Seit Anfang der 1990er Jahre sind über 800.000 Kasachstandeutsche nach Deutschland übergesiedelt. Unter ihnen auch Familie Kossow aus Aksu in Kasachstan. Seit September 2006 lebt die Familie im sächsischen Neustadt. Anfangs war Oxana Kossowa noch allein mit ihrem Sohn in Deutschland. Inzwischen ist ihr Mann nachgekommen. Gemeinsam besuchen sie jetzt einen Integrationskurs in Neustadt. Die DAZ berichtet in loser Folge über die Erfahrungen der Familie in ihrer neuen Heimat.

„Sitzen – du sitzt – gesessen“, liest Oxana Kossowa von einem Arbeitsblatt vor. Die 29-Jährige gehört zusammen mit ihrem Mann Eugen mit zu den zehn Teilnehmern des derzeitigen Integrationskurses am Vatter-Bildungszentrum in Neustadt. Migranten und Spätaussiedler, vom 17-jährigen Roman Schemberger aus Russland bis zur 53-jährigen Nadeschda Iwanowa aus Kasachstan, lernen hier zusammen Deutsch.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, am 4. September 2006, kam die gelernte Friseuse Oxana Kossowa mit Sohn Dmitri, zehn, aus Aksu in der Nähe des kasachischen Pawlodar ins sächsische Neustadt. 5000 Kilometer fuhren die beiden damals mit dem Bus – um nah bei ihren Verwandten in Pirna und Heidenau zu sein und auch auf der Suche nach einem besseren Leben: „Ich habe in Kasachstan 100 Euro im Monat verdient, mein Mann 200 Euro, damit kann man auch dort nicht leben. Man musste ständig über das Geld nachdenken und sich verschiedene Nebenjobs suchen“, erzählt sie. Seit dem 14. Februar ist nun auch ihr Mann Eugen in Neustadt. „Das war ein Geschenk zum Valentinstag, er kam überraschend drei Tage eher als geplant“, freut sich Oxana Kossowa noch heute. Seit ihr Mann Jewgeni in Deutschland ist, benutzt er die deutsche Variante seines Namens und nennt sich Eugen.

Die Kossows gehören zu den über 800.000 Spätaussiedlern, die seit Anfang der 90er Jahre von Kasachstan nach Deutschland gekommen sind. Die Deutschstämmigen Kasachstans sind Deportierte und Nachfahren der von Stalin in die kasachische Steppe verbannten Wolgadeutschen. Im Wohnheim in der Langburkersdorfer Kirschallee, wo auch Oxana Kossowa und ihr Mann leben, haben Ende der 90er Jahre zeitweise 180 Spätaussiedler gewohnt. Allein 1997 siedelten 93 Deutschstämmige aus Kasachstan nach Neustadt um. Viele von ihnen sind bald in andere Städte oder in eigene Wohnungen in die Neustädter Neubaugebiete gezogen. Die Kossows lernen noch bis November im Neustädter Integrationskurs. „Wir unterrichten fünf Stunden pro Tag, üben das Sprechen, Lesen und Schreiben. Doch die Leute kommen mit sehr unterschiedlichem Ausgangsniveau zu uns, das ist oft schwierig“, sagt der studierte Grundschullehrer Wolfgang Dießner, der stellvertretend bei Vatter unterrichtet. Er schätzt den Lerneifer und die besondere Disziplin seiner Schützlinge. Larissa Stoll ist Projektleiterin des Integrationstreffs bei Vatter und unter anderem für die Kurse zuständig. Stoll, die selbst Russlanddeutsche ist und seit zehn Jahren in Neustadt lebt, sieht den für Migranten kostenlosen Unterricht vor allem als Sprungbrett: „Die sechs Monate sollen die Basis bilden und den Teilnehmern ein Minimum an Deutsch beibringen. Außerdem vermitteln wir soziale Kompetenzen und unterrichten Landeskunde, Bewerbungstechniken, Geografie und Geschichte“, sagt sie. 630 Stunden Integrationsunterricht stehen seit 2005 jedem Migranten zu, „viele hatten vorher keine Möglichkeit, Deutsch zu lernen“, erzählt Stoll. Zwei bis drei der zehn Kursteilnehmer hätten aus ihrer Sicht eine Chance, gleich nach dem Kurs einen Job zu finden, schätzt sie ein. Doch die Vorurteile gegenüber den Deutschstämmigen aus dem Osten seien immer noch groß.

Die Kossows möchten gern auf jeden Fall weiter Deutsch lernen: „Ich habe noch Angst vorm Sprechen, für uns ist aber die Sprache das Wichtigste, um uns zu integrieren“, sagt Oxana Kossowa. Jeden Tag erledigt sie mit ihrem Mann die Hausaufgaben für den Sprachkurs. Tatkräftige Unterstützung bekommen sie dabei von Sohn Dmitri. Der Zehnjährige geht seit einem Jahr auf die Julius-Mißbach-Grundschule in Neustadt, spricht schon fließend Deutsch und will nächstes Jahr aufs Gymnasium.

Für die Kossows, die in zwei Zimmern im Asylbewerber- und Spätaussiedlerwohnheim in der Kirschallee in Langburkersdorf wohnen, gibt es jetzt nur ein Ziel: „Wir wollen so schnell wie möglich fließend Deutsch sprechen und eine Arbeit finden“, sagt Oxana Kossowa. Und Ehemann Eugen erzählt von seinem größten Traum: „Irgendwann würde ich gern auf dem Land ein Haus bauen.“

Von Cornelia Riedel

21/09/07

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