Viktor Bystrjanzew begann seine Eishockey-Karriere bei „KasZink Torpedo“, der besten Eishockey-Mannschaft Kasachstans. Dann ging Bystrjanzew nach Deutschland und spielte sich in die Herzen der Fans der „Lausitzer Füchse“. Doch zu Ende gehen soll seine Karriere auf „heimischen Eis“

Nach vier Jahren Deutschland ist er wieder zurück in Ust-Kamenogorsk, der Bezirkshauptstadt im Osten Kasachstans. Viktor Bystrjanzew ist Verteidiger bei „KasZink Torpedo“, der besten Eishockey-Mannschaft des Landes.

Alles begann, als sein Großvater, selbst begeisterter Eishockey-Fan, den Achtjährigen zum Eishockeytraining mitnahm. Das war 1979. Nach dem Abschluss der Mittelschule spielte Viktor Bystrjanzew zunächst anderthalb Jahre in seiner Freizeit, bis der Trainer von „Tauris“ ihn 1989 nominierte. Bereits in den ersten Spielen erregte Viktor die Aufmerksamkeit von „Torpedo“-Talentsuchern. Woraufhin er für eine Saison nach „Torpedo“ ging, um anschließend wieder bei „Tauris“ zu spielen. Dann, nach zwei Jahren, erspielte sich Viktor einen Stammplatz in der ersten Mannschaft von „Torpedo“.

Träger dieses in ganz Kasachstan bekannten Eishockeyklubs ist der größte Betrieb und Umweltverschmutzer der Region, das Zinkkombinat, das Tonnen giftiger Gase über die Stadt bläst und das Atmen schwer macht. Der Hockeyleidenschaft der Bevölkerung scheint das keinen Abbruch zu tun. Hockey heißt im Sprachgebrauch in Kasachstan und Russland immer Puck und Eisfeld- und Rasenhockey als Sportart gibt es nicht.

Wegen der schwachen Konkurrenz im Lande darf „KasZink Torpedo“ in der höheren Liga Russlands (die zweite nach der Super-Liga) spielen. Dies ergibt bei den meisten Heimbegegnungen von „KasZink Torpedo“ das kuriose Bild, dass vor Spielanfang jeweils zwei Nationalhymnen erklingen: die russische und die kasachstanische. Die Sonderregelung hat ihre Gründe auch in der starken Ausbildung in Ust-Kamenogorsk, die beim Nachwuchs ab sieben Jahren beginnt und nicht selten bei NHL-Größen in Kanada, den USA, Europa und Russland endet.

„Torpedo“-Stars wie Nabokow, Mogilni und Ponikarowski, die diesen Weg gegangen sind, bleiben heimatverbunden und sind Lokalberühmtheiten geworden. Sie schreiben in den Zeitungen, geben Interviews, rufen an oder kommen gar auf Besuch. In der Stadt werden sie auch Jahre nach ihrem Weggang in die „ferne Profi-Eishockeywelt“ als Kinder der Stadt angesehen, bleiben sie die „von uns“, wie die Kenner der Szene hervorheben. Kein Wunder, wenn zum Beispiel Anatoli Antropow, millionenschwerer Stürmer bei den „Toronto Meaple Leafs“, daran denkt, die Zwangspause durch den NHL-Streik bei „seinen“ Leuten in Ust zu überbrücken und eine Saison lang wieder dort zu spielen, wo seine Karierre begann.

Einen ähnlichen Weg geht auch Viktor Bystrjanzew. Ein Angebot aus der sächsischen Kleinstadt Weißwasser lässt ihn nicht lange zögern. Vor seiner Abreise kauft Viktor für seine Eltern ein Auto. Die Freunde in der städtischen Verkehrspolizei fragen ihn, ob die 017 als Kennzeichen recht sei – jene Nummer, die Bystrjanzews Trikot in Weißwasser bei den Lausitzer Füchsen tragen soll. So sind die Verhältnisse in einer Stadt, in der ein Eishockeyspieler Wohnung und Fahrzeug vom Klub zur Verfügung gestellt bekommt, wenn der erste Vertrag unterschrieben ist. Der in den Zurufen vom Publikum auf das Eis durchweg geduzt wird. Der einer „von uns“ ist.

Der 29jährige Bystrjanzew ist von Ehrgeiz gepackt. Er will „ spielen und was drauflegen“, sich selbst erproben. „Wenn der Spieler in der Entwicklung stehen bleibt, stirbt er“, so Bystrjanzew. Also liegt die Aufgabe in der steten sportlichen Vervollkommnung. In der Arbeit an sich selbst.

