Tadschikistan leidet unter dem kältesten Winter seit Jahrzehnten. Der zentralasiatische Staat steckt zudem in einer schweren Energiekrise: Da die Stauseen gefroren sind, können die Wasserkraftwerke den Strombedarf des Landes nicht decken. Die Vereinten Nationen haben zur Nothilfe aufgerufen, und die Bundesrepublik Deutschland hat eine halbe Million Euro zur Verfügung gestellt. In Chudschand im Norden Tadschikistans begleitete der deutsche Botschafter Rainer Müller die Nothilfemaßnahmen.

/Foto: DED/

Kälte und strahlender Sonnenschein erwarteten Botschafter Rainer Müller in Chudschand, einer Stadt im Norden von Tadschikistan. Der Innenhof der Goetheschule in Chudschand ist voll mit Bedürftigen, unter ihnen viele Deutschstämmige, die Pakete mit Öl, Mehl, Zucker und anderem in Empfang nehmen. 300 Deutschstämmige gibt es in der nördlichen Region Sugd, sie werden besonders unterstützt. Wegen der Energiekrise sind die Lebensmittelpreise gestiegen. Im Vergleich zum Januar 2007 ist etwa der Preis von einem Kilo Fleisch durchschnittlich um 30 Prozent gestiegen, der Mehlpreis gar um 75 Prozent, Öl um 121 Prozent. „Ich bekomme 39 Somoni (etwa sieben Euro) Rente im Monat“, sagt die 76-jährige Sophia Holz. Sie hat fast 50 Jahre in der Kohlenmine gearbeitet.

Tadschikistan ist das ärmste der zentralasiatischen Länder. 64 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und hat weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung. Die Lebensmittel helfen Sophia Holz über die nächsten Monate. „Des is a gud, des sie Produkte gebe habe“, sagt sie auf Deutsch. „Wir müssen hier wohnen wie wilde Leute, kein Strom, kein Gas, kein öffentlicher Verkehr“, sagt der Mann neben ihr in der Schlange. Ein Weiterer fügt hinzu: „Ich brauche allein 60 Somoni für Brot jeden Monat, wie soll man da leben?“. Die Frage verhallt in der kleinen, in dicke Wintermäntel gehüllten Gruppe, die sich um den Botschafter gebildet hat.

Im Gebirge der Ahnungslosigkeit

„Wir vergeben hier Lebensmittelpakete für bedürftige Menschen, insgesamt 300 Stück, die genormt sind und den Bedarf für eine Person für einen Monat sicherstellen“, sagt der Botschafter zu lokalen Journalisten. „Für die Nothilfe nach dem strengen Winter, hat Deutschland ein Hilfsprogramm im Wert von 500.000 Euro aufgelegt. Wir hoffen, dass wir eine weitere Million hinzubekommen“, so der Botschafter weiter. „Außerdem haben wir ein Programm, um Schulen und Krankenhäuser zu unterstützen; wir leisten hier einen Beitrag zur besseren Wärmeisolierung und liefern Generatoren“.

Das Büro der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH) in Chudschand, die die Logistik der Nothilfemaßnahmen übernommen hat, hatte in diesem Winter auch kaum Strom. „Neben der Stromkrise, gibt es auch einen Mangel an Informationen“, sagt eine Mitarbeiterin der DWHH.
Über 90 Prozent des Territoriums von Tadschikistan nehmen Berge und Hochgebirge ein. Kein Strom bedeutet kein Radio, kein Fernsehen, keine Informationen. „Seit Monaten leben wir nur zwei Stunden am Tag. Waschen, Kochen, Hin- und Herlaufen, alles muss man in kürzester Zeit erledigen, an Fernsehen ist da gar nicht zu denken“, sagt eine Frau. Mit zwei Stunden Strom am Tag hat sie noch Glück. Außerhalb der Städte sitzt die Bevölkerung schon seit Monaten vollständig im Kalten und Dunklen.

„Wir wissen nicht, wohin das führen wird“

„Vor allem die DWHH ist hier tätig, aber auch der Deutsche Entwicklungsdienst“, sagte der Botschafter über die Zusammenarbeit mit der nördlichen Region Sugd. Ramasan Nurmamadow der Vorsitzende der Organisation JOVID, die Beratung im landwirtschaftlichen Bereich leistet und auch von einer Fachkraft des DED unterstützt wird, erklärt: „80 Prozent der Kartoffelsetzlinge sind erfroren, wir wissen nicht, wohin das in diesem Herbst führen wird“. In der Gegend um Chudschand wurde in diesem Winter Kälte von bis zu minus 30 Grad gemessen. Auch JOVID hat einen Antrag an die DWHH gestellt, diese prekäre Situation zu berücksichtigen, deren Ausmaße noch nicht einzuschätzen sind. Teilweise auf Kreditbasis will man nun die Landwirte unterstützen. Botschafter Rainer Müller sagte dem Gouverneur der Region auch in diesem Bereich seine Unterstützung zu. „Das ist der schwerste Winter seit einer ganzen Generation, und die wirklichen Helden, das sind die Bewohner des Landes“.

Die Tadschiken jedoch nehmen es mit bewunderswerter Fassung. „Wir überleben alles, Hauptsache, es gibt keinen Krieg“ hört man auf der Straße und in der Schlange vor dem Milchgeschäft, in dem der Milchpreis auch um 50 Prozent gestiegen ist. Von 1992 bis 1997 war hier Bürgerkrieg. Stromprobleme gab es seitdem jedes Jahr, bloß war der Winter schon Jahrzente nicht so lang, so kalt und der Sommer so trocken.(DED)

Weitere Informationen zu den deutschen Hilfsmaßnahmen: www.dwhh.de, www.ded.de

Von Sonja Bill

07/03/08

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