Es ist der Höhepunkt für Touristen in Turkmenistan: der brennende Krater von Derweze. Recht unspektakulär am Tage, doch in der Nacht ein leuchtender Punkt, den man sogar vom Flugzeug aus sehen kann. Der fünfte Tag unserer Reise sollte uns endlich zum „Tor der Hölle“ bringen.

Doch bevor es losgeht, erwartet uns am Morgen eine Überraschung: Bisher hatte uns der sympathische Guide Nick begleitet. Am Vorabend hatte er sich noch mit: „Bis Morgen!“ verabschiedet. Auf einmal steht Gulschat vor uns. „Hallo, ich bin Ihr neuer Guide“, sagt die Mittzwanzigerin. Nick sei krank geworden. Leicht irritiert, sind wir nicht sicher, ob die Geschichte stimmt und hoffen, dass mit Nick alles in Ordnung ist. Vielleicht hat er uns allzu viele Freiheiten gewährt? Zu offen mit uns gesprochen?

Ein Grab aus Marmor

Turkmenbaschi-Moschee
Größte Moschee Zentralasiens: die Turkmenbaschi-Moschee in Kiptschak. | Foto: Othmara Glas

Nun geleitet uns jedenfalls Gulschat, eine ethnische Turkmenin, die in Belarus Englisch und Deutsch studiert hat, zu den Sehenswürdigkeiten. Erster Stopp: Kiptschak, der Geburtsort des ersten Präsidenten Turkmenistans. Ende 2004 wurde hier die größte Moschee Turkmenistans fertiggebaut. Schön sieht sie aus, aber an diesem Dienstagmorgen ist sie komplett leer. 20.000 Menschen finden hier Platz. Gulschat meint, dass sie zum Freitagsgebet voll sei.

Der Bau an sich spiegelt die Versessenheit der Turkmenen auf Zahlen wider: Unterhalb der 60 Meter hohen Kuppel sind 48 Fenster angebracht. Sie stehen für das große Erdbeben 1948, bei dem die Mutter und die beiden Brüder von Saparmurat Nijasow ums Leben gekommen sind. Die Moschee wurde genau an dem Ort errichtet, wo sie gestorben sein sollen. Die vier 91 Meter hohen Minarette geben symbolisch das Unabhängigkeitsjahr Turkmenistans 1991 wieder. Im Innern der Moschee liegt ein sternförmiger, achteckiger Teppich aus. Sowohl die Minarette als auch die Säulen drinnen sind mit Sprüchen aus der „Ruchnama“ verziert. Neben der Moschee steht das Turkmenbaschi-Mausoleum. Nicht nur „Vater der Turkmenen“, Nijasow selbst, sondern auch seine Eltern sowie seine Brüder liegen hier begraben. Mausoleum und Moschee sind aus feinstem italienischem Mamor gefertigt. Allgemein komme der Marmor in Turkmenistan aus Indien, China oder Italien, erläutert Gulschat.

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Alkohol in Ruinen

Mehr als 2000 Jahre alt: die Ruinen von Nisa.

Nach so viel Prunk geht es in die Ruinenstadt Nisa. 20 Kilometer von Aschgabat entfernt, begannen hier 1930 archäologische Ausgrabungen. Alt-Nisa wurde wahrscheinlich schon im 2. Jahrhundert vor Christus besiedelt. Heute gehört die Anlage zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auf dem Weg zu den Ruinen, die in einer malerischen Landschaft liegen, kommen uns ein örtliches Fernsehteam sowie eine Touristengruppe aus Europa entgegen.

Der Mann, der fachkundig durch die Ruinen führen soll, ist sichtbar angetrunken. Davon zeugt nicht nur seine Fahne, die einen dazu zwingt, die eigene Übelkeit zu unterdrücken. Trotz seiner Beschreibungen und Fotomontagen, wie es in Nisa einmal ausgesehen haben soll, fällt es uns schwer, uns die luxuriösen Bauten vorstellen zu können.

Am Nachmittag brechen wir endlich zum Krater auf. Auf dem Weg halten wir im Wüstendorf Erbent. Im Reiseführer wird die Ortschaft als Oase beschrieben, in der sich die Gruppe der Tekke bis heute nach ihrer ursprünglichen Lebensweise richtet. „Neben nahezu jedem Haus steht auch noch eine Jurte“, heißt es in dem Büchlein. Jurten sehen wir keine, dafür aber viel Armut. Es ist Anfang April, und die Sonne brennt sengend über dem Wüstendorf. Wie es hier erst im Sommer ist? Die Lehmhäuschen bieten wohl kaum ausreichend Schutz vor der Hitze.

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Besser nicht krank werden

Meine Reisebegleiterin war bereits 2006 in Turkmenistan. Damals hat sie Fotos von einem Krankenhausprojekt in der Region gemacht. Die Porträts von Ärzten und Angestellten möchte sie 13 Jahre später gern persönlich überreichen, weshalb wir in das örtliche Krankenhaus, das seinen Namen kaum verdient, fahren.