Heute, im Rückblick auf seine Weißwasser-Zeit, sieht er vor allem Unterschiede. Der Club verfüge nicht über eine dichte Nachwuchsschicht wie in Kasachstan. „In Kasachstan bildet eine Vielzahl Trainer an der Sportschule eine große Zahl von Nachwuchsspielern heran, täglich zweimal Training. Da gehst du dreimal pro Woche sogar um sieben Uhr vor und um 16 Uhr nach der Schule aufs Eis.“ Und auch das Training in Deutschland sei weniger intensiv: „Bei uns trainierst du bis zum Umfallen, du bist viel häufiger und länger auswärts unterwegs, teilweise 14 bis 30 Tage lang, was auch den Entfernungen zwischen den Spielorten der Liga geschuldet ist.“

Trotz der deutlichen Unterschiede in Trainingssystem und Wettkampfbetrieb findet sich Bystrjanzew schnell in das neue Leben ein. Vier Bundesligasaisons bedeuten für ihn sportliche Selbstverwirklichung und einen gewissen Bekanntheitsgrad. Fans kommen bereits im ersten Jahr mit dem Trikot Nr. 17 zum Anfeuern, sein Konterfei ist auf den Werbematerialien des Vereins zu sehen, der Mannschaftsbus sogar mit seinem Ganzkörperposter beklebt. Eine kleine Berühmtheit also in einer Kleinstadt mit 35 000 Einwohnern, in der der Eishockeyverein von der Sparkasse, einer Baufirma und einer Spedition unterstützt wird.

Doch es gibt etwas, das fehlt. Das anders ist als in Kasachstan. Das ihn nicht zu einem „von ihnen“ macht. Geselligkeit und persönliche Kontakte zum Beispiel. Diese beschränken sich hauptsächlich auf die Mannschaftskameraden und deren Familien, teilweise russischsprachige. Erst am Ende des Aufenthaltes in Weißwasser finden die Bystrjanzews auch deutsche Freunde. „Dafür gestaltete sich das Familienleben umso intensiver. Schließlich ist unser zweites Kind 2001 hier geboren worden.“

Dennoch sehnt sich die Familie nach Bystrjanzews Eltern und den Verwandten in Ust. Schon nach drei Monaten Deutschland sagt nicht nur Tochter Vika halb im Spaß: „Los, wir fahren zurück!“

Bystrjanzew Sprachkennsnisse sind gering, nur seine Ehefrau hatte an der Universität Deutsch gelernt. Der Besuch eines kostenlosen Sprachkurses ist wegen der starken zeitlichen Einbindung beim Verein kaum möglich. Auch für eine abwechslungsreiche Freizeitbeschäftigung bleibt keine Zeit. „Nicht mal Energie Cottbus konnte ich mir anschauen, geschweige denn andere Spiele der deutschen Eishockeyliga, und das in vier Jahren!“

Trotzdem verlängert er bis zum 31. März 2004 seinen Einjahresvertrag dreimal. Dann kommt das Angebot aus Ust, nach Kasachstan zurückzukehren. Und dazu der Ärger mit der Verletzung. Ein vereiterter Blinddarm wird zu lange als Rückenerkrankung oder Gastritis-Verdacht diagnostiziert, so lange, bis sechs Wochen Intensivstation den Spieler endgültig aus dem Rhythmus werfen.

„Nach der Operation und dem Vertragsende sah ich meine weitere Perspektive nicht mehr in Deutschland. Auch für die Familie nicht. Acht Jahre spielst du nicht einfach so durch an einem fremden Ort.“ Und letztlich will er „den Einheimischen nicht die Arbeit wegnehmen, Menschen, die ihr Leben lang für die Sache des Sport geschuftet haben“.

Die familiäre Situation erfordert eine schnelle Abreise, um den Eltern in Ust zu helfen.

„Als Spieler möchte ich noch zwei, drei Saisons spielen und meine aktive Laufbahn eben doch zu Hause, auf heimischem Eis beenden.“

Und das berufliche Danach? Bystrjanzew ist unentschlossen. „Eine Arbeit mit Freude und mit Menschen“ würde ihn reizen. Und das Nächstliegende – der Trainerposten? Das sei zu vage, weil es viel mehr Absolventen gäbe als Stellen.

Aber vielleicht wird Bystrjanzew ganz woanders tätig. Seine Eltern haben inzwischen ein Haus im Wald, 50 Kilometer von der Stadt entfernt. Sie halten Pferde und Fohlen, darunter auch eigene Zuchttiere. Doch vorerst kümmert sich der „Rückkehrer“ um die Renovierung der neuen Wohnung. Die hat er nicht vom Klub bekommen. „Jetzt, bei höherem Spielergehalt, bist du selbst verantwortlich für solche Dinge.“ Sein sportliches Credo wird nun wieder in Ust und in ganz anderen Fragen seines Lebens eine Rolle spielen: „Allen, vor allem sich selbst beweisen, dass du immer zu mehr in der Lage bist.“

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