Frühe Kritik der Moderne? Zwei neue Bücher beschäftigen sich mit dem Erbe der Philosophie Schellings

Kant oder Hegel? Alle Fragen der Gegenwartsphilosophie schienen über Jahrzehnte auf diese Alternative zurückführbar zu sein. Denn mit Kant und Hegel liegen der zeitgenössischen Philosophie zwei derartig wegweisende, ausgearbeitete, detailreiche Systeme vor, dass ein jeder glaubte, sich jeweils auf einen der beiden berufen zu können. Alle Systementwürfe, die zwischen der Entstehung dieser Großtheorien entwickelt wurden, erwiesen sich in diesem Licht als Durchgangsstationen: Die Formel „von Kant zu Hegel“ sollte meist bedeuten, dass Reinhold, Fichte, Jacobi und Schelling zwar wichtige Ideengeber waren, aber ihre Entwürfe doch bald obsolet wurden. Dieses Bild scheint nun zu bröckeln. Nicht nur Fichte wird, meist existenzialphilosophisch gewendet, neu gelesen. Auch bei Schelling steht Heideggers Wiederentdeckung der Freiheitsphilosophie Pate: Schelling wird nun als der eigentliche Vollender des deutschen Idealismus gehandelt. So auch in der neuen Schelling-Biographie des französischen Spezialisten Xavier Tiliette.

Nicht nur einen neuen, entstaubten Schelling bekommt man hier angekündigt, sondern gar eine Grundlage dafür, Schellings „Bedeutung für das 21. Jahrhundert zu ermessen“ soll hier geliefert werden. Schaudernd öffnet man das Buch, um zu erfahren, wie Schelling uns die Tür ins goldene Zeitalter auftritt. Soll die Philosophie gar mit Schelling zur Orientierungswissenschaft erklärt werden? Was man jedoch zunächst und zumeist in diesem Buch erfährt, sind biographische Details, die dem Interesse an Schellings Philosophie eher im Wege stehen, als es zu befördern. Kopfschüttelnd nimmt man zur Kenntnis, wie viel Missgunst, Neid und Niedertracht im Kreise der Romantiker um Schlegel und die Schellings herrschte. Da wird gelästert und intrigiert, um Posten geschachert und sich gegenseitig die Pest an den Hals gewünscht, dass man sich nur angewidert abwenden kann: der Schlegel-Kreis, ja die halbe Garde der deutschen Frühromantik erweisen sich als Schlangengrube und Tratschküche.

Schellings Werke treten dabei fast in den Hintergrund, wo doch die Biographie eines Philosophen primär eine „biographie intellectuelle“ sein müsste. Selten hat man in diesem Genre so wenig über Philosophie erfahren. Denn statt Thesen und Kerngedanken schlüssig darzustellen, erklärt der Autor, dass dieser oder jener Text „bedeutsam“, „genial“, oder eben „wichtig“ ist. Vielleicht drückt sich hierin auch eine Differenz in der Art und Weise aus, wie man in Frankreich und Deutschland Biographien schreibt? Dass ein Biograph die Person, die er darstellt, beständig als genialen „Seher und Künstler“ lobhudelt und seine Formulierungen mit Adjektiven qualifiziert, als gelte es, Noten zu verteilen, dient nicht der Objektivität. Zumal man Schelling zugestehen müsste, dass er marktschreierische Werbeblöcke eigentlich nicht nötig haben sollte. Auch die Diskussionen der Schelling-Forschung sind wohl eher für Spezialisten interessant. In aller Ausführlichkeit erfahren wir, welcher Schelling-Gelehrte sich wann mit welcher These irrte.

Tiliettes Detailversessenheit macht, dies muss man ihm wiederum hoch anrechnen, auch vor entblößenden Zitaten nicht halt. Lehrreich ist zum Beispiel auch die ausführliche Darstellung des okkultistischen Hokus-Pokus, der Wünschelrutengängerei und des Mesmerismus, mit dem sich Schelling begeistert beschäftigte. Haarsträubende Zitate aus Schellings Naturphilosophie werden dem Leser ebenso unverhohlen serviert wie zahlreiche Peinlichkeiten aus seinem Briefwechsel. In seiner Materialfülle wird Tiliettes Werk zweifellos über Jahrzehnte die Referenzadresse sein. Aber warum Schelling heute?

Schon Mitte der 70er Jahre hatte Odo Marquardt Schelling als heimlichen Zeitgenossen bezeichnet. Die Aktualität seines Denkens stellt nun Wilhelm G. Jacobs in seinem Bändchen „Schelling lesen“ neu in den Mittelpunkt. Die klare Sprache und Linienführung machen diese Einleitung zu einem Genuss. Hier wird Schellings Auseinandersetzung mit Kant als überschreitende Aneignung rekonstruiert: Die von Kant in der Kritik der praktischen Vernunft entwickelte Theorie der Freiheit als Autonomie, also als Selbstgesetzgebung der Vernunft, wird für Schelling zum Ausgangspunkt seiner eigenen Philosophie der Freiheit. Auch in der theoretischen Arbeit des Vernunftvermögens sei die Freiheit unhintergehbare Vorraussetzung, so Schelling. Denn etwas „wissen“ kann nur, wer sich von den gerade aktuellen Anschauungen distanzieren und auf sich selbst reflektieren kann. Dazu aber bedarf es der freien Entscheidung: das Bewusstsein muss sich entscheiden, von der bloßen Gegebenheit der Erscheinungen auf die wissende Reflexion zu wechseln. Damit aber wird bei Schelling das Entscheiden und damit das Wollen zur Bedingung von Bewusstsein überhaupt und ist nicht mehr nur das Thema der praktischen Philosophie. Der „Act des Wollens überhaupt ist die höchste Bedingung des SelbstBewusstseyns“, so Schelling selbst.

Damit aber ist die Tür zu jener Verendlichung des Bewusstseins aufgestoßen, die im 20. Jahrhundert unter dem Programmtitel „Existenzialismus“ Karriere machte. Schellings emphatische Philosophie der Freiheit bietet denn auch das Potenzial zu einer Kritik an einem Leben aus bloßen Sachzwängen. Mit Jacobs können wir Schelling als einen frühen Kritiker der Moderne lesen, der uns den Gegenentwurf zu einer verwalteten Welt, einer ökonomisch denkenden und damit verkürzten Lebensweise an die Hand gibt. Damit wäre verständlich geworden, worauf Tiliette in seinem aufschlussreichen Schlusskapitel Wert legt: die untergründige aber entscheidende Wiederentdeckung und Wiederanknüpfung an Schelling im 20. Jahrhundert. In der Tat ist es beeindruckend, wen uns Tilliete hier alles als Schelling-Verehrer vorführt. Wer die Philosophie des letzten Jahrhunderts verstehen will, wird bei Schelling mit einer fruchtbaren Lektüre belohnt.

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