In diesem Jahr hängt die Stabilität der gesellschaftlichen Entwicklung in den meisten Ländern in besonderem Maße von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Schließlich haben fast alle Industriestaaten in den letzten beiden Jahren bedeutende Einbrüche ihrer Wirtschaftsleistung hinnehmen müssen. In manchen Ländern beträgt dieser Rückgang gar mehr als 10 Prozent, was eine wahrhaft historische Dimension ist.

Lediglich eine Reihe von großen Entwicklungs- und Schwellenländern, darunter China, Indien und Brasilien, konnten sich mehr oder weniger von den Negativtrends der Weltwirtschaft abkoppeln. Allerdings hängen auch diese Länder – insbesondere China – in strategischer Hinsicht davon ab, wie schnell sich die großen Absatzmärkte, vor allem in den USA, von der Krise erholen werden.

Das Wohl und Wehe Kasachstans hängt in wirtschaftlicher Hinsicht vor allem von zwei Faktoren ab: das ist erstens die Entwicklung der Nachfrage nach den wichtigsten Exportgütern des Landes und zweitens von der Art der Bewältigung der Finanzkrise, die immer noch wie ein Schleier über dem Lande liegt.

Hinsichtlich des ersten Faktors gibt es einige Anzeichen dafür, dass die Nachfrage nach den wichtigsten Exportgütern des Landes steigen wird. Im Gefolge werden sich auch die Weltmarktpreise erhöhen, was für Kasachstan erhöhte Einnahmen bedeutet. Allerdings gibt es keinen Automatismus, die konjunkturelle Erholung auf den großen Absatzmärkten ist nach wie vor labil, ein nochmaliger Absturz der Weltproduktion ist keinesfalls ausgeschlossen.

Zumindest zeigt die Erfahrung aus früheren Krisen, dass diese gerade dann noch einmal ihre Kraft entfalten können, wenn der Optimismus gar zu schnell zurückgekehrt ist. Im Moment dominiert unter Politikern, Unternehmern und Anlegern eindeutig der Optimismus, und das kann ins Auge gehen, weil man die Dinge rosiger sehen will, als sie in Wirklichkeit sind. Im Bereich der Rohstoffnachfrage kann Kasachstan jedoch letztlich nur warten, was auf den Weltmärkten passiert. Staatliche Maßnahmen zur Stimulierung der Nachfrage sind ausgeschlossen.

Der zweite Faktor, von dem wesentlich das Schicksal Kasachstans im Jahr 2010 abhängt, ist die finanzielle Situation des Landes. Hier ist die Lage eindeutiger als beim ersten Faktor. Zum Jahresanfang hat die Außenschuld, also die Summe der Kredite in ausländischer Währung, erstmalig die Marke von 100 Prozent der Produktionsleistung (BIP) überschritten. Theoretisch müsste also die Produktion Kasachstans eines ganzen Jahres eingesetzt werden, um die Außenschuld zu tilgen. Man müsste nur produzieren und dürfte gar nichts davon im Inland verbrauchen. Das geht natürlich nicht, schließlich leben alle von uns durch Essen und Trinken.

International ist es üblich, bei einem Verschuldungsniveau von höchstens 80 Prozent des BIP mit aller Macht die Reißleine zu ziehen und alles zur Verringerung der Außenschuld zu tun. Man kann keinesfalls behaupten, dass dieses Thema die Politik und die Wirtschaft nicht beunruhigt, dennoch ist offen, ob es gelingen wird, noch rechtzeitig die Kurve in die richtige Richtung zu kriegen.

In dieser Frage kann im Moment eigentlich nur die Tatsache etwas beruhigen, dass der Anteil des Staates an diesen Außenschulden nur bei 3 Prozent liegt und etwa ein Drittel der in Devisen zurückzuzahlenden Darlehen Verbindlichkeiten innerhalb von Großunternehmen sind. Die Muttergesellschaft wird ihre in Zahlungsschwierigkeiten befindliche kasachische Tochterfirma nicht so einfach fallen lassen.

Jedenfalls hat diese hohe, völlig unnötige hohe Außenschuld zu einer drastischen Verschlechterung des Kreditratings Kasachstans geführt, was wiederum bewirkt, dass kasachischen Unternehmen auf absehbare Zeit die internationalen Kreditmärkte verschlossen bleiben werden. Die Wahrscheinlichkeit des Entstehens der internationalen Zahlungsunfähigkeit Kasachstans insgesamt wird aktuell mit etwa 20 Prozent angegeben, was einen Platz unter den zehn am meisten gefährdeten Ländern bedeutet. Beruhigen kann dabei sicher nicht, dass diese Tabelle von der Ukraine mit mehr als 50 Prozent Ausfallwahrscheinlichkeit angeführt wird. Schließlich wollte Kasachstan eigentlich jetzt so weit sein, in die Liga der 50 wettbewerbsfähigsten Nationen aufzurücken. Dieses Ziel wird wohl noch wesentlich länger als gedacht im Traumstadium verharren müssen.

Bodo Lochmann

15/01/10

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