Was können Sie gemeinsam mit Ihrem Kind machen? Die Bilder geben einige Hinweise.

Während sich die Angestellten der Klinik um die Fotos scharren und Gulschat als Übersetzerin herhalten muss, nutze ich die Gelegenheit mich in dem einstöckigen Gebäude umzusehen. Im Patientenzimmer stehen sechs unbequem wirkende Holzbetten – vier für Erwachsene, zwei für Kinder. An den Wänden im Korridor hängen Illustrationen des Kinderhilfswerks UNICEF: „Was können Sie gemeinsam mit Ihrem Kind machen?“ Auf den Bildern gibt es Tipps wie: zusammenBlumen pflanzen, Brot backen oder nähen. Ein Untersuchungsraum am Ende des Ganges erinnert eher an eine Folterkammer. Der Gynäkologenstuhl ist eine einfache Metallplatte. Hier möchte man lieber nicht Platz nehmen – und krank werden schon gar nicht.

Wie schwierig es um das Gesundheitssystem in Turkmenistan steht, zeigt auch ein Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 2005. Demnach wollte Turkmenbaschi alle Krankenhäuser im Land – bis auf eines in Aschgabat – schließen lassen. 27.000 Angestellte verloren ihre Jobs. Ein Teil wurde durch Wehrpflichtige ersetzt. Für Ausländer in der Hauptstadt gibt es heute teure Spezialkliniken. Die einfache Bevölkerung muss sich mit der unzureichenden Grundversorgung begnügen.

Wie sich herausstellt, stammen die Fotos meiner Begleiterin aus einem anderen Ort. Doch immerhin gelingt es, einen der Chirurgen von damals telefonisch zu erreichen. Die Krankenhausangestellten in Erbent versprechen, ihm die Fotos zukommen zu lassen.

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Das ewige Feuer

Auf dem Weg zum Krater von Derweze halten wir an zwei kleineren Kratern, die ebenfalls aus der Zeit der geologischen Erkundungen Anfang der 1970er stammen. Die Gegend soll reich an Erdgas sein. Einer der Krater ist mit Wasser gefüllt, das bläulich schimmert und irgendwie beruhigend vor sich hinblubbert.

Reiseführerin Gulschat lässt uns kaum mehr aus den Augen. | Foto: Othmara Glas

Am frühen Abend erreichen wir den Hauptkrater. Noch ist es hell, und er wirkt relativ unscheinbar. Eine unerwartete Hitze geht von den Flammen aus. Darüber wie es zu diesem „Naturwunder“ kam, gibt es verschiedene Versionen. Auf der deutschsprachigen Wikipedia-Seite steht, dass Geologen 1971 zufällig eine mit Erdgas gefüllte unterirdische Höhle gefunden haben, die während Bohrungen zusammenbrach. In der englischsprachigen Version wird der turkmenische Geologe Anatoly Buschmakin zitiert. Ihm zufolge waren die Geologen auf der Suche nach Öl, fanden aber Gas. Andere Quellen meinen, der Unfall sei bereits in den 1960er Jahren passiert. Über Menschen, die bei der Entstehung des 70 Meter breiten Kraters, in den Tod stürzten, findet man nichts.

Wie es schließlich zum Ausbruch des Feuers kam, ist umstritten. Laut Wikipedia setzten die Bohr-Ingenieure selbst den Krater in Flammen, um das austretende, giftige Methangas zu verbrennen – und so weiteren Schaden zu vermeiden. Die Forscher hofften demnach, dass das Gas bald verbrannt sein würde. Im Reiseführer heißt es, dass in der Zeit nach dem Unfall viele Tiere in der Gegend um den Krater verendeten. Ein Viehhirte soll, um weitere Verluste zu vermeiden, einen brennenden Autoreifen hineingeworfen haben.

Wie lange die Flammen noch lodern werden, weiß keiner. Der aktuelle Präsident Gurbanguly Berdimuchamedow hat bereits mehrmals angekündigt, den Krater schließen und das Feuer löschen zu wollen. Die Reiseagenturen setzen auf das touristische Potenzial. Unsere Tourfirma hat ein kleines Jurtencamp in der Nähe des Kraters errichtet – inklusive Toiletten und Duschkabine.

Es ist dunkel geworden. Die Hitze des Tages ist verschwunden. Jetzt erst scheint die Absurdität dieses Ortes wirklich. Mitten im Nirgendwo, in der Wüste Karakum, tauchen die Flammen den Nachthimmel in orangefarbenes Licht. Man wird automatisch nachdenklich. Lange schauen wir den Flammen zu, die zu abstrakten Formen werden. Kaum zu glauben, dass das Feuer schon fast 50 Jahre brennen soll.

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