In einer Fusion aus Tanz, Kampfkunst, Sagenepos und Geschichtsbuch überraschte das Deutsche Theater Kasachstan mit einer ungewöhnlichen Inszenierung unter neuer Regie. In „Ruch. Auf der Erde.“ forderte das kasachische Khanat mit seiner 550 jährigen Geschichte das Ensemble nicht nur inhaltlich, sondern auch physisch heraus.

Es ist die offizielle Premiere des Stücks in der neuen Spielstätte des Deutschen Theater Kasachstan im Uigurischen Theater in Almaty. Der Saal ist gediegen voll und eine leichte Aufregung seitens der Theaterleute, aber auch des Publikums liegt in der Luft. Wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen, da mit „Ruch. Auf der Erde“ ein für das DTK komplett neuer Stoff unter neuer Regie aufgeführt werden soll, unter Eslam Nurtasin. Vorab wurde ein Theater im Format einer Vorlesung angekündigt zur Historie der kasachischen Nation und des Khanats –
heraus kam die Darbietung von Legenden, verwoben mit Geschichte und Geschichten.
Rezitiert wird in Monologen, die mit üppiger, harmonischer Choreographie und Erdtönen untermalt sind. Die Erzählerfiguren wechseln, es gibt insgesamt fünf von ihnen, die das Stück in fünf Abschnitte unterteilen.

Gleichzeitig bringt diese Neutralität der Erzähler, die Ersetzbarkeit aller Figuren und die Gruppenchoreographie die Physis des Ensembles als ein Ganzes hervor. Individualität spielt hier keine Rolle, und es macht natürlich Sinn – aus der Perspektive der Geschichtserzählung über die Formierung einer Nation.

Freier Geist, geboren aus Gefechten

„Ruch. Auf der Erde.“

Ein kurzer Monolog auf Kasachisch – das ist der Prolog. Daraufhin folgen Repräsentationen von der Steppe, den Saken, Dschungaren, anderen Nomadenstämmen, Mongolen, Chinesen, Hunnen, Römern und natürlich Turkstämmen – mal mit-, mal gegeneinander formiert in unzähligen Schlachten und Heeren. Der Kasache wird im Verlauf der Aufführung immer wieder zum „freien Menschen“ erklärt, vor allem Nomadismus und Kriegertum werden wiederholt als Charakteristika herausgestellt. Es fallen Losungen wie: „Wir sind nicht das Volk, das Städte baut.“

Es geht um die Symbolik dieser Werte, die man am liebsten im Jetzt im Geist der Nation repräsentiert sehen will, den Freiheitsdrang und den Mut. Die Kasachen sollen der Legende nach, wie jedes Turkvolk den Geist des Wolfes in sich tragen – des „Sohnes der Steppe“. Mit diesem Steppenwolf sollte man sich als wahrer Kasache identifizieren können, denn er wird zu einer Art Schlüsselfigur.

Es ist tatsächlich ein Gefühl, als wohne man einer Vorlesung bei. Das Spannendste daran ist nämlich zu erfahren, wie nationale Selbsteinschätzung und -charakterisierung vonstatten geht. Zwischendurch wird sogar die Didaktik der Aufführung ironischerweise unterstrichen, indem man sich gegenseitig Jahreszahlen wie im Geschichtsunterricht abfragt. Das Lehrstück unterhält, und der rezitierte Inhalt bleibt mit den zum Teil sehr eindrucksstarken Bildern durchaus haften. Ein historischer Ablauf der Dinge scheint dabei eher zweitrangig, es ist ein Rezept aus Sagen, Geschichtsbüchern, Poesie – alles interpretiert und emotional aufgeladen. Auch hier geht es wohl, wie bei vielen anderen staatlich geförderten Kulturprojekten in Kasachstan, um eine künstlerische Repräsentation von Varianten der Historie.

Dass das choreographische Theater nahezu 1,5 Stunden lang Schlachten und Kriegsgeschichte bedeutet, scheint ebenso sekundär. Die DTK-Chefin Natascha Dubs betrachtet es vollkommen abgeklärt: „Die Weltgeschichte besteht aus Kriegen, so ist es. So ist der Mensch. Er hat das Bedürfnis, immer mehr zu sein.“

„Geschichte erlischt, aber der Geist ist ewig.“

Zum Ende hin wird die Performance der Schauspieler emotionaler, leidvoller, man entfernt sich von heldenhaften Legenden und nähert sich langsam historisch belegbaren und realistischeren Tatsachen. Diese sehen oft eher nicht so gut für die junge Nation aus, doch man weiß darzulegen: „Nomaden fliehen nicht, sie ziehen von Ort zu Ort.“ Historie, Schicksal und didaktisches Erklärungsmodell vermischen sich in choreographischer Klimax zu einer physischen Herausforderung. Am Ende zählt, wie auch nach der Schule, nicht das Faktenwissen, sondern das allgemeine Verständnis einer Situation, der Nachgeschmack sozusagen, denn „Geschichte erlischt, aber der Geist ist ewig.“ Natascha Dubs hat auf die Nachfrage zur Unterscheidung zwischen Geschichte und Geschichten folgende Antwort parat: „Wer kann das denn unterscheiden? Niemand von uns war dabei. Die Geschichte ist eine Legende, wie ein schönes Märchen. Das passt zur kasachischen Sprache, diese ist sehr poetisch.“

