Der Kampf ums Leben

Abdo Dohaim ist nicht nur ein beliebter Kommilitone, sondern auch ein Geflüchteter.
Abdo Dohaim ist nicht nur ein beliebter Kommilitone, sondern auch ein Geflüchteter. | Bild: privat

Unsere Autorin lebt und studiert in Hamburg. Ihr internationaler Freundeskreis beherbergt viele interessante Persönlichkeiten. Zu ihrer Überraschung erfährt sie irgendwann, dass einer ihrer Freunde ein Geflüchteter ist.

Dohaim ist ein Freund von Freunden. Ich bin ihm oft in meinem Freundeskreis begegnet. Er ist ein netter Typ mit arabischen Wurzeln, spricht wunderbar Deutsch, ist sehr sportlich, klug, humorvoll. Auf den ersten Blick unterscheidet ihn nichts von anderen Studenten an der Uni Hamburg. Abdo ist sehr beliebt bei seinen Freunden und viele finden, dass er so ein richtiger Kerl ist. Einmal habe ich gehört, dass er Flüchtling sei, was mich sehr überraschte.

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Man merkt, dass er aus einer guten, intellektuellen Familie kommt. Bei einem Gespräch erfuhr ich, dass sein Vater jemenitischer Diplomat war und ermordet wurde. Als er seine Lebensgeschichte fortsetzte, wurde klar, dass er ein Kriegskind ist: seine Eltern und einen Bruder hat er verloren. Einige Geschwister sind noch in Jemen. Je weiter unser Gespräch voranschritt, desto mehr überraschte es mich, wie stark er ist, und wie er mit dem Leben kämpft. Jeden Tag und jede Stunde, seitdem in seinem Land der Krieg ausbrach.

Immer, wenn ich über sein Leben schreiben wollte, hat Abdo diesen Vorschlag abgelehnt. Es fiel ihm nicht leicht, so offen zu erzählen. Doch dann war er einverstanden damit, dass die Menschen erfahren, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Seitdem ich seine Geschichte kenne, nenne ich ihn Kämpfer, aber jetzt lasse ich Abdo seine Geschichte selbst erzählen.

Per Schleuser zum DAAD-Stipendium

Ich bin Abdo Dohaim, 25 Jahre alt und komme aus dem Jemen. In meiner Heimat habe ich Germanistik studiert. Im 6. Semester meines Studiums habe ich ein fünfmonatiges DAAD-Stipendium bekommen. Als erstes Problem erwies sich damals natürlich die Ausreise. Wie sollte ich Deutschland erreichen, wenn im Jemen alle Flughäfen zerstört sind? Ich musste so schnell wie möglich nach Berlin kommen, um mein Stipendium nicht zu verlieren. Ich war damals 23 Jahre alt.

Mit einem Schleuser fuhr ich nach Saudi-Arabien. Erst von dort konnte ich mit dem Flugzeug über die Türkei nach Berlin fliegen. Als das Stipendium abgelaufen war, wollte ich selbstverständlich nach Hause zurückkehren, weil damals mein Vater und mein Bruder ums Leben gekommen waren, und meine Familie mich brauchte. Auch heute mache ich mir noch immer große Sorgen, weil meine Familie im Krieg ist.

Es war sehr schwierig, weil kein Flugzeug in den Jemen flog. So bin ich zur saudi-arabischen Botschaft gegangen, um ein Visum zu beantragen. Das hat nicht geklappt, weil ich keine Bürgschaft hatte. Ich kannte niemanden in Saudi-Arabien, der mich empfangen konnte. Da habe ich mir einen Anwalt gesucht, weil ich nicht illegal in Deutschland bleiben wollte.

Bei der Ausländerbehörde erklärte ich, dass ich nicht in den Jemen fliegen kann. Bis zum Kriegsende durfte ich bleiben. Ich wusste damals nicht, dass ich einen Asylantrag stellen musste. Doch das war die einzige Option, weil ich aus einem Land komme, in dem Krieg herrscht. Also habe ich Asyl beantragt, und 17 Monate gewartet. Das war für mich schon schwierig. In dieser Zeit habe ich eine Ausbildung zum Elektriker begonnen. Doch dann brach ich die Ausbildung ab und ließ mich an der Uni einschreiben, meine Noten anerkennen und setzte so mein Studium fort.

