahmen einer Gedenkfahrt sind wir in Dolinka, wo sich das „Karlag“ befindet – was ausgeschrieben so viel bedeutet wie „Besserungsarbeitslager Karaganda des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten“. Es war eines von hunderten von allgemein als Gulag bezeichnet Lagern, die in Josef Stalins Auftrag in einer Zeit immenser politischer Unterdrückung errichtet wurden. Das Karlag umfasste ein riesiges Territorium in Zentralkasachstan: von Norden nach Süden etwa 300 km, von Osten nach Westen rund 200 km.

Das „Museum zum Gedenken an die Opfer der politischen Massenverfolgungen“ befindet sich im Gebäude der ehemaligen Lagerverwaltung. Auf dem Weg dorthin waren alle noch bester Laune. Doch beim Betreten des Gebäudes konnten sie sich gleich in die Atmosphäre hineinversetzen: Jemand meinte sogar das Stöhnen der Insassen hören zu können. Fotos und persönliche Gegenstände der Häftlinge wie Briefe und Tagebücher gaben Emotionen wie Verzweiflung wieder.

Das Karlag hatte nahezu die erfolgreichste Viehzucht und Agrarwirtschaft der Sowjetunion. Der Erfolg resultierte aus Fristen, die die Häftlinge zu erfüllen hatten – „Deadlines“ im wahrsten Sinne des Wortes. Und Gefahr drohte dabei nicht nur den Häftlingen, sondern auch ihren Angehörigen. Für die Frauen der „Heimatverräter“ gab es ein besonderes Lager, das ALGIR hieß. Sie lebten ausnahmslos unter ähnlichen oder sogar härteren Bedingungen als ihre Männer.

Ein schwarzes Loch

Für Wissenschaftler gab es besondere Regeln. Einige von den Inhaftierten waren auf ihrem Gebiet ziemlich erfolgreich, aber für ihre Entdeckungen haben sie nichts bekommen. Wenn jedoch jemand mit seiner Arbeit nicht fertig wurde, wurde auch er verschiedenen Strafmaßnahmen unterzogen. Er musste dann die Arbeit mit den anderen Häftlingen verrichten oder wurde in den „Karzer“, ein schwarzes Loch, geworfen. Eine weitere Möglichkeit war der Tod.

Das Leben war nichts wert im Karlag. Sogar im Lazarett verstand man das, darum wurde auch dort meist nicht zu viel Aufwand betrieben. So war es in Ordnung, wenn ein Häftling nach der Untersuchung sofort in die Leichenhalle kam. Zumindest ist es das, was man sich erzählt, da alle Unterlagen, die beispielsweise Folter betreffen würden, nicht auffindbar waren.

Die Fahrt ins Karlag fand im Rahmen eines Seminars statt, das von DAAD-Lektorin Katharina Buck und Goethe-Sprachassistent Maxim Menschenin organisiert wurde. Am Tag vor der Gedenkstättenfahrt diskutierten die Teilnehmer zusammen über bereits bekannte Fakten, erstellten Plakate über Stalinismus, Karlag und Gulag, und erzählten von Bekannten oder Verwandten, die im Karlag gewesen waren.

Was bringt das Erinnern?

Nach der Exkursion erzählten alle von ihren Eindrücken. Dann nahmen wir uns das Gruppenarbeitsergebnis des ersten Seminartags vor. Eine Gruppe hat einen Denkmalentwurf vorgelegt und sogar ein Modell aus Knetmasse erstellt. Eine zweite Gruppe, die zur „Oral History“ gearbeitet hat, hatte Interviews mit ehemaligen Karlag-Häftlingen durchgeführt. Es war sehr schwer für die Teilnehmer, weil die Befragten alle schmerzhafte Erinnerungen haben und natürlich keine Lust, diese wieder ins Gedächtnis zu rufen. Interviews zum Gulagsystem im Stalinismus im Allgemeinen hat uns Thalia Petscherskich vorgestellt. Sie hat bei ihren Kolleginnen und anderen Menschen Daten erhoben und die so erhaltenen Informationen präsentiert. Die letzte Gruppe hat sich darüber Gedanken gemacht, wie man die Erinnerungskultur in Karaganda noch bereichern könnte und ist dabei auf einige sehr gute, realisierbare Ideen gekommen.

Am Ende des Seminars, bevor alle Teilnehmer Zertifikate bekamen, warf Katharina Buck eine kleine Provokation ein: „Immer in die Vergangenheit zu blicken ‚bringt‘ doch einfach nichts! Wir müssen unser Land auf die Zukunft vorbereiten! Sollen wir uns erinnern?“ Sicher eine interessante Frage, über die auch jeder für sich nachdenken kann.

Von Julia Popowa

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