Nur eine Akteurin taucht in unveränderter Gestalt auf. Die mütterlich anmutende Schauspielerin aus dem kasachischen Prolog. Während der gesamten Vorstellung saß diese passiv beobachtend – beinahe als Instanz, vielleicht auch als die Verkörperung der stillen Steppe – an der Seite und trat erst zum Epilog wieder vor. Dieser wurde vielsagenderweise, wie auch der Rest der Vorstellung, auf Russisch vorgetragen.

Zwangsläufig fruchtbare Kooperation

Aus heutiger Perspektive lebt natürlich kaum jemand noch in der Steppe, über die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten, und die kasachische Armee ist im Vergleich zu denen der Direktnachbarn eher bescheiden aufgestellt. Bei der Lektüre eines Geschichtsbuchs geht es schon vorrangig um den Kampf um Macht durch Religion oder z.B. Politik. Doch was ist mit anderen Faktoren, die Länder und Nationen voranbringen, wie zivilisatorische Entwicklungen, technischer Fortschritt? Kamen diese erst nach der Formierung der Nation, mit den Russen, die nicht mit einer Silbe in den 1,5 Stunden erwähnt werden? Dubs erklärt, dass es nur um das Große und Ganze gehen sollte, um die „Geburt der Nation“, die aus dem Nichts entstand und nicht um die kleinteilige neuzeitliche Geschichte danach…

Es geht also um die Zeit bis zur Union der zentralasiatischen Völker zu den jetzt bekannten Kasachen. Es geht um die Erziehung des Geistes, die Emanzipation und eine gewisse Poesie bei der Formierung eines nationalen Selbstverständnisses in Kasachstan. Und es stellt sich doch die Frage, wie dieses Stück ausgerechnet den Weg zum DTK fand.

Das ist das erste Mal, dass das DTA mit dem kasachischen Autor Annas Bagdat zusammenarbeitet. Grund dafür ist das 550-jährige Jubiläum des kasachischen Khanats. Dafür erwartete das Kulturministerium seitens des Theaters ein thematisches Stück. „Natascha Dubs kam selber auf mich zu, denn sie hatte bereits mein zeitgenössisches experimentelles Stück „Der Gartenspaziergang“ gelesen. Man lernte sich kennen, und sie lud mich dazu ein, dieses Stück zu schreiben. Ich war auch dramaturgisch bei der Entwicklung der gesamten Aufführung mitverantwortlich,“ so Annas Bagdat.

Neben ihm und Regisseur Eslam Nurtasin waren auch die Choreographin Asel Abakajewa, die Bühnenbildnerin Aigerim Bekmuchambetowa und der Komponist Uschkyn Schhamalbek mit am Werk.

Choreographie und Tanz gehören normalerweise nicht zum Täglich-Brot der Arbeit im Deutschen Theater. Deshalb wurden die physischen Bewegungen mit Trainern eingeübt, einer Choreographin und einem anderen Trainer für die Kampfkunst und das in der ungewohnt kurzen Proben- und Vorbereitungszeit. Schauspielern Xenia Mukstadt erinnert sich: „Es war am Anfang sehr anstrengend, da unsere Körper einfach nicht an eine solche physische Belastung gewohnt waren. Die Kombination aus Choreografie, Text und plastischer Bewegung ist insofern speziell, als das es einer stetigen inneren Arbeit bedarf. Denn gesprochen wird nicht nur der Text, auch über den Körper muss Ausdruck verschafft werden – und das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Ausdrucksformen gilt es zu wahren.“ Die Arbeit mit dem neuen Regisseur sieht Mukstadt als eine zwangsläufige Umstellung, jedoch habe diese ihr einen produktiven inneren Arbeitsprozess an sich selbst ermöglicht. Unter dieser Impression hofft zumindest sie auf weitere choreographische Repertoireausflüge des Theaters.

Was Poesie und Sprache angeht: „Ruch“, übrigens, bedeutet auf Kasachisch „Inspiration“, interessanterweise auf Ukrainisch und Weißrussisch „Bewegung“. Im arabischen gibt es gleich drei Bedeutungen: wie Seele, Gesicht, oder den Namen eines überdimensionalen Fabelvogels, der, laut Erzählungen, in den Grenzregionen Chinas hat leben und sich von Elefanten ernähren sollen und vor dessen gewaltigen Klauen sich ein jeder Reisende fürchtete. Was davon nun wie interpretierbar ist, ist wahrscheinlich auch zweitrangig und bleibt jedem selbst überlassen.

Die nächsten Aufführungen finden am 5. und 12. März, jeweils um 18:00 Uhr in der Galerie Tengri Umai Contemporary (Panfilow-Str. 103, Almaty) statt.

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