Der Bundestagsabgeordnete Christoph Bergner arbeitet seit fast fünf Jahren als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Im Interview mit der DAZ spricht er über zukünftige Herausforderungen, die auf die deutsche Minderheit in Kasachstan zukommen.

/Bild: Pressestelle. ‚Christoph Bergner arbeitet seit fast fünf Jahren als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.’/

Welche Rolle spielt die deutsche Minderheit in Kasachstan heute?

Die Deutschen in Kasachstan genießen nach meiner Beobachtung Anerkennung in der Gesellschaft des Landes. Sie haben nach der Deportation von Russland nach Kasachstan sehr viel Hilfe von der kasachischen Bevölkerung erhalten. Außerdem haben mehrere Generationen von Russlanddeutschen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der kasachischen Gesellschaft, der Wirtschaft des Landes, seiner Wissenschaft und Kultur geleistet.

Wie schätzen Sie die Situation der Russlanddeutschen ein, die Kasachstan verlassen haben, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen?

Sie gehören zu den am besten integrierten Zuwanderern Deutschlands, die Russlanddeutschen aus Kasachstan fühlen sich dem Land aber auch immer noch sehr stark verbunden.

Die deutsche Minderheit wird in Zukunft eigenverantwortlich an Projekten arbeiten, die soziale Arbeit ist bereits komplett in den Aufgabenbereich der Assoziation der Wiedergeburt übergegangen. Denken Sie, dass die deutsche Minderheit den vielen neuen Herausforderungen gewachsen sein wird?

Meiner Meinung nach sollte die deutsche Minderheit nicht an einem Tropf hängen, sondern muss eigenständig arbeiten. Dies ist ein langwieriger Prozess, der Schritt für Schritt gegangen werden muss. Die Assoziation der Deutschen in Kasachstan hat in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass sie in der Lage ist, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Sie ist stark in den Regionen aktiv. Das Prinzip der Selbstorganisation sowie demokratische Strukturen haben sich in der Verbandsarbeit durchgesetzt. Außerdem haben die Verlässlichkeit und Selbständigkeit bei der Umsetzung von Projekten stark zugenommen. All das sind gute Voraussetzungen für eine nachhaltige Arbeit.

In Bezug auf das Bildungs- und Informationszentrum der Russlanddeutschen (BIZ) haben sich einige Veränderungen ergeben. Können Sie diese kurz erläutern?

Das BIZ wird auch in Zukunft als länderübergreifende Institution mit einheitlichem Budget beibehalten. Eine Veränderung ergibt sich jedoch insoweit, dass das BIZ als eine juristische Person russischen Rechts unter der Beteiligung der jeweiligen Selbstorganisation der deutschen Minderheit in der Russischen Föderation, in Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und in der Ukraine konstituiert werden soll.

Welche Vorteile hat diese Entwicklung für die deutsche Minderheit in den jeweiligen Ländern?

Das BIZ als länderübergreifende Institution mit einheitlichem Budget gewährleistet, dass die qualifizierte und effektive Arbeit fortgeführt und eine Weiterentwicklung ermöglicht wird. Eine Aufteilung des BIZ in inhaltlich und organisatorisch unabhängige Institutionen hätte zur Folge, dass das bestehende länderübergreifende, einheitliche BIZ-Netzwerk seine Funktion verlöre und sich die Bildungsarbeit für Multiplikatoren, Knotenpunktkoordinatoren und andere Partner verschlechtern und verteuern würde.

Die deutsche Sprache ist mittlerweile als zweite Fremdsprache dem Englischen gewichen. Welche Auswirkungen hat das auf die deutsche Minderheit?

Die wachsende Dominanz der englischen Sprache ist angesichts ihrer Bedeutung als Fremdsprache verständlich. Für die deutsche Minderheit ist Deutsch keine Fremd-, sondern Identitätssprache. Als solche werden wir sie auch weiter mit Hilfe entsprechender Maßnahmen fördern.

Was wünschen Sie sich für die deutsche Minderheit?

Ich wünsche der deutschen Minderheit, dass sie ihre Sprache und Identität pflegen und bewahren kann und dass sie eine Brücke zwischen Kasachstan und Deutschland bildet.

Interview: Antonie Rietzschel

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