Konkrete Poesie und handfeste Diskussionen – Deutschlernen kann inspirierend sein! Schluss mit langweiligem Vokabelpauken! Ab heute wird es im Deutschunterricht einmal „konkret“!

Natalia Salipjatskich, Dozentin für Deutsch an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU), überraschte ihre Studenten an einem Samstagmorgen mit einer besonderen Unterrichtsstunde. Der Auftrag an die jungen Deutsch-Lerner war, selbstverfasste Gedichte vor den Kommilitonen vorzutragen. Aber nicht irgendwelche Gedichte – sondern konkrete Poesie! Im Spiel mit Sprache und Form entstanden kleine Kunstwerke mit Witz, voller Fantasie und Emotionen. Mereke Schamalchanowa fühlte sich ganz in der Tradition der großen Meister konkreter Dichtung. Sie überlegte kurz, wie sie ihr Gedicht „Herz“ rezitieren sollte und zeigte es dann kurz entschlossen einfach in die Runde. Auf einem weißen Blatt Papier war anschaulich die graphische Form eines Herzes mit demselben Wort „Herz“ aufgedruckt.

Etwas dramatischer ging es beim zweiten konkreten „Herzgedicht“ von Sara Naisabekowa zu: ein entzwei gerissenes Herz zeigte in der Form die Wörter „Angst, Eifersucht, Tränen, Wut, Hass, Traum, Fieber, Kuß und Liebe“ in dunklen Farbschattierungen. Kostja Bytschkow konzentrierte sich auf abstraktere Themen und trug ein „Elfchen“ und zwei Akrostychen vor.
Akrostichen waren schon in der Antike unter Dichtern sehr beliebt und sind Versformen, bei denen die Anfänge, meist die Anfangsbuchstaben, hintereinander gelesen einen Sinn ergeben.

„Elfchen“ sind ebenfalls sehr kurze Gedichte und bestehen aus genau elf Wörtern, die auf fünf Zeilen mit entsprechenden Inhalten verteilt sind. Diese meist sehr kurzen Reime werden vor allem im Unterricht oder als eigene Kreativitätstechnik eingesetzt, um Fantasie zu erzeugen und ein freies Denken zu ermöglichen. In ihrer Form sind sie der konkreten Poesie sehr ähnlich.

Doch was bedeutet eigentlich „konkrete Poesie“? Viele werden sich an das berühmte Gedicht von Christian Morgenstern „Fisches Nachtgesang“ erinnern. Der Begriff „konkret“ stammt ursprünglich aus der Bildenden Kunst und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Dichtung übertragen. „Konkret“ sind die Kunstwerke dann, wenn sie aus ihrem Kontext herausgelöst werden und „für sich selbst stehen“. So werden in Gedichten dieser Stilrichtung einzelne Wörter, Buchstaben oder Interpunktionszeichen aus dem Zusammenhang der Sprache herausgelöst. Die Sprache selbst wird in der konkreten Dichtung zum literarischen Mittel und zum Zweck des Kunstwerks. Das Innovative an der konkreten Poesie war die völlig neuartige Konstruktion der einzelnen Sprachelemente in einer bestimmten graphischen Anordnung, wodurch die inhaltliche Bedeutung verstärkt oder ironisiert wurde.

Ganz in diesem Sinne folgten die Studenten von Natalia Salipjatskich beim Spiel mit der Sprache ihrer Inspiration und trainierten nebenbei ganz spielerisch ihr Deutsch.

Doch damit nicht genug: im zweiten Teil der Deutsch-Stunde wurden die Studenten in zwei Gruppen geteilt. Diesmal war eine andere Art von Kreativität gefragt, denn je ein Pro- und Contra-Team sollte über die Frage diskutieren: Wie zeitgemäß sind Bücher im Vergleich zu den Massenkommunikationsmedien, wie TV-Medien? Ausgangspunkt und Denkanstoß war eine Kurzgeschichte, in der Kinder in einem Museum das letzte Buch auf Erden besichtigen durften.

Per Losentscheid waren die Pro- und Contra-Teams zufällig ausgewählt worden, so dass sich jeder in seine Rolle hineinversetzen und in der Diskussion seine Argumente vorbringen musste.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema TV oder Bücher war für Natalia Salipjatskich ein wichtiges Anliegen. Mittlerweile werden auf internationalen Büchermessen wie Frankfurt oder Leipzig neben Büchern verstärkt E-Books, Audiobooks und I-Pads angepriesen, was viele Bücherliebhaber die bange Frage stellen lässt: Wie lange wird es noch das gute alte Buch geben oder: Wer liest überhaupt noch in der Bevölkerung?

In der Diskussion der beiden Teams kam es vor allem auf die Fähigkeit an, sich im Rahmen einer Diskussion in der Fremdsprache frei auszudrücken.

Die „TV-Gruppe“ trat gleich zu Beginn der Debatte mit einer Reihe von einleuchtenden Argumenten gegen die „Bücherwürmer“ auf: TV-Sendungen und Filme seien schließlich auch eine Art von Kunst, man müsse nicht mehr so viel Zeit für das Lesen dicker Bücher aufwenden und bekomme in kürzerer Zeit viel mehr Informationen vermittelt.

Die Verfechter der Bücher konterten daraufhin schlagfertig, dass Lesen die Entwicklung des Gehirns fördere und Bücher durch die Fantasie mehr Emotionen vermitteln als TV-Sendungen. Außerdem könne der Leser sein eigenes Tempo der Informationsaufnahme bestimmen und im Leseprozess nachdenken. Er sei zudem nicht mehr der völligen Reizüberflutung durch das Fernsehen ausgesetzt.

Nach einigen Minuten entwickelte sich ein reger und bald auch sehr hitziger Dialog zwischen den beiden Teams. Ob die Bevorzugung der Medien TV oder Bücher nicht ohnehin eine Generationenfrage sei? Oder wird es nicht in Zukunft eher so sein, dass Kinder nur noch im Museum Bücher als Relikte vergangener Zeiten bestaunen können?

Am Ende konnten alle ihre auferlegten Rollen ablegen und über das Thema „Buch oder Fernsehen“ abstimmen: Die Stimmenauszählung ergab, dass die Mehrheit der Deutschlerner bei Natalia Salipjatskich Bücher bevorzugt!

Die Studenten des Deutschkurses zeigten eine Menge Begeisterung für konkrete Poesie und vor allem für die deutsche Sprache – denn auf die hervorragenden Deutschkenntnisse können sie wirklich stolz sein!

Von Malina Weindl

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