Realität und Grenzen

Momentan muss ich parallel zum Studium arbeiten. Die Arbeit ist sehr wichtig für mich, denn nur so kann ich meinen Lebensunterhalt und mein Studium finanzieren. Zurzeit bin ich Übersetzer nach Bedarf, bei der Polizei, und außerdem auch als Arabischlehrer in Lübeck. Ich schicke auch Geld an meine Familie. Der liebe Gott hilft mir. Ich versuche, stark zu bleiben, aber manchmal fällt es mir nicht leicht und ich möchte aufgeben, ich kann nicht parallel arbeiten und studieren – diese Worte kreisen in meinem Kopf. Doch dann verstehe ich ganz klar, dass es nicht anders geht. Für mich ist es wichtig, eine Ausbildung zu bekommen. Ich will ein international gefragter Übersetzer werden.

Schicksalhafte Gastfamilie

Meinen Gastvater lernte ich zufällig in einem Café kennen. Es war ein schöner Tag mit tollem Wetter. Ich sah einen Mann und habe ihn einfach gefragt, ob er aus Lübeck kommt. Er hat mir auch ein paar Fragen gestellt, und es stellte sich heraus, dass er schon einmal im Jemen war. Ich erzählte, dass ich Geflüchteter bin. Wir sprachen dann auch über deutsche Literatur, was ihn überraschte.

Er lud mich zu einem Besuch ein. So hat sich unsere Freundschaft entwickelt. Ich betrachte die Leute als meine zweiten Eltern, meine Eltern in Deutschland. Meine Gastfamilie hat einen Sohn, den ich als meinen Bruder sehe. Diese Familie brachte so viel Verständnis für mich auf, gab mir so viel Herzlichkeit, Wärme und Liebe. Ich liebe meine deutsche Gastfamilie sehr und danke dem Schicksal, dass ich sie auf meinem Lebensweg getroffen habe.

Flüchtling sein

Einsamkeit und Fremde. Diese zwei Wörter verbinde ich mit dem Wort ‚Flüchtling‘. Ich vermisse meine Familie, meine Freunde. Nach dem Verlust meiner Mutter habe ich meinen Traum an ein Wiedersehen völlig verloren. Ich kann nicht schlafen. Ich will manchmal in den Jemen zurückkehren. Rennen, durch Gebirge und Wälder. Ich stelle mir vor, wie es einmal zu Hause war.

Vor dem Krieg hatten wir ein sehr gutes Leben. Ich komme aus einer wohlhabenden Familie. Ich liebe den Jemen und bin stolz darauf Jemenite zu sein. Ich will in die Vergangenheit zurückrennen. Doch das ist nicht möglich, was war, kommt nicht wieder. Meine Eltern kommen nicht wieder ins Leben zurück. Meine Freunde, die gestorben sind, werden auch nicht wieder lebendig. Man sagt, Männer weinen und leiden nicht. Ich weiß nicht.

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„Terror ist nicht der Islam, es ist Unmenschlichkeit“

Der Krieg im Jemen ist einfach Dummheit. Ein Krieg zwischen Brüdern. Es tut mir sehr weh, das zu sehen. Er dauert schon länger als der Krieg in Syrien, bereits seit September 2011. Schon vier Jahre. Doch über den Krieg in Jemen wird nicht so viel berichtet. Was dort passiert, ist Horror. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist mir auch peinlich zu sehen, wenn es in der Welt zu Terroranschlägen kommt, die von Muslimen verübt werden. Das ist nicht der Islam. Das ist Unmenschlichkeit.
Ich bin Deutschland ewig dankbar dafür, dass es den Flüchtlingen die Möglichkeit gegeben hat und immer noch gibt, ohne Krieg zu leben. Unser Nachbarland Saudi-Arabien, dessen Einwohner übrigens auch Muslime sind, hilft uns nicht. Uns hat Deutschland geholfen. Das ist alles so unsinnig, diese Feindschaft zwischen Muslimen, Juden und anderen Religionsgemeinschaften. Warum kann man einander nicht einfach respektieren, lieben und in Frieden leben, so wie in Deutschland? Das Leben ist überall nicht einfach, man sollte jede Sekunde mit den Menschen, die man liebt, genießen.